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Nahost

Kämpfe auf Ägyptens Straßen nehmen zu

Islamisten weiten die Proteste gegen die Absetzung ihres Präsidenten Mursi aus. Einer ihrer Protestmärsche in Kairo zog provozierend nahe an den Tahrirplatz. Doch auch das Verhalten des Militärs wirft Fragen auf.

Sie kontrollieren die Personalausweise und dann geht es blitzschnell: Die Wachen am Checkpoint stürzen sich auf die zwei Jugendlichen in blauen T-Shirts, ein Mann in schwarzer kugelsicherer Weste packt einen und gibt ihm einen heftigen Fußtritt. Anschließend werden sie abgeführt. Die Beiden seien bezahlte Schläger des Innenministeriums, meint der Mann in der Weste, das hätten sie an einer Nummer im Ausweis erkannt. Er ist für die Sicherheit der Eingänge des Protestgeländes der Islamisten nahe der Kairo-Universität zuständig, das mit Barrikaden aus Parkbänken, Metallzaunteilen und anderen Gegenständen gesichert ist.

Die Nerven liegen blank und die Stimmung ist äußerst angespannt. Doch die Sicherheitsvorkehrungen sind nicht unbegründet, sagt einer der Wachleute. Nach der zweiten Rede von Ex-Präsident Mursi habe es einen Überfall der Polizei auf die Demonstranten gegeben, den er mit eigenen Augen gesehen habe: "Zwei Polizeifahrzeuge kamen auf uns zu und haben uns mit Tränengas beschossen. Unmittelbar darauf haben angeheuerte Kriminelle angefangen, mit scharfer Munition zu schießen. 18 Menschen starben dabei."

Chef der Muslimbrüdertritt auf

Barrikaden (Foto: Matthias Sailer)

Barrikaden am Eingang der Islamisten Demonstration an der Kairo-Universität

Der Hass auf die Mursi-Gegner, die für den Sturz ihres Präsidenten verantwortlich sind, sitzt tief. Doch die Islamisten-Demonstration am Freitag (05.07.2013) nahe der Kairo-Universität ist relativ klein. Es sind gerade mal etwa 10.000 Menschen und das Protestgelände wirkt hoffnungslos überdimensioniert. Ein Sprecher auf der Rednerbühne kündigt immer wieder ankommende große Märsche an, doch die Zahl der Demonstranten bleibt niedrig.

Andernorts gibt es dafür am Spätnachmittag die große Überraschung: Der Oberste Führer der Muslimbruderschaft, Mohammed Badia, trat in Nasser City, einem Außenbezirk Kairos, auf die Bühne der dortigen Pro-Mursi-Demonstration. Dabei hatten viele Medien zuvor gemeldet, er sei verhaftet worden. Badia betonte, dass Mursi noch immer sein Präsident sei und forderte alle auf, friedlich auf der Straße zu bleiben und "jeden Platz zu verteidigen".

Straßenschlachten nahe am Tahir-Platz

Militaer- und Polizeieinheiten (Foto: Matthias Sailer)

Militär- und Polizeieinheiten nahe dem Tahrir-Platz

Seine Rede wurde vom Fernsehsender Al-Jazeera übertragen. Das ägyptische Staatsfernsehen zeigte nur Bilder ohne Ton. Wie Badia akzeptiert keiner der Muslimbrüder die Absetzung Mursis. Nur weil viele Ägypter gegen ihn demonstrierten, hätte er nicht gestürzt werden dürfen, argumentieren sie. "Demonstrationen sind ok", sagt einer. "Aber es gibt Wahlen. Man wählt und gibt damit seine Meinung ab. Und wenn man 50 Prozent plus eine Stimme bekommt, hat man das Recht, alles zu machen."

Die Muslimbrüder haben ihre Proteste inzwischen massiv ausgeweitet. Über tausend Mursi-Anhänger marschierten nach der Rede des Muslimbruderführers am Abend von der westlich des Nils gelegenen Kairo-Universität über eine Nilbrücke in den Ostteil der Stadt. Sie zogen damit fast unmittelbar an den von Mursi-Gegnern besetzten Tahrir-Platz. Dass es dadurch zu Kämpfen kommen würde, war vorhersehbar. Es handelte sich also um eine klare Provokation der Muslimbrüder. Am Ende meldete das staatliche Fernsehen, dass bei Straßenschlachten ein Mensch getötet und 66 verletzt wurden.

Die Armee hielt sich zunächst zurück

Das Verhalten des Militärs war indes merkwürdig: Es muss den Marsch der Islamisten genau observiert haben, da ununterbrochen Hubschrauber über dem Gebiet kreisten und die Lage beobachteten. Dennoch sperrte die Armee die besagte Nilbrücke nicht ab. Und das, obwohl es eine andere Brücke, die zum Tahrir-Platz führt, mit Panzern für Pro-Mursi-Demonstranten geschlossen hatte.

Auch griffen Polizei und Militär erst viel zu spät ein, obwohl Truppen in der Umgebung waren. Am Ende wurde die Armee von vielen Anti-Mursi-Demonstranten mit Jubel begrüßt. Einiges spricht also dafür, dass das Militär die Zusammenstöße bewusst nicht verhindert hat, um dem Image der Muslimbrüder zu schaden und sich selbst als Retter zu inszenieren.

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