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Kultur

Junge wilde Kunst im Skandalnebel

Das deutsche Äquivalent zum britischen Turner-Preis, der Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst, umweht schon ein ähnlicher Skandalhauch wie das britische Original. Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf.

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Gewöhnungsbedürftig: Bonvicinis Sado-Maso-Darkroom

Beim Betrachten von Monica Bonvicinis Installation fühlte sich Kurator Joachim Jäger an eine Abu Ghraib-Gefängniszelle erinnert. Wettbewerbskonkurrent John Bock glänzte dagegen bei der Eröffnung der Ausstellung im Hamburger Bahnhofsmuseum, die die Kandidaten für den diesjährigen Preis der Nationalgalerie vorstellt, mit einer Performance, die den ungläubigen Betrachter von einem eingeschlagenen Museumsfenster aus der Galerie heraus direkt über eine Brücke in ein wartendes Boot katapultierte.

John Bock, Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2005

John Bock

Des Kaisers neue Kleider?

Die Endrunden-Teilnehmer bieten sicher keine Standard-Museumskost. In dieser Hinsicht hat der Preis der Nationalgalerie offensichtliche Anleihen beim Turner-Preis genommen, der, wie Kritiker in der 20-jährigen Geschichte der Auszeichnung oft argumentiert hatten, eher dazu neigt, Kontroversen auszulösen, statt Inhalte in den Mittelpunkt zu rücken.

Shark

Damien Hirsts Hai in einem Tank voll Formaldehyd

Mit aufsehenserregenden Preis-Anwärtern, die von Damien Hirst mit seinen, in der Mitte durchgeschnittenen Kühen, über Tracey Emins ungemachtes Bett bis hin zum Transvestiten Grayson Perry reichten, hat die Turner-Auswahlliste in der Vergangenheit häufiger für eine gehörige Portion an Skandalen gesorgt, als dass sie es nicht getan hätte. Anlass für nationalen Gesprächsstoff war damit garantiert.

Komisch, aber lehrreich

Angela Bulloch The disenchanted forest Preis der Nationalgalerie für junge Kunst

Angela Bullochs Arbeit Der desillusionierte Wald

Der bereits als "Deutscher Turner" betitelte und mittlerweile fast genauso bedeutende Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst, der mit 50.000 Euro dotiert ist, verfolgt sicher in seinem Bemühen, eine breitere Öffentlichkeit für Kunst zu begeistern, ähnliche Zwecke wie sein britisches Vorbild. Aber mit den Nominierten Monica Bonvicini, John Bock, Anri Sala und Angela Bulloch bietet er vier Künstlern eine Plattform, die einen etablierten, internationalen Ruf aufweisen können - auch wenn sie nicht gerade für leicht verdauliche, familienfreundliche Unterhaltungskost stehen.

"Zeitgenössische Kunst erfährt einfach viel weniger Aufmerksamkeit von Seiten der Öffentlichkeit als beispielsweise die moderne Kunst des 20. Jahrhunderts", bilanziert der Kurator Joachim Jäger. "Sie ist oft irritierend, provokativ und genießt deshalb nicht augenblicklich Popularität. Die Wettbewerbssituation, die der Preis schafft und die dadurch erzeugte Aufmerksamkeit sind aber eine Möglichkeit, das Interesse an der Gegenwartskunst zu steigern und Neugierde dafür zu erwecken."

Lehrreich ist das Ganze aber auch. "Es bleibt nur solange unverständlich, bis man den Versuch unternimmt dahinter zu kommen", erklärt Peter Raue vom Verein der Freunde der Nationalgalerie. "Dann ist alles sehr aufschlussreich. Schließlich geht es ja auch um einen Publikumspreis."

Kunst als Event

In jedem Fall, so Ursula Prinz, stellvertretende Direktorin der Berliner Galerie, setze fast die gesamte zeitgenössische Kunst auf den Schockeffekt. "Provokation ist ein integraler Bestandteil der Gegenwartskunst", stellt Prinz fest. "Wir leben in einer Eventkultur, in der alles Aufregung hervorrufen muss."

