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Nahost

Kämpfer im Exil

Seit Monaten fliegt die jementische Armee Luftangriffe gegen die Huthi-Rebellen im Norden des Landes, die Regierung in Sanaa wirft ihnen Umsturzpläne vor. Einer ihrer politischen Köpfe lebt seit fünf Jahren in Berlin.

Yahya al-Huthi in Berlin, Foto: Klaus Heymach

Yahya al-Huthi ist der führende Kopf der Rebellen im Jemen

"Das Regime setzt den Krieg fort, weil es damit ausländische Hilfe und Geld locker machen will", sagt Yahya al-Huthi. Er gilt als der politische Kopf der Rebellen im Exil, sein Bruder Abdulmalik befehligt die Kämpfe in der Region um die Gebirgsstadt Saada. Das Regime wolle die Opposition einschüchtern", glaubt er, "der Präsident betrachtet uns als Feinde, darum will er uns vernichten." Als die Kämpfe vor fünf Jahren begannen, floh Huthi nach Deutschland. Heute lebt der ehemalige Parlamentsabgeordnete als anerkannter politischer Flüchtling in Berlin.

Selbst gekämpft hat der 50-Jährige nie. Stattdessen versuchte er sich als Vermittler – in einem komplizierten Konflikt: Der begann, als sich die Angehörigen des Huthi-Clans gegen den Präsidenten auflehnten - gegen seinen in ihren Augen zu pro-amerikanischen Kurs, gegen die ausufernde Korruption und die wachsende Armut – vor allem im Norden des Landes. Aber auch die Religion spielt in der Fehde eine Rolle: Die schiitischen Huthis wehren sich gegen den wachsenden Einfluss sunnitischer Wahhabiten aus Saudi-Arabien.

Jemen: Stammeskrieger im Norden, Foto: Klaus Heymach

Die Zayditen bilden im Nordjemen die Mehrheit. Die Regierung in Sanaa befürchtet, sie wollten einen Gottesstaat errichten.

"Seit 30 Jahren versuchen sie sich nun auszubreiten im Jemen“, sagt Huthi. "Die Regierung spannt sie für ihre Zwecke ein. Wir haben das von Anfang an bekämpft – gewaltfrei." Damit seien die Huthis auch in Opposition zum Regime in Sanaa geraten, glaubt er. Den Kampf gegen die Wahhabiten bezeichnet er als Selbstverteidigung: "Sie wollen uns unsere Schulen verbieten, unsere Zeitungen und Bücher. Sie kommen aus Saudi-Arabien und machen im Jemen was sie wollen."

Iranischer Einfluss?

Die fundamentalistischen Sunniten, Anhänger der Staatsreligion in Saudi-Arabien, kämpften an der Seite der Regierung, klagt Huthi. Und auch das offizielle Saudi-Arabien unterstütze die Streitkräfte bei ihrem Kampf gegen die Rebellen. Präsident Ali Abdallah Saleh wirft umgekehrt den schiitischen Rebellen vor, ihre Waffen kämen aus dem Iran. "Das ist Propaganda", sagt Huthi dazu. "Wir sind Zayditen, mit den Schiiten des Iran haben wir wenig gemeinsam." Tatsächlich sind sich Schiiten und Sunniten traditionell sehr nahe im Jemen, sie leben und beten friedlich zusammen. "Saleh bringt den Iran ins Spiel, um im Ausland Ängste zu schüren", glaubt er, "und weil er nicht will, dass die Welt sieht, welche Rolle die Saudis im Jemen spielen."

Saleh ist seit 31 Jahren in Sanaa an der Macht. Die Unterstützung durch die Wahhabiten aus Saudi-Arabien kommt ihm ganz gelegen, denn er fürchtet den Machtanspruch der Zayditen. Diese schiitische Minderheit, die im Nordjemen in der Mehrheit ist, hat dort bis zur Revolution 1962 regiert. Der Präsident befürchtet nun, die frommen Nachfahren des Propheten könnten wieder einen Gottesstaat errichten. Huthi weist das entschieden zurück: "Wir wollen nicht wieder die Herrschaft des Imams. Wir wollen freie und faire Wahlen!" Aber nicht mit diesem Präsidenten, fügt der Rebellenführer hinzu: "Mit Saleh wird es keine Reformen geben. Er muss weg." Erst dann sei ein politischer Neubeginn möglich.

Jemenitische Armee, Foto: ap

Jemens Präsident will die Houthi-Rebellen mit allen Mitteln bekämpfen. 150.000 Menschen sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen auf der Flucht im eigenen Land, die vielen tausend Toten hat niemand gezählt.

Kein Ende des Bürgerkrieges?

So vermengen sich Religion, Politik, Stammeswesen und soziale Proteste. Leidtragende sind die Zivilisten: 150.000 Menschen sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen auf der Flucht im eigenen Land, die vielen tausend Toten hat niemand gezählt. Für Journalisten ist die Bürgerkriegsregion tabu. Eine der wenigen Hilfsorganisationen, die trotz der Kämpfe versucht, Lebensmittel, Zelte und Medikamente zu verteilen, ist "Islamic Relief". Es sei "äußerst schwer, hier noch zu arbeiten", sagt Landesdirektor Khalid al-Mulad, der für das UN-Welternährungsprogramm die Nahrungsmittel verteilt.

"Das ist ein Krieg", sagt Mulad. Längst werde nicht mehr nur in der Provinz Saada gekämpft, sondern auch in den angrenzenden drei Gouvernements. "In einem Krieg ist es schwierig, die Verteilung von Hilfsgütern zu organisieren und auf die Bedürfnisse der Menschen zu reagieren. Es gibt überall Flüchtlinge, viele haben keinen Zugang zu Wasser und Lebensmitteln." Es sei kaum noch möglich, zwischen Zivilisten und Kämpfern zu unterscheiden, sagt Mulad, und auch für die Helfer werde die Arbeit immer gefährlicher. In einzelnen Stammesgebieten sei schon jetzt aus Sicherheitsgründen keinerlei Hilfe mehr möglich – die Obdachlosen und Vertriebenen blieben ihrem Schicksal überlassen.

Karte Jemen mit der Region Sa'ada, Quelle: DW

Die Provinz Saada liegt an der Grenze zu Saudi-Arabien, wo sich Regierungstruppen und schiitische Aufständische seit Monaten heftige Kämpfe liefern.

Deutsche Hilfe für den Präsidenten

Und ein Ende des Krieges ist nicht absehbar. Der Präsident bekräftigte in seiner Rede zum Tag der Revolution am 26. September, er werde nicht aufgeben – "und wenn es fünf oder sechs Jahre dauert". Saleh will an der Macht festhalten und verhindern, dass das Land auseinander fällt. Und auch die Rebellen sind entschlossen, weiter zu kämpfen. "Unser Volk lässt sich nicht unterdrücken", sagt Huthi. Die Zayditen hätten sich 400 Jahre lang den Osmanen widersetzt und würden auch in diesem Konflikt "noch lange Widerstand leisten".

Deutschland, eines der wichtigsten Geberländer im Jemen, mache sich mitschuldig an dem Krieg, wenn es Saleh weiter mit Entwicklungshilfe unterstütze, sagt Huthi. "Saleh benutzt sie, um sein eigenes Volk zu unterdrücken. Stellt die Entwicklungshilfe ein!" Das Geld dürfe erst wieder fließen, wenn der Jemen ein freier und demokratischer Rechtsstaat sei. "Und wenn es dort keinen Diktator mehr gibt."

Autor: Klaus Heymach

Redaktion: Ina Rottscheidt

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