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Kultur

Junge Iraker musizieren mit Bonner Schülern

Vor seinem großen Auftritt beim Beethoven-Fest in Bonn am 1. Oktober hatte das Nationale Jugendorchester des Irak natürlich geprobt. Mit einem Bonner Schulorchester fanden sich dabei Gegensätze und Gemeinsamkeiten.

Gemeinsame Probe des nationalen irakischen Jugendorchesters mit dem Schulorchester im Tannenbusch – Gymnasium. Eine junge Irakerin blickt konzentriert auf ihrem Notenblatt (Foto: DW)

Schon am Eingang des Tannenbusch-Gymnasiums ertönt leise Musik. Die Schule liegt im gleichnamigen Bonner Stadtteil. Die dunkelblaue Farbe der Fassade ist größtenteils verblichen. Das Gebäude sieht aus, als stehe es schon seit einigen Jahrzehnten da. Folgt man der Musik, gelangt man in die Aula der Schule: Ein Orchester probt dort, Jugendliche musizieren zusammen, blicken konzentriert auf den jungen, blonden Dirigenten.

Ein Dirigent mit Übersetzern

Der gibt energisch Anweisungen - mit Armen und Händen. Er unterbricht gelegentlich und sorgt dafür, dass die jungen Musiker im Gleichtakt spielen. Und doch unterscheidet sich diese Probe deutlich von einer herkömmlichen Orchesterprobe, denn hier stehen zwei junge Männer rechts und links neben dem Dirigenten: Sie übersetzen seine Worte in zwei unterschiedliche Sprachen. Die Übersetzungen sind für das Nationale Jugendorchester des Irak (NYOI), das zurzeit in Bonn zu Gast ist. Die Gruppe setzt sich zusammen aus Kurden und Arabern, Christen, Schiiten und Sunniten. Die ethnische Herkunft spielte bei der Auswahl der Musiker allerdings keine Rolle, denn hier zählten allein ihre musikalischen Fähigkeiten.

Gemeinsame Probe des nationalen irakischen Jugendorchesters mit dem Schulorchester im Tannenbusch – Gymnasium. (Foto: DW)

Warten auf den Einsatz - eine junge Cellistin am Bonner Gymnasium

Dies ist nicht selbstverständlich in einem Land, das von Interessengruppen, Konflikten und Gewalt geprägt ist. Fanatische Gruppen schiitischer und sunnitischer Glaubensrichtung verüben immer wieder Anschläge. Die kurdische Minderheit war in Zeiten des Diktators Saddam Hussein massiven Repressionen ausgesetzt, das Regime verfolgte gegen sie eine Politik der Zwangsassimilation und Vertreibung. In den letzten Jahren waren die irakischen Christen Opfer von Gewaltakten und Anschlägen. Viele von ihnen haben notgedrungen ihre Heimat verlassen.

Proben in einem multi-kulturellen Gymnasium

Doch die Musik erleichtert den jungen irakischen Orchester-Mitgliedern den schwierigen Alltag. Ein Höhepunkt ihrer bisherigen musikalischen Laufbahn: Der Auftritt am Samstag (01.10.2011) gemeinsam mit dem deutschen Bundesjugendorchester auf dem Bonner Beethoven-Fest. Zuvor aber proben die irakischen Musiker noch mit dem Schulorchester des Tannenbusch-Gymnasiums. Die jungen Orchestermitglieder wirken gleichzeitig konzentriert und entspannt, sie lächeln während der Probe.

Die Schüler des Gymnasiums sind gewissermaßen ein Spiegelbild des Bonner Stadtteils Tannenbusch. Auf der Straße sind Afrikanerinnen zu sehen, die in ihrer Landestracht zum Einkaufen gehen. Lebhaft unterhalten sie sich und schieben Kinderwagen vor sich her. Jugendliche spielen auf der Straße. Auf der anderen Straßenseite läuft eine schöne Pakistanerin mit gelbem, leuchtendem Panjabi. Die Anzahl der Nationen, die an dieser Schule vertreten sind, kann Arnt Böhme, der Dirigent und Musiklehrer, nur schätzen: "Es sind bestimmt 30 Nationen insgesamt. In unserem Orchester haben wir bestimmt Schüler aus 15 Nationen."

