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Deutschland

Junge Deutsche zweifeln an Aufstiegschancen

Nur jeder vierte deutsche Jugendliche aus bildungsfernen Schichten glaubt, dass gute Leistungen mit Erfolg belohnt werden. Eine neue Studie zur Chancengleichheit zeichnet das Bild einer pessimistischen Jugend.

Wer sich wirklich anstrengt, der bringt es auch zu etwas? Stimmt nicht, sagen mehr als die Hälfte der Deutschen. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts sind junge Menschen unter 30 besonders pessimistisch. Kommen sie aus einfachen Verhältnissen, sagen sogar 81 Prozent: Leistung lohnt sich nicht. "Während 56 Prozent der Unter-30-Jährigen aus der Oberschicht davon ausgehen, dass Anstrengung in der Regel auch zu sozialem Erfolg führt, teilen nur 19 Prozent dieser Altersgruppe aus der Unterschicht diese Einschätzung", schreiben die Forscher.

Soziologe Michael Hartmann Foto: Karlheinz Schindler (picture alliance/ZB)

Soziologe Hartmann: keine überraschende Einstellung

"Die Jugendlichen sehen das relativ realistisch", sagt Michael Hartmann, Soziologe an der Technischen Universität Darmstadt. Ob junge Menschen Karriere machen oder nicht, hinge in Deutschland in großem Maße von dem Status und Bildungsgrad der Eltern ab. "In den vergangenen zehn Jahren hat die soziale Mobilität sehr nachgelassen", sagt der Forscher. Von einer niedrigen Gesellschaftsschicht in eine höhere aufzusteigen, erweist sich demnach als sehr schwierig. Hartmann ist daher von der nüchternen Einstellung der rund 1800 Befragten nicht überrascht.

Schulsystem mit Abstellgleis

Doch nicht überall macht sich die Resignation breit, die die Studie beschreibt. "Hier im Umkreis gibt es ja viele Unternehmen, da finde ich schon was", sagt einer der Schüler, die am Heinrich-Hertz-Europakolleg in Bonn ein Berufsgrundschuljahr machen. Das Kolleg ist eine Art Notlösung für diejenigen, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Die zwischen 17 und 20 Jahre alten Schüler bekommen Unterricht in Deutsch, Politik und Wirtschaft, lernen aber gleichzeitig auch Theorie und Praxis der Metalltechnik kennen. "So erhöht man seine Chancen, doch noch einen Ausbildungsplatz zu finden", sagt einer der 16 Schüler, die an diesem Morgen das Fach "Arbeitsabläufe Planen" haben.

Karsten Oberländer, Lehrer am Berufskolleg Foto: Julia Mahncke (DW)

Karsten Oberländer unterrichtet am Heinrich-Hertz-Europakolleg

Die Voraussetzungen sind nicht die besten: Viele der Schüler kommen aus einfachen Verhältnissen, über die Hälfte aus Einwandererfamilien. Trotzdem geben zwei Drittel der Schüler der Metalltechnik-Klasse an, sie würden eher optimistisch in die Zukunft blicken. "In dieser Gruppe herrscht mittlerweile ein ganz gutes Klima", bestätigt auch Lehrer Karsten Oberländer. Er setzt auf strenge Regeln und verlangt Engagement von den Schülern. Seinerseits begegnet er ihnen aber auch mit Respekt.

Wenn der Wille stark bleibt

Nassim, 17 Jahre alt, hat schon einige Ecken und Kanten in seiner Biografie. Nach einem kurzen Besuch auf dem Gymnasium - der Schulform, die in Deutschland direkt zum Abitur führt und damit die Zulassung zur Universität sichert - wechselte er nach der 6. Klasse auf eine Realschule. Diese endet bereits nach dem zehnten Schuljahr, und der Abschluss berechtigt nicht zum Studium. "Ich hatte irgendwie den Faden verloren", sagt Nassim. "Meine Noten wurden immer schlechter, und dann bin ich auch noch sitzengeblieben." Aber aufgeben? Nein. Er möchte gerne Informatik studieren. In seiner Freizeit versucht er, selbst Computerspiele zu programmieren.

Schüler Nassim im Heinrich-Hertz-Europakolleg Foto: Julia Mahncke (DW)

Nassim, 17 Jahre alt (vorn im Bild), will gerne noch studieren

Seine Eltern, die kurz vor seiner Geburt aus dem Iran nach Deutschland kamen, wünschen sich ebenfalls, dass ihr Junge Karriere macht. Sie selbst sind studierte Lehrer, aber hier in Deutschland arbeitet nur der Vater der Familie - als Taxifahrer. "Meine Eltern kennen sich mit dem deutschen Schulsystem nicht so gut aus", berichtet Nassim. "Berufsberater haben mir dieses Jahr hier am Kolleg empfohlen, aber das ist irgendwie ein verlorenes Jahr." Leicht es ist nicht für Nassim, doch unterkriegen lässt er sich nicht.

Je flexibler, desto größter die Chancen

Einen Ausbildungsplatz zu finden, kann gerade für Schüler der Real- und Hauptschulen schwierig sein. Die Hauptschulen bilden das Schlusslicht im deutschen Bildungssystem. Der Rektor der Theodor-Litt-Schule in Bonn, Florian von Sothen, vermittelt gerade mal 20 Prozent seiner Schützlinge direkt nach dem Abschluss weiter. "Es gibt die Schüler, die sagen: 'Mich will sowieso keiner, was soll ich mich hier anstrengen?' Die Chancen sind aber gar nicht so schlecht. Besonders, wenn die Betriebe die jungen Menschen erstmal als Praktikanten kennengelernt haben." Ein Knackpunkt sei die frühzeitige Berufsberatung. "Manche Schüler können vielleicht zehn, fünfzehn Berufe aufzählen, und das war es", berichtet der Schulleiter. Die jungen Leute müssten flexibler werden und sich über möglichst viele Berufsbilder informieren.

Ulrike Herrmann Foto: DW-Archiv

Wirtschaftsjournalistin und Autorin Ulrike Herrmann

Nicht nur gute Informationsangebote könnten resignierten Jugendlichen wieder mehr Hoffnung geben, auch die demographische "Katastrophe" werde das Problem in den nächsten zehn Jahren lindern, sagt die Wirtschaftsjournalistin und Autorin Ulrike Herrmann. "Pro Jahr werden zukünftig etwa 500.000 Menschen den Arbeitsmarkt verlassen, und diese werden auch nicht mehr ersetzt." Eine ganze Generation von geburtenstarken Jahrgängen wird in den kommenden Jahren in Rente gehen. Damit werden auf dem Arbeitsmarkt wieder mehr Nachwuchskräfte gesucht werden.

Bis diese gesellschaftliche Veränderung ihre Wirkung zeigt, bleibt es die Aufgabe der Politik, so Soziologe Hartmann, unter anderem dafür zu sorgen, dass alle Jugendlichen die gleichen Chancen auf dem Weg in den Beruf bekommen: "Das Bildungssystem darf nicht schon in frühen Jahren vermitteln: Du bist abgehängt, und da kannst du nichts dran machen."

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