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Wirtschaft

Können Autokratien "attraktiv" sein?

Immer wieder wird auf die wirtschaftlichen Erfolge einiger autokratischer Regime hingewiesen. Doch was ist zu berücksichtigen, wenn von der "Attraktivität" autokratischer Herrschaft für Entwicklungsländer die Rede ist?

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Der statistische Ländervergleich belegt eine Wohlfahrtsdividende der Demokratie. Die in meiner letzten Gastkolumne unter dem Titel "Krise oder Dividende der Demokratie?" entfaltete Begründung für diesen Befund lautet: Wollen Regierungen in Demokratien mit inklusivem Wettbewerb und "checks & balances" wiedergewählt werden, müssen sie auf das ökonomische Wohlergehen breiter Bevölkerungsschichten achten.

Autokratische Regierungen hängen gemeinhin deutlich stärker als Demokratien von der Unterstützung weniger, mächtiger Interessengruppen ab. Demgegenüber übt die große Mehrheit der Bevölkerung keinen politischen Einfluss aus bzw. wird gewaltsam unterdrückt. Entsprechend werden erstere als Gegenleistung große Privilegien von der Wirtschaftspolitik autokratischer Herrscher einfordern, während die breite Masse der Bevölkerung systematisch benachteiligt wird.

Autoritär regierte "Wirtschaftswunderländer"

Jörg Faust (Foto: Dr. Jörg Faust)

Dr. Jörg Faust vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik

Trotz dieses Befundes erfolgt regelmäßig der Verweis auf die wirtschaftlichen Erfolge einiger autokratischer Regime. Gegenwärtig wird vor allem auf China Bezug genommen, in den 1980er Jahren waren es u.a. Südkorea und Taiwan, noch ein paar Jahre zuvor galten etwa Mexiko und teilweise Brasilien als autoritär regierte "Wirtschaftswunderländer". Und immer wieder kam es zu der Schlussfolgerung, dass solch ökonomisch "attraktiven" Autokratien zumindest für eine bestimmte Phase im Entwicklungsprozess einen alternativen Pfad in Richtung Prosperität anbieten. Doch was ist es, das einige wenige Autokratien vergleichsweise stark prosperieren lässt?

Als Erklärungsfaktor wird gerne die kulturelle Karte gezogen. Vor allem (ost-)asiatische Gesellschaften mit ihren imprägnierten konfuzianischen Werten seien besonders für ökonomisch "attraktive" Autokratien empfänglich. Diese Argumentation enthält Ungereimtheiten. Unterstellt man die Wirkung tiefgreifender kultureller Muster, warum hat dann die Teilung Koreas so rasch fundamentale Entwicklungsunterschiede provoziert? Warum zählen Taiwan und Südkorea trotz ihrer autokratieempfänglichen Kultur mittlerweile zu den erfolgreichsten Demokratisierungsprozessen der letzten Jahrzehnte? Schließlich bleibt offen, warum auch Autokratien in anderen Kulturkreisen, etwa Mexiko, über mehrere Dekaden positive Wachstumsraten generierten.

Seltene Kombination von zwei Merkmalen

Neben kulturellen Faktoren kommt auch Rohstoffreichtum kaum als zentraler Erklärungsfaktor in Frage. Die Diskussion um afrikanische Blutdiamanten oder den "Ressourcenfluch" von Erdölstaaten veranschaulicht, dass es in rohstoffreichen Autokratien starke Anreize für Eliten gibt, das Gewaltmonopol des Staates und den Zugriff auf die Ressourcen besonders repressiv und exklusiv zu gestalten bzw. mit Gewalt zu erobern. Auch sind solche Autokratien deswegen nicht "attraktiv", weil sie für alle Entwicklungsländer ohne diese Rohstoffe keine Möglichkeit der Nachahmung versprechen.

