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Amerika

Jung, lebendig, lateinamerikanisch

Argentiniens junge Schriftsteller weinen nicht um ihr Land – sie halten ihm den Spiegel vor. Mit "Asado verbal" ist nun eine Anthologie auf Deutsch erschienen.

Titelblatt der Anthologie Asado Verbal - junge, argentinische Literatur, herausgegeben von Timo Berger und Rike Bolte, 2010 bei Wagenbauch, Berlin

"Lebendig, selbstbewusst, lateinamerikanisch"

"Kein Sonntag ohne Asado", sagt der argentinische Volksmund. Das "Asado", die typisch argentinische Grillmahlzeit, ist eine Institution – quer durch alle Schichten. Kiloweise Fleisch, Paprikawürste, Innereien fliegen auf den Grill, es wird getrunken, gescherzt, man kommt zusammen. Und so hat es auch "Asado Verbal" in sich, eine Anthologie mit 15 erstmals auf deutsch erschienen Geschichten, herausgegeben von Timo Berger und Rike Bolte.

Autor: Washington Cucurto (Foto: Anne Herrberg / DW)

Washington Cucurto: schreibt seine Texte am liebsten bei McDonalds.

"Hallo, meine lieben Promenadenmischungen. Seid herzlich willkommen, einen Morgen meines Lebens mit mir zu teilen. Heute machen wir uns auf die Reise mit dem Mann mit dem blauen Helm, das bin ich. Das ist mein Fahrrad. Es ist ganz von unserem Schlag, schwimmt immer gegen den Strom, so wie unser Leben: gegen alles und jeden und vor allem gegen uns selbst."

So beginnt "der Mann mit dem blauen Helm" von Washington Cucurto. 1973 in Quilmes, einem Vorort von Buenos Aires geboren, ist er vielleicht eine der kuriosesten Figuren der neuen, argentinischen Literaturszene.

Cucurto (eigentlich ein Künstlername), der selbst als Regalauffüller gearbeitet hat, radelt mit seinen Lesern durch die Filialen einer großen Supermarktkette. Eine Reise durch die Abgründe einer anonymen Konsumgesellschaft, die er mit viel Witz und Ironie vorführt:

"Das Regal. Es gibt uns eine Heimat. Es gibt Regale in allen Größen und mit allen Dingen, die ihr euch vorstellen könnt und noch nie gesehen habt, zum Beispiel die neuen Badeentchen, die es zur Batterie Everready im Angebot dazu gibt. Regale über Regale über Regale, seht sie euch an, meine Töchter, Schwestern, Cousinen, am liebsten wäre ich ein Roboter mit einem Eisenpimmel, um es ihnen allen zu besorgen, das ist, was ihnen fehlt, um besser als der beste Revuestar zu werden."

"Postmarxistische Theorie des Unglücklichseins"

Arbeiterliteratur in Zeiten von "Wall Mart" und "Supermodell"- Formaten – beim Abtasten der Oberflächen wird gern auch ein Schlag unter die Gürtellinie verpasst. Die jungen argentinischen Autoren, meist zwischen 1970 und 1985 geboren, sind vor allem von den rasanten sozialen Umbrüchen geprägt, die Argentinien seit zwanzig Jahren erlebt: Wirtschaftskrise auf der einen, Mediatisierung der Gesellschaft auf der anderen Seite. Cecilia Pavon schildert in ihrer "Postmarxistischen Theorie des Unglücklichseins" ein futuristisches Buenos Aires, das sich nicht länger für Gefühle und Besitztum interessiert:

Warteschlange vor einem Lebensmittelladen in Buenos Aires während der Wirtschafts- und Währungskrise 2002 (Foto: AP)

Einschneidende Erfahrung: 2002 stand Argentiniens Wirtschaft vor dem Kollaps

"Alles, worüber ich schreibe, haben mir Freundinnen erzählt. Ich selbst habe nichts davon erlebt (...) Schon als kleines Mädchen wusste ich, dass ich mein Leben dem Schreiben widmen und aus diesem Grund nie ein normales Liebesleben führen würde. Doch die Welt hat sich blitzschnell verändert, und von einem Tag auf den anderen führte plötzlich niemand mehr ein normales Liebesleben. Somit war ich nichts Besonderes mehr. Und in dieser Langsamkeit – oder Schnelligkeit, weich wie eine Daunendecke, ließ ich mich fallen. Und ich fiel und fiel und fiel...wie in einer Schokoladenwerbung."

