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Wissen & Umwelt

Können Hunde Krebs riechen?

Lungenkrebs ist meistens tödlich. Frühe Anzeichen werden oft nicht erkannt, denn eine sinnvolle Früherkennungs-Methode gibt es nicht. Doch Hunde scheinen Krebs erschnüffeln zu können - und zwar am Atem des Patienten.

Ein Hund schnuppert an der Kameralinse des Fotografen (Foto: pa/dpa Bildfunk)

"Es gibt Studien mit speziell ausgebildeten Hunden, die Krebspatienten mit sehr hohen Sicherheit an ihrer Ausatemluft erkannt haben", sagt Felix Herth, Lungenspezialist am Thoraxklinikum der Uni Heidelberg. Sein Fachgebiet ist die Exalatforschung, die Erforschung und Analysierung der Gase, die wir Menschen ausatmen. Herth sucht nach Substanzen, die Indikatoren für Lungenkrebs sind, zum Beispiel Stoffwechselabbauprodukte von Krebszellen. Hunde gibt es in seinen Laboren allerdings nicht, als Schulmediziner verlässt sich Herth lieber auf Maschinen und Technik als auf tierischen Spürsinn. Er glaubt zwar, dass an der Methode etwas dran ist, hält die Hunde als Mittel zu Krebserkennung an Patienten aber für ungeeignet.

Österreichische Krebsspürhunde

Werner Gleichweit sieht das anders. Er war früher Polizeihundeführer und ist heute Leiter des österreichischen Vereins für Gebrauchs-, Forschungs- und Suchhunde. Seine Hunde werden darauf trainiert, durch Schnüffeln an Atemproben zu erkennen, ob eine Person Lungenkrebs hat. Fünf Monate dauert die Ausbildung. Bei der Auswahl der Hunde achtet er vor allem auf einen großen Spieltrieb und lange Nasen. Denn je länger die Schnauze ist, versichert Gleichweit, desto mehr Riechzellen hat der Hund und desto ausgeprägter ist sein Geruchssinn. Werner Gleichweit hat keine Zweifel an den Fähigkeiten seiner Hunde. Bei einer Pilotstudie Anfang 2010 lag die Trefferquote bei 93,2 Prozent.

Darum bietet der Verein die Atemuntersuchung jetzt als Service an. Wer eine Untersuchung möchte, bestellt einfach ein Lungenkrebs–Kit im Internet. Im Paket sind ein Luftballon und ein Aktivkohleröhrchen. Als erstes pustet man den Ballon auf, danach drückt man die Luft aus dem Ballon durch das Proberöhrchen. Vorhandene Substanzen bleiben in der Aktivkohle hängen. Das Röhrchen wird versiegelt - ab in die Post - und fertig: Der Atem macht sich auf den Weg in die Steiermark, etwa sechs Wochen später kann mit Ergebnissen gerechnet werden.

Einige hundert Personen sind schon vom Verein untersucht worden. "Einer hatte einen vier Millimeter großen Tumor in der Lunge, der beim Röntgen nicht sichtbar war", berichtet Gleichweit, "erst im Computertomografen konnte man ihn dann sehen." Weil die Krebsspürhunde den Tumor erschnüffelt haben, entschloss sich der Mann zu einer zweiten Untersuchung.

Werner Gleichweit im weißen Kittel, der mit einem Hund auf dem Boden kniet (Foto: DW/Werner Gleichweit)

Werner Gleichweit im Versuchsraum des Vereins

Trotz dieser Erfolgsgeschichten bleibt der Heidelberger Mediziner Felix Herth skeptisch. Vor allem die Entnahme und Konservierung der Proben missfällt ihm. "Eine Atemprobe in einem Röhrchen durch die gesamte Republik bis nach Österreich zu schicken, ist nicht realisierbar", betont Herth. Der Lungenspezialist verlässt sich deshalb anstatt auf Luftballons und Hunde lieber auf Kühlketten und Massenspektrometer. Was für ihn zählt, sind wissenschaftliche Vergleichbarkeit und Untersuchungsstandards - Reproduzierbarkeit, um es kurz zu sagen. Um tierische Ungenauigkeiten auszuschließen, setzt er darum lieber auf die Entwicklung elektronischer Nasen. Genau wie Hunde sollen diese Geräte in der Lage sein, einen Krebspatienten am Atem zu erkennen. Herth stellt sie sich als handygroße Maschinen vor, die ähnlich funktionieren wie der berühmte Alkoholtest bei der Verkehrskontrolle.