Mein Argument lautet daher, dass "attraktive" Autokratien am ehesten aus einer seltenen Kombination von zwei Merkmalen erwachsen können. Erstens sind ökonomisch erfolgreiche autoritäre Regime meist vergleichsweise stark mit den für wirtschaftliche Entwicklung wichtigen gesellschaftlichen Gruppen verbunden. Doch diese Verbindung führt eben nicht zu einer Vereinnahmung der staatlichen Strukturen, eine reine Rentierwirtschaft wird verhindert. Der Nexus zu strategischen Gruppen der Gesellschaft wird entweder direkt über die staatliche Bürokratie hergestellt, wie etwa in Südkorea geschehen. Oder aber dominante Parteien, die auf das engste mit dem Staat verquickt sind, reichen tief in die Gesellschaft hinein, wie etwa im Mexiko der Vergangenheit oder im China der Gegenwart. Diese Mischung aus Autonomie bei gleichzeitiger Einbettung des Regimes in gesellschaftliche Strukturen versetzt auch eine autoritäre Regierung dazu in die Lage, flexibler und angepasster auf die Interessenlagen der Bevölkerung zu reagieren.

Staats- und Regierungsoberhäupter als strenge Moderatoren

Doch diese Kopplung reicht alleine nicht aus. Vielmehr weisen längerfristig ökonomisch erfolgreiche Autokratien auch ein fragiles System an informellen "checks & balances" zwischen unterschiedlichen Fraktionen innerhalb des Regimes aus. So wirk(t)en im China der Gegenwart, aber auch in der vergangenen Autokratie Mexikos, die Staats- und Regierungsoberhäupter als strenge Moderatoren zwischen unterschiedlichen Elitenfraktionen. Solche Regime sind dann keine totalitären Systeme, in denen die Willkür eines einzelnen Führers gleichsam mechanistisch durch eine Partei in die Gesellschaft getragen wird. Vielmehr existiert eine begrenzte Interessenspluralität, die eine gewisse Offenheit und Flexibilität der Wirtschaftspolitik begünstigt.

Allerdings sind auch in solch vermeintlich "attraktiven" Autokratien die Repression offener Regimeopposition, eine zensierte Presse und die Verletzung von Menschenrechten feste Bestandteile solcher Regime. Wirtschaftlich profitiert immer noch eine vergleichsweise kleine Regimeelite überdurchschnittlich stark, und politisch wird die große Mehrheit der Bevölkerung ihrer Grundrechte beraubt. Die "checks & balances" sind meist fragil und gelten nur für die Regimeeliten. Langfristig neigen daher auch solche autoritären Systeme zu politischer Verkrustung und hoher Korruption. Schließlich wird die "Attraktivität" solcher Regime dadurch beschränkt, dass sie kaum in andere Länder transplantierbar sind; viel weniger als Demokratien, die gerade durch die Offenheit des politischen Prozesses stärker anpassungsfähig an spezifische Länderkontexte sind. Dies alles ist zu berücksichtigen, wenn manchmal etwas voreilig von der "Attraktivität" autokratischer Herrschaft für Entwicklungsländer gesprochen wird.

Lesen Sie am 24.08.2009 in der abschließenden Demokratie-Kolumne "Demokratischer Prozess oder Alptraum der Bürokraten" von Dr. Jörg Faust, warum Demokratien autoritären Regimes zumindest langfristig überlegen sind, was die Versorgung ihrer Bürger mit öffentlichen Gütern und Dienstleistungen anbelangt.

Dr. Jörg Faust, Politikwissenschaftler, Abteilungsleiter "Governance, Staatlichkeit, Sicherheit", Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten und Think Tanks zu Fragen globaler Entwicklung und internationaler Entwicklungspolitik. Das DIE berät auf der Grundlage unabhängiger Forschung öffentliche Institutionen in Deutschland und weltweit zu aktuellen Fragen der Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Das einzigartige wissenschaftliche Profil des DIE ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Forschung, Beratung und Ausbildung. Dadurch baut das DIE Brücken zwischen Theorie und Praxis der Entwicklungspolitik.

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