Natürlich habe hier die Popkultur ihre Spuren hinterlassen, sagt Herausgeber Timo Berger, "alles muss sehr schnell aufgeschrieben sein, wie für ein Blog." Die Literatur ist etwas Kollektives, alle schreiben an den Texten. "Sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, das zeichnet die neuen Schriftsteller aus." Oder wie es Washington Cucurto ausdrückt, nachdem er – weil er unrasiert zur Arbeit erschien, seinen Job im Supermarkt verliert.

"Zu allem sage ich ja, das ist grundlegend. Das Wichtigste im Leben ist, zu allem Ja zu sagen: Ja, Señor!"

"Ich mach dir Kommunismus unterm Arsch!"

Die neuen Autoren weinen nicht um Argentinien. Sie legen den Finger in die Wunden. Dabei scheuen sich auch nicht, ihre Worte vom Straßenbelag zu kratzen – da mit grenzen sie sich bewusst von der Vätergeneration, bzw. "Übervätern" wie Jorge Luis Borges oder Adolfo Bioy Casares ab für die Umgangssprache in der Literatur verpönt war:

"Da halten mich plötzlich die Bullen an, auf ne üble Tour, ich frag die, hey, was geht denn hier ab und die werfe mich auf die Motorhaube vom Batmobil, hey, mal halblang, sag ich zu dem Typ, ich kann dir das erklären, als ob der meine Tussi wär', aber die, halt die Schnauze, du Scheißchinese, sonst machen wir dir Kommunismus unterm Arsch."

Ariel Magnus taucht in "der Chinese auf dem Fahhrad" ein in die Welt von Buenos Aires "China Town" und offenbart dabei auch die Arroganz und den Rassismus eines Landes, das zwar seit je her von Einwanderung geprägt ist. Doch die neuen Fremden kommen nicht mehr aus Europa, sondern aus China, Bolivien oder Paraguay.

Argentinien liegt in Lateinamerika

Die FLIA, die alternative Buchmesse in Buenos Aires (Foto: Anne Herrberg / DW)

Die FLIA, die alternative Buchmesse in Buenos Aires. Nach der Wirtschaftskrise 2001 erlebten Independent-Verlage in Argentinien einen Boom.

Wie tief dieses Zwei-Klassendenken noch verwurzelt ist, beschreibt Lucía Puenzo in „Der Hase ist tot". Als Paraguay, der Sohn der Haushälterin Irma zu Besuch auf das Landgut des reichen Razzani kommt, droht die geordnete Welt aus den Fugen zu geraten:

"Die Ähnlichkeit zwischen Irmas Sohn und Razzani war nicht zu verbergen, sie stand in den Gesichtern geschrieben und die Scham darüber, dass Geheimnisse der Vergangenheit auf derartige Weise zutage traten – im Körper eines Neunjährigen auf einem Gehöft in Mendoza – zwang alle, den Blick zu senken."

Auch diese Geschichte macht sichtbar, was man im schicken, europäisch geprägten Zentrum von Buenos Aires gern zu überdecken sucht: Argentinien liegt in Lateinamerika – und teilt auch seine soziale Problematik mit den Nachbarländern. In Juan Diego Incardonas „Angriff auf Villa Celina" fliegt beinahe ein Elendsviertel in die Luft, weil im benachbarten Gaswerk an den Sicherheitsvorkehrungen gespart wurde – eine Parabel auf die nationale Wirtschafts- und Währungskrise 2001. Und Carlos Blasco erzählt in "Boa" nüchtern die Geschichte von Picota, der mit acht Jahren seinen ersten Diebstahl, mit 15 seinen ersten Mord beging.

