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Amerika

Kälteunempfindlich!

Kaum verkündet der erste Sonnenstrahl, dass der Winter langsam den Rückzug antritt, wechseln die Amerikaner auf Sommerkleidung. Auch wenn die Temperaturen noch frostig sind.

Fern.schreiber Washington (Grafik: DW)

Seit Monaten jeden Morgen das gleiche Spiel. "Zieh Dich wärmer an!" "Jaja, ich habe ja eine Jacke an", murrt der Sohn und zeigt auf das Sweatshirt mit Reißverschluss. Die Temperaturen liegen unter dem Gefrierpunkt, der Wind pfeift, der Schnee liegt einen halben Meter hoch. Ist das wirklich sein Ernst? Vermutlich. Ich weiß auch schon, was kommt, wenn ich verlange: "Dann setz wenigstens eine Mütze auf!" Und richtig: "Ich habe doch eine Kapuze", schallt es mir entgegen. Schal? Geht gar nicht. Handschuhe? Fehlanzeige.

Offensichtlich ist man in der High School nur cool, wenn man auch bei arktischen Temperaturen – und dieser Winter war hart! – so gut wie nichts anhat. Ich sehe ja, dass die anderen es auch so machen. So stehen morgens Tag für Tag in gutes Dutzend Gestalten an der Haltestelle des Schulbusses, die Schultern hochgezogen, die Hände in die Taschen gesteckt, bekleidet mit Sweatshirts oder höchstens dünnen Jäckchen. Es kann mit keiner erzählen, dass die nicht alle bitterlich frieren.

Eisgekühlt

Christina Bergmann (Foto: DW)

Christina Bergmann, Washington

Und jetzt, kaum dass auch nur ein Hauch von Frühling durch die Washingtoner Luft weht – die Temperaturen nachts und morgens sind auch immer noch knapp über dem Gefrierpunkt – wird die Sache verschärft. Gestern wartete tatsächlich das erste Mädchen in Flip Flops und Minirock auf den Bus. Ohne Strümpfe. Bei vier Grad.

Wieso liegen die nicht alle kurze Zeit später mit einer Lungenentzündung im Bett? Irgendwie müssen die Amerikaner ein anderes Temperaturempfinden haben und wesentlich abgehärteter sein als wir verweichlichten Deutschen. Denn die "Ich habe jetzt beschlossen, dass es Sommer ist"- Einstellung findet sich nicht nur bei High School Kids. Überall in der Stadt laufen Frauen und Männer teilweise schon im Februar in Sommersachen herum. Da dieser Winter besonders lang war, hat sich das immerhin bis in den März verschoben.

Dass die Einheimischen Frostfetischisten sind, zeigt sich auch an den Temperaturen, die im Sommer in Innenräumen herrschen – sei es Kaufhäusern, Büros oder Konferenzräumen. Ich schleppe grundsätzlich immer eine dünne Jacke mit, die ich dann überziehen kann. Und auf Reisen habe ich immer eine Stola dabei, die ich mir in zugigen und eiskalten Pressezelten um Kopf und Schultern wickeln kann. Das sieht zwar ein bisschen doof aus, aber dafür bleibe ich erkältungsfrei. Und ernte selbst von Männern manchmal neidische Bemerkungen wegen meiner Vorsorgemaßnahmen.

Evolution ?

Immerhin, dass es nicht besonders energiesparend ist, Büroräume im Sommer auf niedrigere Temperaturen zu kühlen als im Winter, ist mittlerweile auch hier angekommen. Es gibt also Hoffnung. Und vielleicht ist einiges ja auch Gewöhnungssache. Ich habe jedenfalls keine Probleme mehr damit, dass ein Glas Wasser oder Soda im Restaurant zur Hälfte aus Eiswürfeln besteht. Im Gegenteil. Ich habe letztens festgestellt, dass ich mir zuhause selbst welche ins Getränk mache. Sogar im Winter.


Autorin: Christina Bergmann
Redaktion: Christian Walz