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Spurensuche

Können Verletzungen und Wunden heilen?

Wie Fitz binnen eines Tages die Welt repariert: Dr. Ute Stenert von der katholischen Kirche stellt den Preisträger des diesjährigen Katholischen Kinder- und Jugendpreises vor, ein Kinderroman von Anna Woltz.

Bunte Pflaster (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz)

Ausgezeichnet mit dem Katholischen Kinder- und Jugendpreises, das Buch von Anna Woltz. Foto: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz

Ein Wintertag – ein Tag, an dem die Welt im Schnee versinkt. Ein Tag, an dem die Welt anzuhalten scheint. Zumindest draußen. Drinnen klaffen Wunden, sichtbare und unsichtbare. Schmerzvoll sind vor allem jene, die tief innen bluten. Davon erzählt gleichermaßen tiefsinnig wie humorvoll Anna Woltz in ihrem Kinderroman „Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“1. Für ihr Buch wurde die Niederländerin nun mit dem Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017 ausgezeichnet.

Erzählt wird von einem Tag im Leben einer Zwölfjährigen. Diesen Tag verlegt Woltz in ein Krankenhaus. Ein Ort, der gleichermaßen einer des Unheil-Seins wie des Heil-Werdens ist. Gibt es ein Heilmittel für Verwundungen? „Für Fitz steht ein Weg fest: Eingipsen! Unter einem Gipsverband kann ein Bruch zur Ruhe kommen und nach einiger Zeit, wenn der Verband entfernt wird, ist alles wieder ganz. Fitz, weiß auch, wer schnellstmöglich einen solchen Gips benötigt: ihre Familie“2, erläutert Weihbischof Robert Brahm, Vorsitzender der Jury des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises. 

Die Ehe der Eltern zerbrochen

Erst kürzlich haben Fitz‘ Eltern erklärt, dass man einander immer verbunden sei. Auch wenn man von nun an getrennte Wege gehen werde. Das Mädchen, das eigentlich Felicia heißt, hat daraufhin ihren Eltern per E-Mail mitgeteilt: ab sofort wolle sie nur noch Fitz genannt werden. Ein verzweifelter Versuch einer neuen Identitätsfindung in einem kaputten Familiengefüge.

Kurz darauf muss ihre neunjährige Schwester ins Krankenhaus. Sie hat sich bei einem Fahrradunfall verletzt. Die Wunde muss geheilt werden. Und es wird offenbar: In Fitz‘ Familie ist weit mehr in die Brüche gegangen als ein Finger, dem nun die Kuppe fehlt. Die Fingerkuppe kann wieder angenäht werden. Aber wie ist das mit Fitz‘ Familie? Kann auch die wieder in Ordnung gebracht werden?

„Eigentlich ist Fitz mutig und weiß genau, was sie will. Doch die Trennung der Eltern wirft sie aus der Bahn. Fitz ist wütend und tief verletzt. Sie fragt sich, was für eine Familie man sein kann, wenn die Eltern entscheiden, fortan getrennte Wege zu gehen“, erläutert der Weihbischof im Bistum Trier. Eine schwere Frage, die gerade Kindern große Angst macht.

Als Fitz‘ Schwester Bente medizinisch versorgt wird, streift Fitz durchs Krankenhaus. Dort trifft sie auf Adam und Primula und gemeinam ‚gipsen‘ sie Fitz‘ Arm ein „Der ist zwar gar nicht kaputt, aber der Gips gibt Fitz Sicherheit und Halt zurück, er ist ihr ‚Panzer‘ und ihre ‚Rüstung‘: ‚Mein Körper zittert. Nur mein Gipsarm fühlt sich stark an. Der Rest ist weich und schlapp und kann jeden Moment zusammenbrechen“, so Weihbischof Brahm.

Ein Zeichen der Hoffnung

Ausgerechnet im Krankenhaus, an einem Ort so vieler anonymer Schicksale, findet Fitz auf ihrem Streifzug neu zu sich. Und genau das sieht der Juryvorsitzende auch als zentrale Botschaft: „Fitz möchte ihre Welt reparieren, die mit der Trennung der Eltern zerbrochen ist. Der starre Gips an ihrem Arm kann nichts heilen, aber Fitz ist nun stark genug für ein offenes Gespräch mit ihrer Mutter. Danach ist nicht alles wie vorher, aber Fitz‘ Familie und ihre Welt rücken wieder ein Stück zusammen.“ Weiter formuliert Weihbischof Brahm: „Wir alle kennen Verletzungen, die wir am liebsten eingipsen würden. Wir sehen uns nach Heilung und eine Rüstung, wenn wir uns schwach fühlen und Brüche in unserer Welt auftauchen.“ Und er verweist darauf: „Mit der kleinen Fitz hat Anna Woltz ein starkes und mutiges Mädchen geschaffen, das an einem Tag nicht nur ihre eigene Welt repariert, sondern auch für die Menschen, denen sie begegnet, zur Heilsbringerin wird.“

Anna Woltz ist ein Mut machender Roman gelungen. Ihr Plädoyer ist eindeutig: wir müssen offen und ehrlich miteinander sein. Nur so geht es irgendwie weiter, auch wenn wir noch so verzweifelt sind. Fitz’ Geschichte zeigt: Brüche können heilen. Selbst wenn der Knochen nicht mehr seinem Ausgangszustand entspricht: tragfähige Beziehungen sind möglich, auch wenn das Idealbild auseinanderbricht. Das ist zumindest ein Zeichen der Hoffnung.

1 Anna Woltz „Gips oder wie Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“, Carlsen Verlag, Hamburg 2016.
2 Weihbischof Robert Brahm zitiert aus dem Vorwort der Arbeitshilfe 293 zum Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017. Hrsg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 2017.

 

Zur Autorin:  Dr. Ute Stenert, Jahrgang 1971, ist Rundfunkbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn. Seit über 20 Jahren ist sie freie Autorin für unterschiedliche Medien tätig.