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Asien

Justiz im Iran: Rache statt Recht

Eine junge Iranerin soll hingerichtet werden, weil sie einen Mann getötet hat - in Notwehr. Die Familie des getöteten Mannes kann sie begnadigen. Sie will aber Rache.

Die 26-jährige Reyhaneh Jabbari sitzt in der Todeszelle. Jede Stunde zählt für sie. Sie muss ständig mit ihrer Hinrichtung rechnen. Vor sieben Jahren geriet Jabbari in die Mühlen der iranischen Justiz. Weil sie einen Mann getötet hat - aus Notwehr, wie sie beteuert. Ihr Opfer, der 47-jährige Morteza Abdolali Sarbandi, habe sie vergewaltigen wollen, sagt Reyhaneh Jabbari vor Gericht. Sarbandi war Arzt und ehemalige Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes. Der Fall wühlt die iranische Öffentlichkeit auf und beherrscht die sozialen Netzwerke.

Am Mittwoch (08.10.2014) sollte Reyhaneh hingerichtet werden. "Von diesem Termin haben wir aus den Medien erfahren, offiziell hat uns niemand darüber informiert", sagt Shole Pakravan, die Mutter von Reyhaneh am Dienstag (07.10.2014) in einem Interview mit der Deutschen Welle. Ihre Tochter hatte sie kurz zuvor gesprochen. Sie sei verwirrt und müde gewesen.

Warten in der Todeszelle

Vergebung stoppt Exekution im Iran (Bildergalerie)

Laut UN wurden im Iran bis Juni 2014 bereits 411 Menschen hingerichtet.

Vor zehn Tagen hatte Jabbaris Mutter Shole Pakravan schon einmal einen Anruf aus dem Gefängnis bekommen. Ihr wurde mitgeteilt, dass Ihre Tochter am 29. September um fünf Uhr hingerichtet werden solle und sie anschließend um acht Uhr die Leiche abholen könne. Reyhaneh Jabbari wurde laut ihrer Mutter zur Vollstreckung des Urteils bereits in ein anderes Gefängnis gebracht und musste sogar ihre persönlichen Sachen abgeben.

Um das Leben ihrer Tochter zu retten, hat Shole Pakravan den Inhalt dieses Telefonats in den sozialen Medien veröffentlicht und die Öffentlichkeit um Hilfe gebeten. Tatsächlich wurde die Hinrichtung verschoben - wegen des Drucks der Öffentlichkeit, wie die Mutter im DW-Gespräch vermutet. Jetzt könne nur noch die Familie des getöteten Mannes ihre Tochter retten. Die Familie von Sarbandi aber will Reyhaneh nicht begnadigen. Sie habe seinen guten Namen in den Schmutz gezogen mit dem Vergewaltigungsvorwurf.

Was vor sieben Jahren geschah

Jabbari war 19 Jahre alt, als sie Sarbandi zufällig in einem Cafe kennenlernte. Jabbari arbeitete als Raumgestalterin und Dekorateurin. Der Arzt und ehemalige Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes beauftragt Jabbari, in einer leeren Wohnung ein Büro für ihn einzurichten. Sie verabredeten sich für einen Tag später. Sarbandi holt sie mit seinem Auto ab, hält aber vorher an einer Apotheke an. Später wird klar, dass er dort Präservative und Schlafmitteln gekauft hat. In der Wohnung bietet Sarbandi der jungen Frau ein Glas Saft an. Später wird die Polizei darin Schlafmittel finden.

Danach, so die Aussage von Jabbari vor Gericht, wollte Sarbandi sie zum Sex zwingen. Sie wehrte sich mit einem Messer, stach ihm in der Schulter und flüchtete aus der Wohnung. Jabbari rief sogar noch den Notdienst an, um Hilfe für Sarbandi zu organisieren. Doch Sarbandi verblutete. Der Gerichtsmediziner erklärt, der Stich des langen Messers habe seine Lunge getroffen. Jabbari wird kurz darauf verhaftet. Laut ihrer Anwältin gibt es Aussagen, nach denen noch eine dritte Person zum Tatzeitpunkt anwesend war. Dieser Spur sind die Behörden allerdings nicht nachgegangen.

Vergeltung als Recht

Deutschland Frankfurt Avicenna-Preis Schirin Ebadi

Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi

Es gehört zu den Besonderheiten des iranischen Justizsystems, dass die Familie eines Verbrechensopfers über die Vollstreckung des Urteils entscheiden darf. Damit liegt das Leben von Reyhaneh in der Hand der Familie Sarbandi. Mit Gerechtigkeit habe das nichts zu tun, urteilt die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Die Juristin und Menschenrechtaktivistin betont im Interview mit der Deutschen Welle: "Vergeltung ist keine Gerechtigkeit. Wenn jemand im Iran dieses Vergeltungsrecht zugesprochen bekommt, kann er über Freiheit und Tod eines anderen Mensch entscheiden. Das hat mit einem fairen Verfahren, in dem ein Straftäter zur Rechenschaft gezogen wird, nichts zu tun. Auch die Familie des Getöteten werden ungerecht behandelt: Sie müssen nach dem Verlust eines geliebten Menschen über das Leben oder den Tod eines anderen Menschen entscheiden – und ein Leben lang mit dieser Entscheidung leben."

Menschenrechtsorganisationen fordern Überprüfung des Falls

Der Fall von Reyhaneh Jabari hat im Iran eine breite Öffentlichkeit gefunden. Mehr als 200.000 Menschen haben eine Online-Petition unterschrieben, in der sie ihre Rettung fordern. Knapp 16.000 Personen verfolgen auf der Facebook-Seite "Save Reyhaneh" die aktuellen Meldungen.

Auch

Amnesty International

und der UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte hatten den Iran aufgefordert, Jabbaris Fall zu überprüfen. Der Fall lasse große Zweifel an einem rechtsstaatlichen Verfahren aufkommen, so der

UN

-Sonderbotschafter Ahmed Shaheed Shaheed. "Vor allem mit Blick auf ihre Befragung und die Weigerung des Gerichts, alle relevanten Umstände bei dem Urteil zu berücksichtigen."

Amnesty International wies zudem darauf hin, dass Reyhaneh Jabbari nach ihrer Festnahme zwei Monate lang in Einzelhaft im Evin-Gefängnis in Teheran festgehalten wurde. Dort hatte sie weder Zugang zu einem Rechtsbeistand noch Kontakt zu ihrer Familie. Jabbaris Anwältin kämpft weiter für die Aussetzung der Vollstreckung des Todesurteils und eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Viel Hoffnung hat sie nicht. "In diesem Stadium des Verfahrens können wir nur hoffen, dass die Familie von Sarbani Reyhaneh sie begnadigt", sagt die Anwältin Parisa Ghanbari der Deutschen Welle.

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