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Europa

Junge Griechen verlassen die Heimat

Junge und hochqualifizierte Griechen versuchen ihr Glück im Ausland, um Arbeit zu finden. Viele schauen nach Deutschland, weil dort griechische Freunde und Verwandte wohnen. Ist das wirklich ein Vorteil?

Absolventen werfen ihre Hüte in die Luft (Foto: dpa)

Junge Griechen verlassen Griechenland, um woanders Arbeit zu finden

Die "500-Euro-Generation" werden sie in Griechenland genannt - und die meisten von ihnen können sich glücklich schätzen, wenn sie diese 500 Euro im Monat tatsächlich verdienen. Junge, hochqualifizierte Universitätsabsolventen und Facharbeiter schauen in eine finstere Zukunft. Viele entscheiden sich, Griechenland zu verlassen, weil sie sich nicht mit mies bezahlten Jobs, Schwarzarbeit oder Arbeitslosigkeit herumschlagen wollen.

Christos Christoglou ist einer derjenigen, die gegangen sind. Der 37-jährige Grieche ist Chemie-Ingenieur, er hat an einer guten Universität in Athen studiert und anschließend promoviert. Bis 2008 arbeitete er für die exportorientierte Firma Elval Hellenic Aluminium Industry der Viohalco Gruppe, eine der größten Firmen in Griechenland. Dann kam die Krise. Auch wenn er nach zwei Monaten Arbeitslosigkeit als selbstständiger Inspektor arbeiten konnte, war Christoglou froh, als das Angebot aus Deutschland kam.

"Es ist fast unmöglich, eine Stelle zu finden - und es ist absolut unmöglich, jetzt eine gute Stelle in Griechenland zu finden", sagt er. "Es wird in einem Jahr immer noch schwer sein, nehme ich an, und wahrscheinlich auch in zwei, drei oder auch in fünf Jahren."

Christos Christoglou (Foto: DW)

Es ist unmöglich, jetzt einen guten Job in Griechenland zu finden, sagt Christoglou

Viele Studenten würden jetzt gleich nach ihrem Abschluss das Land verlassen, hat ihm sein alter Professor in Griechenland erzählt. Diejenigen, die promovieren wollen, versuchten es im Ausland. Es gebe keine Forschungsgelder in Griechenland - außer sie stammen aus einem EU-Topf. Und der Sohn des Professors hätte seinen Studienplatz in Griechenland gleich ganz ausgeschlagen und lernt jetzt lieber Deutsch, um nächstes Jahr in München zu studieren. "Niemand weiß, ob wir das als Staat überleben", sagt Christoglou. "Keiner kann vorausplanen."

Einzelne bleiben noch

Seit Juni 2010 arbeitet Christoglou für die deutsche Firma Bayer in Leverkusen. Diejenigen, die in Griechenland absolut keine Stelle finden konnten, seien schon längst weg, sagt er. Diejenigen, die eine Wohnung oder ein Haus besitzen und demnach keine Miete zahlen müssen oder deren Partner noch einen Job hat, würden erst einmal abwarten.

Für ihn war es einfacher, nach Deutschland zu kommen, weil er schon einmal hier gelebt hatte. Christoglou ist in Hamburg geboren, aber seine Eltern zogen mit ihm zurück nach Griechenland, als er zwölf Jahre alt war. Er spricht fließend Deutsch - ein Vorteil. "Aber alle Griechen sprechen Englisch, besonders diejenigen, die studiert haben. Und die meisten der Ingenieure können auch Deutsch, weil das die Ingenieurssprache ist."

Seine Frau, die mit der vierjährigen Tochter noch in Griechenland lebt, nimmt bereits Deutschunterricht. Die beiden werden bald auch nach Deutschland ziehen. Christoglou sagt, dass viele von seinen ehemaligen Kollegen ihre Lebensläufe an Unternehmen in Europa versenden, obwohl sie noch einen Job haben. Aber sie wissen nicht, für wie lange noch.

Zurück bleiben die "Zweitklassigen"

"Normalerweise sind es die schlausten Köpfe, die einen guten Job auch woanders finden können, die als erstes gehen. Diejenigen, die wirklich etwas zu bieten haben. Und diese Menschen verlassen das Land. Es ist ein großes Desaster", sagt Christoglou. "Stellen Sie sich mal vor, wer dort an den Universitäten bleiben wird, um die nächste Generation von Professoren zu stellen? Die Zweitklassigen, die keine Stelle außerhalb Griechenlands finden können."