Lebensgefährliche Orchester-Proben

Die Bonner Schüler sollen die Chance bekommen, etwas über das Alltagsleben im Irak ein Stück zu erfahren und sich ein differenziertes Bild von dem Land zu machen. Kirstin Albrecht-Klein, die Mutter eines der Orchestermitglieder, beschreibt es so: "Es ist Musikunterricht, es ist Geschichtsunterricht, es ist Politikunterricht." Die Orchesterprobe und die Gespräche mit den jungen Musikern könne den Schülern den Alltag im Irak viel näher bringen, ohne dass es für sie trocken erscheint, glaubt Kirstin Albrecht-Klein.

Gemeinsame Probe des nationalen irakischen Jugendorchesters mit dem Schulorchester im Tannenbusch – Gymnasium. (Foto: DW)

Die Musik verbindet Schüler und Musiker

Die Mitglieder des Schulorchesters erfahren von den schwierigen Bedingungen, unter denen die jungen Iraker ihrer Liebe zur klassischen Musik nachgehen. Im Irak gibt es aufgrund von jahrzehntelangem Krieg und Gewalt kaum Möglichkeiten zur musikalischen Ausbildung, erzählen die jungen Orchestermitglieder.

Viele Komponisten und Musiklehrer haben das Land verlassen, es existieren kaum geeignete Musikinstrumente. Einige der jungen Musiker spielen zuhause hinter verschlossenen Türen und achten darauf, dass die Nachbarn nichts von ihrer Vorliebe erfahren. Denn sie haben Angst vor negativen Reaktionen.

Zwei Welten prallen aufeinander

Gemeinsame Probe des nationalen irakischen Jugendorchesters mit dem Schulorchester im Tannenbusch – Gymnasium. (Foto: DW)

Konzentriert bei der Sache: Junge Musiker aus dem Irak und aus Bonn

Was empfinden die Schüler des Tannenbuschs-Gymnasiums, wenn sie aus erster Hand erfahren, wie schwierig das Musizieren für die jungen Iraker in ihrem eigenen Land ist? Karla ist ein Mitglied des Schulorchesters und spielt selbst Geige und Klavier. Bislang hat sie nur in der Zeitung über den Irak gelesen, über die Anschläge, die das Land erschüttern. Jetzt hat sie Gelegenheit, mit jungen Irakern selbst zu sprechen: "Wir haben erfahren, dass es für die Musiker sehr schwierig ist, zu üben. Dass sie trotzdem weitermachen, finde ich sehr mutig von ihnen," sagt die Schülerin. Jan-Philipp, ebenfalls ein Schüler der neunten Klasse, spielt Trompete und Klavier und übt jeden Tag. Er versucht, sich in die jungen Iraker hinein zu versetzen: "Das ist sicherlich sehr schwierig, da Musik zu machen, wenn man da so wenig üben kann und noch dazu nicht offen."

In Deutschland haben die Schüler ein breit gefächertes Bildungsangebot. Sie können sich einfach für einen Musik-, Sprach- oder Sport-Kurs anmelden. Einschränkungen, wie sie die irakischen Musiklehrer erleben, kennen sie nicht. Eher das Gegenteil, erzählt Martina Theobald, Musiklehrerin an der Schule. Sie erlebe, dass die Kinder übersättigt sind: "Sie wissen gar nicht, für welches Angebot sie sich entscheiden sollen und können die Vielfalt nicht mehr wertschätzen." Die junge Musiklehrerin vergleicht die Situation mit Ländern wie dem Irak, in denen es an Bildungsmöglichkeiten mangelt. "In diesen Ländern sind die Jugendlichen sehr wissensdurstig", sagt sie.

Doch an diesem Tag gibt es am Bonner Tannebusch-Gymnasium nicht nur Unterschiede, sondern auch etwas, das die jungen Iraker und die Mitglieder des Schulorchesters fest miteinander verbindet: die Liebe zur Musik.

Autorin: Mehrnoosh Entezari
Redaktion: Daphne Grathwohl, Hartmut Lüning