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Nahost

Königreich im Wandel?

Saudi-Arabien, eines der verschlossensten Länder der arabischen Welt, hat sich in den vergangenen Jahren enorm verändert – wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch. Ein neues Buch zeichnet diesen Wandel jetzt nach.

Die Moschee des Propheten im saudi-arabischen Medina (Foto:dpa)

Die Moschee des Propheten im saudi-arabischen Medina

"Saudi-Arabien: Ein Königreich im Wandel?" heißt ein Sammelband, der von der Direktorin des Zentrums Moderner Orient in Berlin, Ulrike Freitag, herausgegeben wurde. DW-WORLD.DE hat mit der Islamwissenschaftlerin gesprochen.

Saudi-Arabien Ein Königreich im Wandel

Frau Freitag, warum das Fragezeichen in Ihrem Buchtitel? Befindet sich Saudi-Arabien nicht im Wandel?

Doch, es gibt sehr viele Bereiche, die sich in Saudi-Arabien in den letzten 15 Jahren sehr tiefgehend geändert haben, aber es gibt natürlich auch Bereiche, in denen das Land in für viele sehr frustrierende Weise stagniert. Letzteres gilt vor allem für den Bereich der grundsätzlichen politischen Organisation. Es handelt sich hier um eine Monarchie, um eine nicht-demokratisch verfasste Monarchie, und hieran hat sich relativ wenig verändert, obwohl es ursprünglich durchaus auch in der Gesellschaft Demokratisierungserwartungen und -hoffnungen gab, insbesondere nachdem der gegenwärtige König Abdallah die Macht übernommen hat.

Der gilt ja auch als relativ reformfreudig. In welchen Bereichen macht sich denn der Wandel in Saudi-Arabien besonders stark bemerkbar?

Der Wandel findet sich in verschiedenen Bereichen: Beispielsweise gab es im Bereich der Wirtschaft große Anstrengungen, eine verlässlichere Politik für externe Investitionen zu schaffen. Das ist eng verbunden mit der Saudi Arabian General Investment Agency und dem Projekt, das diese verfolgt hat, ökonomische Städte, die ausländische Investitionen anziehen sollten, zu schaffen. Man findet einen solchen Wandel auch beispielsweise im Bildungswesen. In Deutschland und international ging letztes Jahr durch die Presse die Gründung der King Abdallah University for Science and Technology, die nicht nur eine internationale Spitzenuniversität im Bereich der Naturwissenschaften sein soll, sondern, und das ist für Saudi-Arabien vollkommen neu, eben auch gemischt-geschlechtlich unterrichtet.

Geschäftsfrauen in Saudi Arabien (Foto:ap)

Geschäftsfrauen in Saudi-Arabien

Man findet aber auch in allgemeinen Bereichen einen starken Wandel: Beispielsweise hat die Berufstätigkeit der Frauen stark zugenommen. Und auch die Frage insgesamt, welche gesellschaftliche Rolle Frauen spielen sollen, wird sehr stark diskutiert. Man kann Verschiebungen wahrnehmen zwischen dem Einfluss der Religionsgelehrten und dem Einfluss der Technokraten, die den König beraten. Es sind aber eben, und das ist das Wichtige, Reformen, die sehr stark von oben initiiert werden, auch wenn es hier natürlich eine relativ komplizierte und schwer durchschaubare Interaktion gibt zwischen dem, was man vielleicht als Zivilgesellschaft im weiteren Sinn bezeichnen könnte, und dem Herrscherhaus.

Sie sind ja im Zuge Ihrer Recherchen selbst auch nach Saudi-Arabien gereist. Was hat Sie persönlich am meisten überrascht?

Ursprünglich hat mich am meisten überrascht, dass Saudi-Arabien in vielerlei Hinsicht ein arabisches Land war wie viele andere. Von außen hat man ja in der Tat das Gefühl, dass es ein sehr geschlossenes Land ist und auch eine sehr geschlossene Gesellschaft. Mein Eindruck war, dass – jedenfalls wenn man die Sprache beherrscht – sich doch sehr viele Bereiche erschließen und gar nicht so anders sind als in vielen anderen arabischen Ländern und auch teilweise noch die Züge eines Entwicklungslandes tragen, was man ja möglicherweise auch bei dem Ölreichtum gar nicht unbedingt erwarten würde.

Das heißt, der Gegensatz von Tradition und Moderne in der Gesellschaft wird wahrgenommen und auch debattiert?

Ja, und das ist eben auch eine der weiteren Wandlungen der letzten Jahre, dass im Bereich dessen, was in den Zeitungen auch vor Ort diskutiert werden kann, dass dieser Bereich zugenommen hat. Man kann sehr viel offener schreiben. Es schreiben inzwischen auch Frauen in den Zeitungen. Das hat natürlich auch etwas mit dem Druck zu tun, der durch das Internet entstanden ist.

Ein Saudi liest Zeitung (Foto:ap)

Auch die Presselandschaft in Saudi-Arabien hat sich stark gewandelt

Was sind das für Themen, über die jetzt geschrieben wird?

Es wird diskutiert über Korruption, über Drogen, es wird diskutiert über die Zukunft der saudischen Gesellschaft und die gewünschten zukünftigen Entwicklungen, wobei da eben sehr unterschiedliche Positionen aufeinanderprallen, aber sie prallen jetzt eben öffentlich aufeinander, und das ist das Spannende daran. Das ist ja in vielen arabischen Ländern mit der gelenkten Presse nicht so sehr der Fall, und auch in Saudi-Arabien war es lange nicht der Fall. Es gibt natürlich noch immer rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen, insbesondere direkte Kritik am König ist natürlich nicht zugelassen. Es gibt auch einen großen Wandel im Bereich der Literatur, die sich sehr stark belebt hat. Gerade das Phänomen, dass sehr viele junge Frauen Romane verfassen, in denen dann auch sehr viele Tabu-Themen angesprochen werden, ist ein weiteres Zeichen für diese wachsende Offenheit. Allerdings werden solche Bücher noch überwiegend im Ausland publiziert und kommen dann eher über die Buchmesse, das Internet oder eben den Buchimport, der aber dann nicht zur Vermarktung im Lande führt.

Das Gespräch führte Anne Allmeling

Redaktion: Thomas Latschan

Saudi Arabien – Ein Königreich im Wandel? Hrsg. Von Ulrike Freitag, Verlag Schöningh, Paderborn 2010, 29,90 €.

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