Kühlschränke im Dienst der Wissenschaft

Damit das funktioniert, muss aber erst klar sein, welche Substanzen überhaupt als Indikator für Lungenkrebs in Frage kommen. So einfach wie beim Promilletest sind die Zusammenhänge nämlich nicht. Denn was genau die Hunde im Atem riechen, weiß keiner. Um das Prinzip zur technischen Anwendung zu bringen, muss deswegen auf andere Methoden zurückgegriffen werden. "Nach dem Stand unseres jetzigen Wissens müssen spezielle Aufbereitungsmethoden vorgehalten werden, um überhaupt Analysen machen zu können", meint Herth. Denn die zu analysierenden Stoffe aus der Atemluft seien bedauerlicherweise sehr flüchtig.

Deswegen kommen bei Felix Herth Kühlschränke ins Spiel. Der Patient pustet in eine Kühlkette, die seinen Atem sofort auf minus 100 Grad runterfriert, aus Gas wird Flüssigkeit. So sind die flüchtigen Substanzen beständiger und können einfacher analysiert und gelagert werden. Trotzdem sind die Untersuchungen schwierig, allgemeine Richtlinien gibt es nicht, über vieles muss noch nachgedacht werden. Zum Beispiel: Was darf der Patient vor der Probenabgabe essen? Denn bestimmte Nahrungsmittel können den Atem stark beeinflussen. Bisher hat jedes Labor seine eigenen Regeln. In Heidelberg zum Beispiel stehen rotes Fleisch, Alkohol und Knoblauch auf der No-Go-Liste.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Analysen sehr teuer sind und die Pharmaindustrie sich laut Herth bisher mit Unterstützung zurückhält: "Das läuft derzeit über nationale Forsch- und Förderungsgelder. Die Großgeräteindustrie hat den großen Support noch nicht angeworfen, weil sie das Potential dieser Methode wohl noch nicht so wahrnimmt."

Routiniertes Pusten

Porträtfoto von Felix Herth im weißen Kittel (Foto: DW)

Felix Herth

Dass dieses Potential da ist, davon ist er überzeugt. Denn wenn die Patienten heute wegen Beschwerden zum Arzt gehen, ist es meistens schon zu spät. "Für Lungenkrebs gibt es keine Früherkennung.", erklärt Herth, "Die Computertomographie, die als Früherkennung diskutiert wird, geht mit einer hohen Strahlenbelastung einher. Wenn man einen Patienten einmal im Jahr damit behandelt, muss man damit rechnen, dass er allein durch die Strahlenbelastung der Untersuchung schon Krebs bekommt."

Felix Herths Vision ist ein routinemäßiges Atemscreening mit handlichen Geräten. Billig, verfügbar und unbedenklich, denn Atmen tut nicht weh. Ganz so weit ist die Forschung mit den elektrischen Nasen aber noch nicht. Herth denkt, dass es noch ungefähr fünf Jahre dauern wird, bis es zu einer breiten Anwendung mit dem Motto "nach der 100. Packung Marlboro gibt es einen Teststreifen umsonst" kommen könnte.

Solange werden sich Interessenten also noch an Werner Gleichweit und seine Hunde wenden müssen, wenn sie ihren Atem analysiert haben möchten. Dass er unwissenschaftlich arbeite und nur auf Profit aus sei, bestreitet der Ex-Hundeführer. Vielmehr möchte auch er dabei helfen, eine Früherkennung von Lungenkrebs zu entwickeln: "Um Menschen sagen zu können - lieber Freund, geh zum Arzt, du hast was!"

Autorin: Sophia Wagner
Redakteurin: Judith Hartl