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Asien

Köllner: "Gefahr einer Eskalation in Korea"

Nach den Schüssen an der koreanischen Seegrenze ist die Lage angespannt. Ein kleiner Fehler könnte ausreichen, um sie außer Kontrolle geraten zu lassen, meint Patrick Köllner vom GIGA-Institut für Asien-Studien.

Deutsche Welle: Herr Köllner, an der umstrittenen Seegrenze zwischen Nord- und Südkorea hat es einen Schusswechsel gegeben. Was weiß man zu diesem Zeitpunkt über die Hintergründe?

Patrick Köllner: Wir wissen, dass es eine angekündigte Schießübung der Nordkoreaner war. Die Nordkoreaner haben der südkoreanischen Seite gut vier Stunden gegeben, um sich darauf vorzubereiten. Und da einige der nordkoreanischen Geschosse eben südlich der umstrittenen Seegrenze zwischen den beiden Nationen heruntergegangen sind, haben die Südkoreaner das Feuer erwidert. Das war auch zu erwarten, gerade auch nach der größeren Auseinandersetzung, die es vor einigen Jahren um die Yonpyong-Insel gegeben hat (Anmerk. der Red: Ende 2010 kamen bei einem nordkoreanischen Artilleriebeschuss der Insel vier Menschen ums Leben).

Sind solche Ankündigungen üblich oder ist das eher ungewöhnlich?

Bei einer Schießübung - und darum handelte es sich ja aus nordkoreanischer Perspektive - ist es natürlich ein Muss, dass vorab gewarnt wird, um eben beispielsweise Zivilisten aus der Gefahrenzone zu entfernen.

In der vergangenen Woche hat Nordkorea zwei Mittelstreckenraketen getestet, am Wochenende drohte Pjöngjang mit einem weiteren Atomtest – und jetzt der Schusswechsel auf See. Wie groß ist die Gefahr einer Eskalation?

Die Gefahr einer Eskalation ist natürlich immer gegeben, wenn es zu einem direkten Feueraustausch zwischen den beiden Koreas kommt. Hier kann einfach durch menschliches Versagen oder durch Fehlentscheidungen die Spirale weitergedreht werden. Daran haben meiner Meinung nach beide Seiten kein Interesse. Nordkorea zeigt hier wieder einmal Stärke. Das ist auch und gerade vor dem Hintergrund des laufenden Militärmanövers zwischen den USA und Südkorea zu sehen.

Sie haben das Militärmanöver angesprochen. Die nordkoreanischen Drohgebärden sind ja eigentlich - gerade verglichen mit dem vergangenen Jahr - eher verhalten. Wie erklären Sie sich, dass die Tonart sich jetzt auf einmal verschärft?

Die nordkoreanische Führung steht ja immer wieder unter dem Zwang, auf diese Übungen zu reagieren. Genau wie wir militärische Aktivitäten wie beispielsweise Raketentests von Seiten Nordkoreas als Provokation begreifen, begreifen die Nordkoreaner entsprechend große Militärmanöver als Provokation. Es wäre also fast schon seltsam, wenn man darauf nicht in der einen oder anderen Weise reagieren würde. Dass das im vergangenen Jahr deutlich stärker ausgefallen ist, hatte aus meiner Sicht auch etwas damit zu tun, dass Kim Jong Un sich beweisen musste, auch gegenüber dem Militär. Daher hat er noch härtere Saiten aufgezogen als in diesem Jahr.

Bedeutet das, dass er sich jetzt nicht mehr beweisen muss? Ist seine Macht so sicher?

Von außen betrachtet - und etwas anderes können wir ja nicht tun - sieht es so aus, als habe er seine Macht in den vergangenen zwei Jahren durch eine Reihe von Entscheidungen konsolidiert: Entscheidungen, die das Militär betreffen, Beförderungen oder auch Austausch von Personal. Soweit wir das überhaupt von außen bewerten können, sieht seine Position gestärkt aus.

Die südkoreanische Regierung hat den Norden vor einer "entschlossenen Reaktion" gewarnt. Wie könnte die aussehen? Wie viel Spielraum hat Seoul - und wie viel Pjöngjang?

Das ist genau die Problematik: Der nordkoreanische Angriff auf die Insel Yonpyong vor einigen Jahren hat die Südkoreaner auf dem falschen Fuß erwischt. Seitdem haben sie eine Politik, wonach sie kompromisslos auf entsprechende Aktivitäten der Nordkoreaner reagieren. Das Problem dabei ist natürlich, dass das eben mit möglichen Eskalationsschritten, die keine der beiden Seiten wirklich will, verbunden sein kann. Insofern ist das immer eine sehr brenzlige Situation.

Noch bis Mitte April dauern die Frühjahrsmanöver an – inwieweit rechnen Sie bis dahin mit weiteren Provokationen?

Es ist niemals auszuschließen, dass Nordkorea gerade während der Laufzeit des Manövers nochmal seine Muskeln spielen lässt, sei es durch Raketentests oder auch durch Artillerie-Übungen. Aber das wissen natürlich auch die Südkoreaner und sind entsprechend auf der Hut.

Prof. Dr. Patrick Köllner ist Direktor des Hamburger GIGA-Instituts für Asien-Studien.

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