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Deutschland

Jung, vernetzt und ohne Handy

Es ist ein Experiment: Eine Woche lang ohne Smartphone auskommen. Die Teilnehmer: Schüler aus Braunschweig. Sind die Jugendlichen wirklich so abhängig von den Alleskönnern, wie Erwachsene gerne glauben?

Die Zehntklässler in Braunschweig verabschieden sich von ihren Handys (Foto: dpa)

Eine Klasse Zehn, eine Woche, ein Experiment: Verzichten aufs Handy

"Oh Gott, nein, ich will mein Handy nicht abgeben." Diese Gedanken schossen der 16-jährigen Isabel durch den Kopf, als sie vor einer Woche ihr Smartphone wegschließen ließ. "Ich dachte, ich kann ohne nicht so gut", sagt sie im DW-Gespräch. Sie und fast alle in ihrer Klasse des "Martino-Katherineum"-Gymnasiums in Braunschweig hatten sich darauf geeinigt, eine Woche lang auf Handy oder Smartphone zu verzichten. Auch eine weitere Klasse einer Braunschweiger Schule machte mit.

Leiter des 'Martino-Katherineum'-Gymnasiums, Manfred Wildhage (Foto: dpa)

Schulleiter Wildhage: "Eigentlich keine große Sache"

Vielleicht keine so große Sache, denn das Festnetz-Telefon, der Computer zu Hause, Fernsehen und Radio sollten in dieser Woche nicht boykottiert werden, lediglich das mobile Telefon. Das Medien-Interesse am Versuch war allerdings gewaltig, berichtet Schulleiter Manfred Wildhage: "Am letzten Montag, als es los ging, hat es uns förmlich überrollt. Printmedien, Radio, Fernsehen, alle waren da." Für Wildhage schwer zu erklären, es sollte eigentlich ein kleines Projekt werden, die Stadt Braunschweig hatte die Idee dazu geliefert. Vielleicht liege es an einem falschen Bild, das Erwachsene von Jugendlichen haben, vermutet Wildhage im Interview mit der Deutschen Welle. "Das Bild, dass sie ohne diese Dinger nicht mehr richtig leben können."

Digitale Alleskönner

Dabei beruhte das Experiment auf Freiwilligkeit, fast alle in der Klasse machten mit. Nur in einem Fall verbaten die Eltern die Teilnahme. Sie wollten, dass ihr Kind auch weiter erreichbar bleibt, zur Kontrolle und für Notfälle. 80 Prozent der Jugendlichen gaben ein Smartphone ab, sie verzichteten damit auf das "Schweizer Taschenmesser" unter den Handys: Internet, Telefon, Wecker, Uhr, Chat-Programme, Soziale Medien, Musik, Videos - alles verbaut in diesem kleinen Gerät, das wir überallhin mitnehmen können.

Das mache das Erkennen einer möglichen Abhängigkeit auch so schwer greifbar, sagt der Kölner Mediensuchtexperte Markus Wirtz. "Das ist ein Graubereich. Die Forschung ist hier noch nicht so weit, eine klare Grenze zu ziehen zwischen Sucht und unproblematischer Nutzung." Er glaubt aber, dass die Braunschweiger Schüler die Herausforderung meistern. "In der Gruppe ist der Ansporn größer", so Wirtz im DW-Gespräch. "Auch die zeitliche Begrenzung wird es etwas leichter gemacht haben."

Die Handy-Sammlung in einem Karton (Foto: dpa)

In dieser Kiste wurden die Mobiltelefone gesammelt und anschließend in einem Banktresor verschlossen

Entspannte Schüler

Die 16-jährige Isabel fand das Experiment trotz anfänglicher Bedenken "super. Als ich das Smartphone schließlich abgegeben hatte, fand ich es sogar entspannend." Entzugserscheinungen - wie von einigen Erwachsenen erwartet - habe sie keine gehabt. Und das, obwohl sie das Gerät vorher intensiv genutzt habe. Trotzdem, gibt sie zu bedenken, sei ein Smartphone manchmal schon praktisch: "Ich merke es an ganz kleinen Stellen, wenn ich zum Beispiel einen Termin absagen muss." Dazu musste sie extra ins Büro des Schulleiters gehen, um dort zu telefonieren. Auch an der Bushaltestelle habe sie sich in der Experiment-Woche gelangweilt. "Ich habe die Leute angestarrt und geguckt, was sie für Sachen anhaben. Irgendwie muss man sich die Zeit ja vertreiben."

"Natürlich merken wir, wenn wir das Gerät nicht mehr haben, dass viele Dinge viel umständlicher werden", meint Suchtexperte Markus Wirtz. Das sei zwar "ein blödes Gefühl", habe aber noch nichts mit Sucht zu tun. "Man darf auch nicht alles durchpathologisieren. Es hat angefangen mit der Computersucht, dann kam die Internetsucht, jetzt kommt die Handysucht, ich finde, da muss man differenziert draufschauen." Selbst wenn Menschen Handy-süchtig wären - also zum Beispiel ihr reales Leben zugunsten des Smartphones stark vernachlässigten - sei der Leidensdruck oft nicht sehr groß. Denn durch Soziale Medien und Messenger-Dienste fühlten sie sich ja auch nicht ausgeschlossen. Im Gegenteil: "Wenn man kein Smartphone hat, besteht immer die Gefahr, nicht dazuzugehören", so Wirtz.

Ohne ist ok, jetzt aber wieder mit

Die Zehntklässlerin Isabel aus Braunschweig (Foto: dpa)

Isabel will ihr Smartphone zurück, hat es aber nicht sehr vermisst

Für die Schüler in Braunschweig war die kollektive Woche ohne Handy zumindest kein Problem, unterstreicht auch Schulleiter Wildhage in einem vorläufigen Fazit. "Bei den Schülern war relativ große Gelassenheit zu spüren." Ab und zu hätten sie ihre Geräte in bestimmten Situationen vermisst, es habe aber "keine großen Ausfallerscheinungen" gegeben. Das Beispiel der Zehntklässlerin Isabel scheint also ein typischer Fall für den Verlauf des Experiments zu sein. Die Schülerin sagt sogar, sie fühle sich jetzt freier.

"Manchmal komme ich besser ohne klar, denn ich werde nicht ständig von Leuten angeschrieben", zum Beispiel beim Lernen oder den Hausaufgaben. Jetzt könne sie besser Abschalten und ihre Ruhe haben. Trotzdem will sie nicht dauerhaft auf ihr Smartphone verzichten - wegen der Erreichbarkeit für ihre Eltern, oder wenn sie Freunden kurz absagen will. "Wenn man in der Stadt ist und kein Handy hat, dann muss man sich eine Telefonzelle suchen. Aber heutzutage wissen wir gar nicht mehr genau, wie so ein Ding überhaupt funktioniert." Außerdem gebe es auch kaum noch Telefonzellen.

Schulleiter Manfred Wildhage ist optimistisch, dass das Experiment Spuren hinterlassen wird: "Wenn Schülerinnen und Schüler ihr Kommunikationsverhalten selbst beobachten, können sie dadurch vielleicht ein Stück bewusster dieses Medium nutzen. Wenn es gut läuft, geht es genau in diese Richtung." Der Kölner Mediensucht-Experte Markus Wirtz rät im Zusammenhang mit Smartphones zwar zur Wachsamkeit, aber auch er gibt zu: "Wir bieten seit vier Jahren Beratung an zum Thema, und ich hatte noch nie jemanden, der wegen Handynutzung in die Beratung gekommen ist."

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