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Deutschland

Köln rettet seine Geschichte

100 Tage sind seit dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs vergangen. Niemand konnte auf so eine Katastrophe vorbereitet sein. Umso beeindruckender sind die Rettungsmaßnahmen, die seit dem 3. März laufen.

Kiste mit Archivgut (Foto: DW)

Die Hoffnung ist, dass es eines Tages ein neues Archiv gibt

Der erste Schritt war, die Unglücksstelle zu überdachen, damit der Regen das Papier im Schuttberg nicht weiter beschädigen kann. Daneben wurden zwei Hallen angemietet, in denen zunächst der Schutt weiter auf Archivalien durchsucht wurde. Außerdem räumten Archivare, Restauratoren und unzählige Freiwillige in dem sogenannten Erstversorgungszentrum Material in Kisten und Kartons und sorgten so für eine erste Ordnung.

Urkunden im Müllcontainer

Helfer schippen Schutt und Archivreste (Foto: DW)

Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Archivare, Restauratoren, Fachleute, Stadtbedienstete und Freiwillige versuchen, so viel wie möglich zu retten

2000 Menschen waren bei der Rettung des Archivguts im Einsatz. "Hunderte Helfer haben die ganze Nacht über Urkunden geschleppt, notdürftig in Müllcontainer gelegt und sie damit durch die Gegend gefahren", erinnert sich der stellvertretende Archivleiter Ulrich Fischer. Wichtig war von Beginn an, dass schnell und effektiv gearbeitet wird. "Es war gar keine Zeit, große Identifikationen vorzunehmen, das kostete viel zu viel Zeit. Sonst wäre der Rest des Archivgutes an der Bergungsstelle vermodert."

30 Regal-Kilometer umfasste der Archivbestand. Die ersten sechs Kilometer konnten unversehrt aus dem Kellerteil und dem Depot in der gegenüberliegenden Schule geborgen werden. 60.000 Urkunden und Teile des Archivs der ehemaligen Stadt Porz - heute ein Stadtteil von Köln - wurden gerettet.

In den nächsten Wochen folgten der Nachlass von Konrad Adenauer, die Nobelpreisurkunde von Heinrich Böll, Tausende von Fotos, Karten, Plakaten, Handschriften aus dem Mittelalter und natürlich Akten über Akten der Stadt Köln.

Schimmelige Akten und großes Durcheinander

Kiste mit beschädigtem Archivgut (Foto: DW)

Seit Anfang März wurden Tag für Tag hunderte von Akten, Bildern und Büchern geborgen

Je länger die Bergung dauert, desto größer sind die Schäden an den Dokumenten. Mehr als sechs Wochen nach dem Einsturz steht Archivarin Gisela Fleckenstein vor einer Kiste mit nassen und mittlerweile schimmeligen Akten, die Feuerwehrmann Thomas Stollenberg aus dem Schuttberg gezogen hat. Er hilft gerne mit, zu retten, was zu retten ist: "Man ist froh über jedes wertvolle Stück, das wir herausholen. Die Archivare freuen sich wie die Schneekönige."

Was immer wieder ins Auge springt sind die unzähligen Papierschnipsel, die wie Puzzleteile aus den Trümmern geborgen werden. Die Kölner Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia sucht Lösungen, denn es sei alles durcheinander gepurzelt. "Die Etagen sind durcheinander gepurzelt, die Jahrhunderte. Die Pergamenturkunde liegt neben dem Hadernpapier, neben dem industriell gefertigten Papier - maschinenschriftlich, Manuskript, alles durcheinander."

Das Berliner Fraunhofer-Institut hat ein digitales Verfahren entwickelt, bei dem Papierschnipsel eingescannt werden und mit einer speziellen Software zu ganzen Seiten zusammengesetzt werden können. Papier-Restauratoren bereiten in Köln die ersten Papierschnipsel für dieses Verfahren vor, erklärt Stefanie Behrendt. "Die Schnipsel werden erst einmal trockengereinigt, um den Staub zu entfernen. Anschließend werden sie leicht gefeuchtet, geglättet, so dass sie dann vom Fraunhofer Institut gescannt werden können." 1,85 Millionen Euro an Bundesmitteln sind dafür jetzt beantragt worden. In einem Jahr soll feststehen, ob das Verfahren tatsächlich für das Kölner Archivgut nutzbar ist.

Vorerst letzte Suche

Verschüttete Archivmappen (Foto: DW)

Insgesamt lagerten im Stadtarchiv 30 Regal-Kilometer Archivalien

Drei Monate nach dem Einsturz hat sich die Bergungsstelle sehr verändert. 11.000 Tonnen Schutt wurden abgefahren. In einem tiefen Loch suchen die Helfer zum vorerst letzen Mal nach Material und bringen es zu den Archivaren.

Thorsten Pecher entstaubt einige Karteikarten und befreit diese vom Sand. Der Archivar kommt aus Bamberg und ist von seinem Dienstherrn freigestellt worden. "Um zu helfen und natürlich auch aus Interesse, um zu sehen, wie im Katastrophenfall mit solchen Sachen umgegangen wird", erklärt Pecher. Gemeinsam mit seinen Archivkollegen von der Bayerischen Archivschule zählt er zu den vorerst letzten Archivaren an der Unglücksstelle. Denn jetzt sind erst einmal Baumaßnahmen notwendig, um den Einsturzkrater weiter zu sichern.

Anfang August - so eine erste vorsichtige Schätzung - könnte dann erneut nach Archivalien gesucht werden. Rund 20 Prozent des Gesamtbestandes werden noch vermisst. Unklar bleibt, was die Rettung bislang gekostet hat, was sie noch kosten wird und wann es wieder ein Historisches Archiv der Stadt Köln geben wird.

Autorin: Marion Linnenbrink
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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