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Amerika

Juristischer Feldzug gegen Colonia Dignidad

Im Fall Dignidad kündigen sich eine Zivilklage gegen den chilenischen und den deutschen Staat sowie eine Anklageerhebung vor internationalen Gerichten an. Nach 50 Jahren warten die Opfer immer noch auf Entschädigung.

Das Haupttor der Colonia Dignidad Siedlung in Parral knapp 400 Kilometer südlich von Santiago in Chile, aufgenommen 1988. (Foto: dpa)

Hier kam niemand raus: Das Tor zur damaligen Colonia Dignidad war schwer bewacht

"Der chilenische Staat handelte fahrlässig, indem er der Organisation eines Päderasten, der aus Deutschland geflohen war, Rechtspersönlichkeit gewährte. Sie erhielt hohe Summen an Fördermitteln und genoss Steuerfreiheit", empört sich der Anwalt der Opfer, Hernán Fernández.

Die deutsche Enklave im Süden Chiles wurde 1961 von dem evangelischen Jugendpfleger Paul Schäfer gegründet, nachdem dieser sich durch seine Flucht aus Deutschland den juristischen Ermittlungen wegen mutmaßlichen sexuellen Kindesmissbrauchs entzogen hatte. Damals war die demokratisch gewählte konservative Regierung von Präsident Jorge Alessandri in Chile an der Macht.

Unter der Militärdiktatur von Augusto Pinochet wurde die nach außen hermetisch abgeriegelte Colonia Dignidad von der Geheimpolizei DINA als Folterzentrum benutzt. Selbst nach der Rückkehr Chiles zur Demokratie im Jahr 1990 blieb die deutsche Siedlung weitgehend abgeschottet, formell war sie als gemeinnützige Organisation anerkannt worden. Ein Krankenhaus für die Landbevölkerung der Region gab der obskuren Sekte einen sozial-charitativen Anstrich. Erst 1997, nach der Flucht von Paul Schäfer, begann sich die Enklave zu öffnen und erfuhr bedeutende Veränderungen.

Der Gründer der Colonia Dignidad, Paul Schäfer (Foto: AP)

Paul Schäfer gründete die Colonia Dignidad 1961 in Chile

Staatliches Versagen

"Der Staat hat bis heute unzureichend und zu spät gehandelt. Die Anführer von Colonia Dignidad bildeten eine der gefährlichsten kriminellen Organisationen Chiles. Auf ihr Konto gehen schwere Verbrechen: massiver, organisierter Kindesmissbrauch, Zwangsarbeit, Entführung, Verschwindenlassen, Unterstützung der politischen Unterdrückung während der Diktatur, Mord, Waffenschmuggel, Herstellung von Kriegswaffen, Wirtschaftsverbrechen und Steuerhinterziehung. Trotz allem haben sie eine wohlwollende und privilegierte Behandlung genossen", behauptet der Anwalt Hernán Fernández.

Bis heute sind 26 Verantwortliche für diese Verbrechen von chilenischen Gerichten verurteilt worden. Fünfzehn von ihnen erhielten eine Strafe von fünf Jahren und einem Tag Gefängnis. Sie wurden gegen Kaution freigelassen und warten auf den endgültigen Urteilsspruch, den das Oberste Gericht des Landes fällen muss. Opferanwalt Fernández verlangt, dass die Anklagen gegen Hartmut Hopp, Paul Schäfers rechte Hand und Mitgründer der Colonia Dignidad, sowie gegen weitere ehemalige führende Personen verhärtet werden. Fernández fordert, sie als Mittäter vor Gericht zu stellen "weil sie durch ihre Billigung diesen Verbrechen Vorschub geleistet haben. Außerdem übten sie die Gewalt innerhalb der Gemeinschaft aus. Dafür könnten sie zu bis zu 20 Jahren Haft verurteilt werden."

Deutschland will strafrechtliche Verfolgung

Die deutsche Botschaft in Chile versichert, "dass die Bundesregierung weiterhin großes Interesse daran hat, eine umfassende Untersuchung und die strafrechtliche Verfolgung der kriminellen Handlungen zu erreichen, die von Seiten der Mitglieder der ehemaligen Colonia Dignidad begangen wurden". Bislang allerdings, darin sind sich Experten beider Länder einig, sind die von Deutschland und Chile eingeleiteten Schritte unzureichend.

Die chilenische Region Villa Baviera mit Bergmassiv und Feldern (Foto: Archivo Villa Baviera)

Fast wie in Bayern: Villa Baviera im Süden Chiles

"Andere Organisationen, die Wirtschaftsverbrechen verübt haben oder im Drogenhandel tätig waren, werden zu hohen Strafen verurteilt. Aber bei Colonia Dignidad ist das nicht der Fall". beklagt Hernán Fernández. "Es herrschte die Vorstellung, dass Paul Schäfer der einzige Verantwortliche war. Aber alle Untersuchungen und der juristische Prozess haben bewiesen, dass ohne die Mittäterschaft weiterer führender Personen nichts von alldem möglich gewesen wäre, was im Inneren der Colonia Dignidad vor sich ging. Sie haben sich hinter Paul Schäfer verschanzt, um ihre Verantwortung zu verbergen. Und die chilenische Justiz war nicht in der Lage, das zu durchbrechen."

Ein halbes Jahrhundert lang habe Colonia Dignidad wie ein Staat im Staat funktioniert, ohne jegliche Kontrolle über die Vorgänge in der deutschen Enklave. Opferanwalt Hernán Fernández wirft dem chilenischen Staat in diesem Zusammenhang eine Mitschuld an den Folterungen, sexuellen Übergriffe und anderen Verbrechen vor: "Durch Unterlassung hat Chile sich mitschuldig gemacht."

Auch der Anschein, dass sich nach der Flucht von Paul Schäfer und der Öffnung der Colonia Dignidad die Verhältnisse gebessert hätten, scheint zu trügen. Die Übergriffe auf Bewohner in der Villa Baviera, wie die Siedlung heute offiziell heißt, scheinen sich fortzusetzen. Ende 2010 reichte Fernández Strafantrag gegen den ehemaligen Anführer der Colonia Dignidad Rudolf Collen ein, der von einer deutschen Bewohnerin der Dorfes beschuldigt wird, sie 2004 vergewaltigt zu haben.

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