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Wirtschaft

Königreich des Wirtschaftsbooms

Großbritanniens Wirtschaft boomt seit mehr als einem Jahrzehnt. Vor den Wahlen im Frühjahr 2005 schürt Finanzminister Brown nochmals die Wachstums-Euphorie. Experten sehen aber das Ende der Erfolgsgeschichte nahen.

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Ohne Euro stark: Großbritannien

Fast jedes EU-Land klagt über wirtschaftliche Probleme, nur in Großbritannien kommt kein Pessimismus auf. Anfang Dezember 2004 gab Schatzkanzler Gordon Brown bekannt, dass die britische Wirtschaft im Jahr 2005 um dreieinhalb Prozent wachsen werde. Das sei Wahlkampf, schimpfen Experten und verweisen auf klare Anzeichen für ein Ende des britischen Wirtschaftsbooms.

Der Volkswirt Jonathan Loynes von den Wirtschaftsberatern Capital Economics erwartet wie die meisten Finanzexperten eine Verlangsamung des Wachstums. "Vor allem ist zu befürchten, dass die Hauspreise fallen und das würde die gesamte Wirtschaftsentwicklung beeinflussen." Analysten erwarten, dass dadurch das Vertrauen der Verbraucher in die eigene Kaufkraft sinken werde und auch der Konsum an sich. Außerdem steht das englische Pfund derzeit zum Dollar ähnlich hoch wie der Euro.

Gordon Brown

Finanzminister Gordon Brown ist der wichtigste Mann in Blairs Kabinett

"Das sind vor allem konjunkturelle Probleme", sagt Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Dieses bescheinigt in einer Studie dem Vereinigten Königreich die besten Rahmenbedingungen für Unternehmen in ganz Europa und die fünftbesten weltweit. "Das ist der Erfolg langfristiger Reformen", sagt Matthes, der in Margaret Thatcher die Mutter des Aufschwungs sieht.

Aufschwung entgegen aller Krisen

Seit Mitte der 1990er Jahre ist die britische Wirtschaft um mehr als 25 Prozent gewachsen, die deutsche nur knapp zehn. Ende 2004 waren weniger als fünf Prozent der britischen Erwerbsfähigen arbeitslos - der niedrigste Stand seit 30 Jahren. Ein Wunder, wenn man sich an den langen und erbitterten Kampf der Gewerkschaften gegen Thatcher erinnert. Die "eiserne Lady" hatte den Arbeitsmarkt radikal liberalisiert und die Arbeitnehmer-Rechte massiv eingeschränkt.

Margaret Thatcher

Thatchers Reformen wirken bis heute

Genau dies ist aber der Hauptgrund für den britischen Wirtschaftsboom. Die Löhne und die Lohnnebenkosten sind geringer als in Deutschland oder Frankreich. Ein Viertel der britischen Erwerbstätigen arbeitet in Teilzeitjobs. Die Folgen eines solchen, unternehmerfreundlichen Arbeitsmarktes sind jedoch nicht nur positiv. Soziale Gerechtigkeit hat auf der Insel bei weitem nicht den Stellenwert wie in Deutschland.

Was die Briten vom Boom haben

Im Gesundheitswesen sparen Ärzte und Krankenhäuser, arme Patienten erhalten eine schlechtere Versorgung. Das bei PISA bewährte Privatschulmodell mit wenigen Schülern pro Klasse bedingt hohe Schulgebühren. Ein privates Modell der Altersvorsorge gab es in Großbritannien schon 15 Jahre vor Riester. Die Folge der Privatisierung und Reformen: Ein gespaltenes Land, in dem der Lebensstandard der schwach Verdienenden deutlich hinter Deutschen oder Franzosen mit ähnlichem Gehalt zurück liegt.

Ende in Sicht

Experten sehen jedoch ein Ende des Erfolgskurses nahen. Vor allem asiatische Unternehmen machen den britischen Firmen Probleme. Dort ist der Arbeitsmarkt noch weitaus liberaler. Henk Potts, Broker von Barclays, sagt, dass mangelnde Wettbewerbsfähigkeit bald auch ein Problem für Großbritannien werde. Pleiten und fehlende Steuereinnahmen aus der Wirtschaft könnten Finanzminister Brown zu einer "unangenehmen Entscheidung" bringen. "Entweder muss er seine Haushaltspläne revidieren, weil er bald weniger Geld für Sozialausgaben hat, oder er muss die Steuern erhöhen", so Potts. Eine typische Zwickmühle im Königreich der Wirtschaftserfolge. (bde)

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