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Kultur

Köhler entfacht Schiller-Streit

Der deutsche Bundespräsident hat sich inzwischen einen Namen als Querdenker gemacht. Jetzt hat Köhler den Umgang der Deutschen mit ihren Klassikern angegriffen und kritisierte eine "arrogante Spießigkeit" an Theatern.

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Der Dichter soll wieder ans Tageslicht geholt werden

Bundespräsident Horst Köhler hat an die Theater in Deutschland appelliert, sich im Sinne Schillers auch als "moralische Anstalt" zu verstehen und seine Stücke neuen
Generationen wieder interessant zu machen. Die Theater sollten ihre Anstrengungen darauf konzentrieren, "diese Stücke in ihrer Schönheit und Kraft, in ihrer Komplexität und ihrem Anspruch zu präsentieren", sagte Köhler am Sonntag (17.4.05) in einer Matinee-Veranstaltung des Berliner Ensembles zum Schiller-Jahr 2005.

Dabei stieß das Staatsoberhaupt auf den heftigen Widerspruch des Regisseurs und BE-Intendanten Claus Peymann, der das Recht der Regisseure verteidigte, Schiller für heutige Zuschauer verständlich zu machen. Köhler meinte, es habe zwar eine Zeit lang die Notwendigkeit gegeben, die Klassiker zu entstauben und zu problematisieren. "Aber das heute immer noch fortzusetzen, erscheint mir wie der Ausweis einer neuen arroganten Spießigkeit. Ein ganzer Tell, ein ganzer Don Carlos, das ist doch was!"

Appell an das "Land der Dichter und Denker"

Man sollte Schillers Werke nicht "auf kleines Maß reduzieren", meinte Köhler, der sich als ein Verehrer des Dichters bekannte. Seine Werke hätten sich Jahrzehnte nicht dagegen wehren können, "in Stücke zerlegt und nach Gutdünken wieder zusammengesetzt zu werden". Dabei
seien die grundlegenden Konflikte zwischen Individuum und politischer Verstrickung, zwischen Unterdrückung und Freiheitsverlangen, Selbstverwirklichung und Verantwortung, zwischen Ideal und Wirklichkeit auch heute immer neu auszufechten.

"Schillers Leben und seine Werke sind ohne Zweifel ein Geschenk an die Kulturnation Deutschland", deren Menschen auch heute noch stolz darauf sein könnten, im "Land der Dichter und Denker" zu leben. Es gebe keinen Grund, "sich dessen zu schämen".

Peymann meinte, "wer die Kraft auf der Bühne hat, Schiller oder Shakespeare zu uns zu holen, der darf alles - man darf mit 'Wilhelm Tell' alles machen, wenn man es kann". Unter Anspielung auf Köhlers Äußerungen sagte Peymann, als "anregender, intelligenter Amateur ist man mit einem solchen Standpunkt schnell auf der Seite derjenigen, die dem Theater die Kraft absprechen, für heute wichtig zu sein". Bertolt Brecht sei ebenso wie Schiller ein "wilder Träumer" und ein "Märchenerzähler einer besseren Zukunft gewesen", sagte der Intendant des früheren Brecht-Theaters am Schiffbauerdamm. "'Die Bürgschaft' ist doch versinnbildlichter Ethik-Unterricht!"

Köhler sprach sich auch dafür aus, dass an den Schulen wieder wie früher Schillers Balladen mehr auswendig gelernt werden, um sie für das Leben zu behalten. "Ich glaube, das richtet auch heute keinen größeren seelischen Schaden an." In einer von Bildern dominierten Welt müsse man aufpassen, "unsere Sprach- und Ausdrucksfähigkeit nicht zu verlieren". Das stärke auch das selbstständige Denken. (kas)

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