Dieser sogenannte Brain Drain, also die Abwanderung der Klügsten und Besten, betrifft sowohl Universitäten als auch die Unternehmen und ist gefährlich für die Entwicklung eines Landes. "Der Brain Drain, der Griechenland bevorsteht oder auch schon passiert, wird wahrscheinlich permanenter Natur sein, wenn sie das Land nicht schnell auf Vordermann bringen und für Anreize sorgen, dass die Leute schnell wiederkommen", sagt Christoglou. "Weil wenn jemand, der jetzt 25, 28 oder auch 30 Jahre alt ist, wenn der nach Deutschland geht, dann wird er dort heiraten, Kinder bekommen und dort seinen Freundeskreis aufbauen. In zehn Jahren gibt es keinen Grund für ihn, das alles zu verlassen um nach Griechenland zurückzugehen."

Die Verwandten ziehen nach

Ilias Courtidis vor einer Foto-Collage, die ihn und seiner Frau bei der Hochzeit zeigt (Foto: DW)

Courtidis möchte seinem Schwager helfen, in Deutschland Fuß zu fassen

Ilias Courtidis, ein Grieche, der in Bonn geboren wurde, ermutigt seinen Schwager, einen studierten Bauingenieur, zu ihm nach Deutschland zu kommen und sich hier nach Arbeitsstellen umzusehen. "Ich gebe jedem immer den Rat: 'Seid nicht blöd und verpulvert eure Jahre als Tagelöhner in Griechenland. Seht zu, dass ihr noch in jungen Jahren versucht, euch auf eigenen Beinen hinzustellen und zu sagen: Ich gehe jetzt ins Ausland und versuche mein Glück.'"

Und sein Schwager plant tatsächlich, im September nach Deutschland zu kommen. Ilias Courtidis selbst fährt mindestens dreimal im Jahr nach Griechenland. In jeder Familie höre er von jemandem, der Griechenland verlassen möchte.

"Es ist nicht nur die junge Generation, die nach Deutschland will", sagt Courtidis. Es seien auch die Älteren, die lange Zeit in Deutschland gearbeitet haben und dann zurück nach Griechenland zogen, um dort Restaurants zu führen und in der Tourismusbranche zu arbeiten. Jetzt können sie davon nicht mehr leben und wollten zurück.

Courtidis selbst sagt, es sei sein Traum, eines Tages selbst nach Griechenland zu ziehen. "Irgendwie will man schon irgendwann zu seinen Wurzeln zurückkehren, aber in der jetzigen Situation funktioniert das definitiv nicht. Ich hab jetzt hier einen guten, festen Job, meine Frau arbeitet auch und studiert Innenarchitektur. Diese Chancen hätten wir in Griechenland bei weitem nicht."

Schwarzarbeit weit verbreitet

Georgios Starridis (Foto: DW)

Starridis verließ Griechenland, als er drei Monate keinen Lohn bekam

Der 24-jährige in Deutschland geborene Grieche Georigios Starridis arbeitete für knapp drei Jahre in Griechenland, nachdem er in Deutschland die Schule beendet hatte. Schwarzarbeit sei dort gang und gäbe, erzählt Starridis. Am Schluss konnte sein Chef die Mitarbeiter nicht mehr bezahlen.

"Bei mir war das so, dass ich die letzten drei Monate keinen Lohn mehr bekommen habe. Dann hieß es irgendwann, bei all meinen Freunden und Bekannten: 'Wir haben nichts, wir können euch nicht bezahlen.' Bei meinem Chef genau das gleiche. Viele Leute arbeiten noch heute und bekommen kein Geld", sagt Starridis.

Das Problem im System

Christos Christoglou sagt, dass Griechenlands Probleme über die der aktuellen Wirtschaftslage hinausgehen. Jeder versuche, für sich das Beste herauszuschlagen und zu tricksen, wo es nur geht. "Das Problem in Griechenland ist, dass dir dort das Gefühl vermittelt wird, dass jeder es macht. Du wärst blöd, wenn du es nicht auch machen würdest." Er sagt, dies sei so verbreitet, dass sich sogar gutbezahlte Ärzte in privaten Krankenhäusern bereichern.

Griechenland habe immer noch viele Probleme zu lösen. Und solange der Staat diese Themen nicht anpackt, sind Griechen seiner Ansicht nach besser damit beraten, das Land zu verlassen und Arbeit woanders zu suchen.

"Sogar meine Eltern haben es geschafft, und die haben damals nichts außer Griechisch gesprochen. Sie hatten ja noch nicht mal die Schule in Griechenland abgeschlossen. Mein Vater ging, da war er gerade 17, und vorher half er auf einem Bauernhof", sagt Christoglou. "Und er ging, ohne jemanden hier zu kennen, und er hat es geschafft. Junge Leute werden heutzutage gar keine Probleme mehr haben."

Autorin: Sarah Steffen
Redaktion: Susan Houlton

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