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Gesundheit

Känguru-Methode kann Frühchen lebenslang nützen

Körperkontakt ist wichtig für die Entwicklung. Das gilt nicht nur für Kängurus, sondern auch für Babys - besonders Frühchen. Eine Studie zeigt nun, dass dies auch noch viele Jahre später erfreuliche Folgen hat.

Neugeborene brauchen Körperkontakt - und davon lieber zu viel als zu wenig. Eine neue Untersuchung, veröffentlicht im Fachjournal "Pediatrics" zeigt nun, dass sich dies besonders auf Frühchen auch noch Jahre später positiv auswirkt. Dies hat eine Langzeitstudie zur sogenannten Känguru-Methode ergeben, die mit Unterstützung kanadischer Forscher in Kolumbiens Hauptstadt Bogota durchgeführt wurde.

Känguru im Beutel (picture-alliance/dpa)

Tiere wissen eben auch, was gut für den Nachwuchs ist

Die Taktik haben wir Menschen uns - natürlich - von den Kängurus, abgeguckt. Mit dem kleinen Unterschied, dass wir unseren Nachwuchs bei der sogenannten "Kangaroo Mother Care" (KCM) nicht im Beutel tragen, sondern unsere Babys möglichst oft auf der nackten Haut tragen, wärmen und stillen.

Die Studie der kanadischen Forscher ging aber über diese Maßnahme hinaus. Sie haben die gesamte Familie im Umgang mit den Frühchen geschult. Die Kontrollgruppe waren Babys, die in ihren ersten Lebensmonaten auf herkömmliche Weise - vor allem im Brutkasten - betreut wurden.

Brutkasten vs Känguru

18 bis 20 Jahre nach der Geburt wurden die Herangewachsenen drei Tage lang genau untersucht. Dabei berücksichtigten die Forscher insgesamt 264 zwischen 1993 und 1996 geborene Frühchen mit weniger als 1800 Gramm Geburtsgewicht.

Das Ergebnis? Für die Känguru-Frühchen zeigten sich klare Vorteile. Sie seien zum Beispiel weniger aggressiv, impulsiv und hyperaktiv als solche, die ihre ersten Lebenswochen zumeist im Brutkasten verbrachten, so die Autoren um Nathalie Charpak von der Fundación Canguro in Bogota. Auch die Sterberate der Känguru-Frühchen sei merklich niedriger gewesen als bei der Kontrollgruppe im Brutkasten.

Baby Brutkasten Frühgeborenes (Colourbox)

Das "Känguruen" wurde ursprünglich als Alternative zum Brutkasten entwickelt, wenn nicht ausreichend zur Verfügung standen

Strebsamer in Schule und Beruf?

Die Forscher fanden auch heraus, dass das Gehirn der Känguru-Frühchen speziell in den für das Lernen wichtigen Bereichen offenbar stärker wuchs. Vor allem unter den sehr zarten Babys war der Intelligenzquotient 20 Jahre später etwas höher.

So legten die Känguru-Kinder eine bessere Schullaufbahn hin und fehlten weniger oft im Unterricht. Als junge Arbeitnehmer verdienten sie im Durchschnitt mehr. Die Forscher erklären die positiven Folgen aber auch damit, dass die Eltern der Känguru-Gruppe dank der begleitenden Schulungen besser über die Bedürfnisse von Babys Bescheid wussten und dieses Wissen anhaltend umsetzten. Dies machte sich besonders bei ärmeren Familien mit geringem Bildungsgrad bemerkbar. "Die alltäglichen Aktivitäten zuhause haben langfristig den größten direkten Einfluss auf ein Kind", schreiben die Forscher.

Gut für die ganze Familie

Das Programm habe sich auch auf den Rest der Familie positiv ausgewirkt: Ihr Zusammenhalt sei besser und die Grundstimmung liebevoller gewesen. Zudem zeigte sich, dass Paare eher zusammen geblieben waren, wenn auch der Vater seinen frühgeborenen Nachwuchs im Tuch getragen hatte.

Allerdings geben die Wissenschaftler zu bedenken, dass das Ergebnis wegen der vergleichsweise kleinen Zahl der berücksichtigten Kinder mit Vorsicht zu bewerten sei.

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Herausforderung Frühgeburt

"Kleine Auswirkungen mit tiefgreifenden Effekten"

Jährlich kommen nach Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit insgesamt etwa 15 Millionen Kinder zu früh - also vor der 38. Schwangerschaftswoche - auf die Welt. "Wir sind fest überzeugt, dass diese effiziente, wissenschaftlich basierte Methode in allen Umgebungen angewendet werden kann - von solchen mit sehr beschränktem bis zu solchen mit uneingeschränktem Zugang zu Gesundheitseinrichtungen", betont Charpak.

Gerade weil Technik zur Frühgeborenen-Betreuung inzwischen in vielen Regionen der Welt verfügbar sei und es daher weniger schwere gesundheitliche Folgeschäden gebe, sei es wichtig, auf die kleinen Effekte zu achten. "Kleine Auswirkungen wie geringfügige kognitive Defizite, eine schlechtere Feinmotorik, verminderte Hör- oder Sehfähigkeit und Konzentrationsstörungen können unentdeckt bleiben, haben aber tiefgreifende Effekte auf das Leben der Familien."

Auch in Deutschland ist das "Känguruen" in Stationen für Frühgeborene verbreitet. Nicht nur die winzigen Babys profitieren davon. Die Eltern lernen, mit den zerbrechlich wirkenden Winzlingen umzugehen, Berührungsängste zu überwinden und eine Beziehung aufzubauen. Vor allem Frühchen-Mütter fühlen sich manchmal insgeheim schuldig, weil sie ihr Baby nicht wie erhofft neun Monate austragen konnten.

dpa (hf/tk)

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