Einen anderen Blick auf die Diktatur

"Aber seine geheimen Beziehungen zu einem hohen Funktionär in der Provinzverwaltung, für den er schon einige Jobs erledigt hatte, halfen ihm wieder auf freien Fuß zu kommen. Die Polizei hatte begriffen, dass Picota unantastbar geworden war, dort wo er zuschlug, entstanden im Handumdrehen Zonen, in denen die Polizei nicht eingriff."

Gewalt, Straflosigkeit, Korruption – wenn Blasco die Ereignisse schonungs-, fast emotionslos niederschreibt, wird deutlich, wie alltäglich sie bereits geworden sind, oder immer noch sind.

Denn auch die politischen Klassenkämpfe und die grausame Militärdiktatur 1976-83 kommen immer wieder zu Sprache – aber eben aus dem Blick derjenigen, die sie nicht selbst erlebt haben, sondern im Rückblick versuchen, zu verstehen. Wie bei Felix Bruzzone, der seinen Protagonisten mit einem alten Unimog auf Spurensuche in die Vergangenheit schickt – er besucht die letzten Aufenthaltsorte seines Vaters, bevor dieser für immer "verschwunden" ist. Wie 30.000 andere zur Zeit der Militärdiktatur.

Totlachen an Evitas Grab

Jorge Luis Borges (Foto: pa)

Jorge Luis Borges: Was würde der Altmeister sagen?

Die 15 Geschichten in "Asado Verbal" zeichnen ein vielfältiges Bild Argentiniens, seiner Vergangenheit und seiner Gegenwart, mal bitter-ernst, mal phantastisch, mal skurril – da wird das Begräbnis von Evita, der umhuldigten Mutter der Nation, auf einmal so lustig, dass man am Lachen erstickt. Ein One-Night-Stand mutiert zur Fleisch fressenden Amazone und der weit verbreitete Volksglauben an Wunder in der argentinischen Provinz wird bei Mariana Enríquez in ein bissig-trockenes "Correntiner Schauerstück" verpackt.

"Deine Mami ist nicht vermodert. Sie sieht genauso aus wie damals, als wir sie vergruben. Sie sieht sogar besser aus, um ehrlich zu sein, sie ist nämlich nicht mehr so aufgeschwemmt "

Kein Tango for Export

Argentiniens junge Autoren beobachten ihr Land genau und kritisch – wie ihre Vätergeneration thematisieren sie Missstände, Gewalt und Ungerechtigkeit, doch sie klagen nicht an, sie lassen die Ungeheuerlichkeiten für sich sprechen. Gerade durch die Wirtschaftskrise geriet die argentinische Verlagsszene in Bewegung. Kleine Independent-Verlage profitierten und verschafften den neuen Stimmen eine breite Öffentlichkeit. Dass einige Neuerscheinungen für hitzige Diskussionen in den heimischen Feuilletons sorgten, zeigt nur, dass hier der Zahn der Zeit getroffen wurde. Lebendig, selbstbewusst, lateinamerikanisch – oder wie es Andi Nachón sagt: kein Tango for Export:

"Was wird dir, nach dem Hokuspokus und dem Salon-Gehabe, noch etwas bedeuten, dieser Tango for Export erzählt nichts von dir. Wenn dich einer fragt: Tanzt du Tango? Wirst du brav sagen: Nein, nicht mal wenn ich mir ein Herz fassen würde."

Timo Berger und Rike Bolte (Hg.): Asado Verbal. Junge, argentinische Literatur. Erschienen im Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2010, 144 S., 9,90 Euro

Mit Texten von Lucía Puenzo, Pedro Mairal, Washington Cucurto, Fabián Casas, Mariana Enríquez, Cecilia Pavón, Juan Diego Incardona, Ariel Magnus, Julia Coria, Félix Bruzzone, Romina Paula, Edgardo González Amer, Oliverio Coelho, Carlos Blasco und Andi Nachon.

Autorin: Anne Herrberg

Redaktion: Sven Töniges