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Kultur

Küchenlieblinge der Vergangenheit

Blaue Kartoffeln, weiße Erdbeeren, gelbe Bete sind nicht die neuesten Kreuzungen aus dem Genlabor. Sondern uralte Kulturpflanzen. Gern gegessen, aber von der Massen-Landwirtschaft nicht geliebt.

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Wiesenbocksbart: Von Köchen des 17. Jahrhunderts empfohlen

Gemusterte Tomaten aus Greiffenberg

Gemusterte Tomaten aus dem Versuchsgarten des "Vereins zur Erhaltung und Rekultivierung von Nutzpflanzen in Brandenburg" in Greiffenberg

Sie sind kaum noch auf Wochenmärkten und erst recht nicht im Supermarkt zu finden. Auch nicht im Saatgutregal im Gartencenter. Dafür aber in Schaugärten und Freilichtmuseen. Oder in der Genbank. Oder im Ökolandbau. Die Chancen, es von dort auf den Massen-Markt zu schaffen, sind nicht üppig – trotz EU-Aktionsplan zur Erhaltung der biologischen Vielfalt in der Landwirtschaft.

Eintönige Felder, öde Speisezettel

Wetter: Reifer Winterweizen

Weizen

Die Welt ernährt sich heute von nur noch 150 Pflanzenarten, wie im Bericht der Welternährungs-Organisation FAO über pflanzengenetische Ressourcen (1996) nachzulesen ist. Weizen, Reis, Mais, Knollenfrüchte, Kartoffeln, Zucker und Soja gelten als "die sieben Säulen der Welternährung". Regionaltypische Getreide, Gemüse und Früchte aus Hausgärten zählen nicht dazu. Denn moderne landwirtschaftliche Produkte sollen standortunabhängig und großflächig anbaubar sein, maschinell zu ernten und überregional zu vermarkten.

Apfelernte

Apfelernte. Sorte? Boskopp!

Das geht zu Lasten der Sortenvielfalt: Im 19. Jahrhundert gab es zum Beispiel in Nordamerika noch über 7000 Apfelsorten, inzwischen sind 86 Prozent davon verschwunden. Ebenso 95 Prozent der Kohlsorten und 94 Prozent der Erbsen. Von einst 2500 Kartoffelsorten sind nur 50 übrig. Mit verschwunden sind allerdings auch die genetischen Eigenschaften der Pflanzen, die über Jahrhunderte, manchmal Jahrtausende, von den Bauern hineingezüchtet wurden.

Einmal und nie wieder

Hochleistungs-Saatgut von heute ist Hybridsaatgut: Eine Saison lang liefern die Samen Pflanzen und Früchte – aber keinen Samen zur Weitervermehrung. Der muss jedes Jahr neu gekauft werden,

Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft

Pflanzenschutzmittel - Vorsicht giftig!

weil die Hybriden ihre Eigenschaften nicht vererben können. Außerdem brauchen sie Dünger und Pflanzenschutzmittel. "Die Bereitschaft der Saatgutkonzerne, Schädlingsresisenzen ins Saatgut einzubauen oder entsprechendes traditionelles Saatgut zuzulassen, hält sich in Grenzen", sagt Maximilian Weigend vom Institut für Systematische Botanik und Pflanzengeographie der Freien Universität Berlin. "Die Saatguthersteller wurden inzwischen fast alle von Chemiekonzernen aufgekauft, die schließlich auch ihre Pestizide an den Mann bringen wollen."

Nischenprodukt

Französische Färberkartoffel

blaue Französische Färberkartoffeln

Nur anerkanntes Saatgut darf in der Europäischen Union verbreitet werden. Voraussetzung dafür ist die amtliche Zulassung der Pflanzensorte. Die Obergrenzen für die Zulassung von alten Kulturpflanzen (auf EU-Deutsch "Saatgut genetischer Ressourcen") regelt die EU-Saatgutrichtlinie 98/95. Der Nachweis, dass die Sorte eine regionale und historische Bedeutung hatte, muss vor der Genehmigung erbracht werden.

Pastinake

Pastinake-Wurzeln: schmeckt wie Möhre und Sellerie in einem

"Die Sortenämter haben sich anfangs sehr schwer getan, die von genetischer Erosion bedrohten Sorten und die so genannten 'Amateursorten' bei Gemüsen zu unterstützen", berichtet Frank Begemann, Leiter des Informationszentrums Biologische Vielfalt (IBV) in Bonn. Inzwischen sind erste Details geklärt: Das Saatgut bekommt ein Label. "Daran erkennen die Landwirte, dass es kein Hochleistungs-, sondern Erhaltungssaatgut ist." Althergebrachte Sorten anzubauen, ist und bleibt jedoch ein Liebhaberprojekt. "Das Gros der Landwirte", vermutet Begemann, "ist auf höchstmöglichen Markterlös aus und wird wohl weiter Hochleistungs-Saatgut kaufen."

Greiffenberg: Hier lagern Samen alter Pflanzenarten

Hier lagern Samen alter Pflanzenarten

Übrigens: Die blauen Kartoffeln, unter Gourmets als "tuffe de chine" geläufig, gibt es inzwischen wieder – in Delikatessengeschäften. Weiße Erdbeeren heißen nicht umsonst "Zimterdbeeren". Und gelbe Bete ist milder als rote. Probieren Sie doch mal!

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