Viele empfinden dies als einen Trend, der auf Kosten der Durchschnittsmuseen zu sehr auf die Spitze getrieben wird und der möglicherweise so umschlägt, dass die Öffentlichkeit am Ende von allem gelangweilt ist, was nicht ihre Empörung hervorruft.

"Das bedeutet, dass letztlich ein Großteil an spektakulären Arbeiten unbeachtet unter den Tisch fallen würde, was bedauerlich ist", räumt Prinz ein. "Den nicht hochgejubelten Projekten wird kein Blick geschenkt. Kunst als Event lautet das Diktat und das sehr zum Nachteil der weniger schrillen Werke."

Moma Ausstellung in Berlin geht zu Ende

Publikumsmagnet MoMa

Aber "reißerische" Kunst ist nicht grundsätzlich schlecht. "Events wie der Preis der Nationalgalerie sind erst einmal ein Weg, um überhaupt Leute ins Museum zu kriegen", so Prinz. In diesem Sinne könne das Ganze nicht schaden.

Lieber klare Konzepte statt vager Symbolik

Altgedientes Kunsthandwerk ist jedenfalls nicht der Gegenstand des Kunstpreises. Die Schwerpunkte Performance, Video und Installation und die Investition des Geldes in Experimente - darin liegt eine weitere unverkennbare Übereinstimmung mit dem Turner-Preis, der immer schon mehr konzeptuell als symbolisch ausgerichtet war. Und falls das deutsche Äquivalent einen ähnlich großen Medienhype nach sich zieht, könnte die gesamte deutsche Kunstszene davon profitieren.

"Jeder will einfach wissen, wer den Turner gewonnen hat", hält Ursula Prinz fest. Wenn man diesen Effekt auch in Deutschland erreichen könne, wäre das ein wahrer Segen für jeden.

Individuell und international

Obwohl der Turner-Preis immer heftige Debatten nach sich gezogen hat, wirkt sich die Beachtung, die das Thema findet, oft aber auch nachteilig aus. Unkonventionelle Kunst ist attraktiv für den theoretischen Diskurs, aber schreckt sie letztlich nicht auch die Öffentlichkeit ab? Die Urheber des "deutschen" Turner-Preises haben all diese Aspekte bedacht.

"Die Schocktaktik hat den Vorteil, dass sie die Aufmerksamkeit der Masse bewirkt, aber sie hat auch den Nachteil, dass sie nur eine sehr einseitige Facette der Gegenwartskunst in den Mittelpunkt rückt", fasst Kurator Joachim Jäger zusammen. Der Preis der Nationalgalerie ziele zwar darauf ab ein Publikumsmagnet zu sein, biete aber auch die Möglichkeit einer tieferen Auseinandersetzung mit der Gegenwartskunst. So zeige die Vorauswahl der Jury in diesem Jahr vier sehr unterschiedliche Strömungen.

Anri Sala

Anri Sala

Sie repräsentiert aber auch unterschiedliche Nationalitäten. Anders als beim Turner-Preis, der seinen Fokus vorwiegend auf britische Künstler richtet, weist die Nominierungsliste zum Preis der Nationalgalerie viele internationale Namen auf. Tatsächlich finden sich jedoch auffallend wenig Deutsche darunter, die bekanntermaßen auch in der traditionellen Malerei kaum vertreten sind. Jeder, der mit einer deutschen Kostprobe wie etwa der beliebten "Neuen Leipziger Schule" gerechnet hätte, wird daher enttäuscht sein.

Aber alles dient auch vorrangig dem Ziel zu zeigen, wie aufgeschlossen die deutsche Kunstszene ist. "Der Preis will vor allem internationalen Entwicklungen in der Kunst Rechnung tragen und sich nicht einseitig auf die deutsche Kunst versteifen", fasst Joachim Jäger die Ambition hinter dem gesamten Projekt zusammen.

Die Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst ist noch bis zum 16. Oktober 2005 zu sehen.

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