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Deutschland

Jung, allein, weggeschickt

Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge haben in Deutschland besondere Rechte. Doch manche Städte sind mit der Umsetzung überfordert. Deshalb könnte es zu einer Gesetzesänderung kommen - mit schwerwiegenden Folgen.

Das südliche deutsche Bundesland Bayern will, dass minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in Zukunft - so wie andere Flüchtlinge auch - direkt nach ihrer Ankunft

auf ganz Deutschland verteilt werden.

So sollen besonders die grenznahen Großstädte entlastet werden, die mit der Betreuung der Minderjährigen angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen überfordert sind.

Sollte sich der Plan Bayerns, der auch von Großstädten wie Bremen unterstützt wird, durchsetzen, würde das Kindeswohl nicht mehr an erster Stelle stehen, befürchtet Thomas Berthold vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (B-UMF) in Deutschland: "So ein Gesetz darf nicht im Schnellverfahren verabschiedet werden. Hier werden ordnungsrechtliche Maßnahmen vor die Bedürfnisse der Kinder gestellt."

Auch Antonia Veramendi, Leiterin der "SchlaU"-Schule, die sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in München kümmert, sieht das Vorhaben sehr kritisch: "Gerade bei traumatisierten Jugendlichen muss Vertrauen aufgebaut werden und es darf keine Brüche in der Betreuung geben. Würden die jungen Menschen direkt nach der Ankunft wieder weitergeschickt, wäre es unmöglich, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen."

Die meisten der unbegleiteten Flüchtlinge kommen aus Syrien, Eritrea oder Afghanistan, aus Ländern, in denen Krieg und Gewalt den Alltag beherrschen.

Viele der Jugendlichen sind traumatisiert.

Sie haben bereits in der Heimat Schreckliches erfahren oder spätestens auf der Flucht einen Elternteil oder Freunde verloren.

Junge Flüchtlinge werden besonders unterstützt

Um auf diese Bedürfnisse bestens eingehen zu können, besteht auf Seiten der zuständigen deutschen Jugendämter bereits ein meist gut funktionierendes System: In grenznahen Städten wie München gibt es zahlreiche Einrichtungen, die auf die Arbeit mit minderjährigen Flüchtlingen spezialisiert sind. Hier erhalten die jungen Menschen Unterstützung durch einen Vormund, speziellen Schulunterricht und werden in besonderen Wohngruppen untergebracht.

Junge Flüchtlinge an der SchlaU-Schule in München. (Foto: Schlau-Schule)

An der SchlaU-Schule in München werden junge Flüchtlinge unterrichtet

"Dieses Konzept hat sich als sehr erfolgsversprechend bewährt", sagt Antonia Veramendi im Gespräch mit der DW: "Würden die Jugendlichen auf Deutschland aufgeteilt, kämen sie womöglich in Städte, wo es keine Infrastruktur für ihre Ausbildung und die Therapie gibt." Die Arbeit mit minderjährigen Flüchtlingen sei sehr speziell, ergänzt sie. "In Bayern gibt es neben München nur in Nürnberg und Augsburg Einrichtungen, die ausreichend ausgebildetes Personal dafür haben. Landen die Jugendlichen irgendwo auf dem Land, gibt es dort keine passende Einrichtung."

Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge

genießen in Deutschland besonderen Schutz. Sie dürfen beispielsweise in der Stadt bleiben, in der sie das erste Mal registriert wurden. Deswegen werden sie vor allem in grenznahen Städten betreut.

Volljährige Flüchtlinge kommen dagegen zunächst in eine Sammelunterkunft. Schon nach wenigen Wochen oder Tagen können sie dann wieder in eine andere Stadt geschickt werden. Diese kann auch am anderen Ende des Landes liegen. Diese Prozedur der zahlreichen Ortswechsel, die mit viel Unsicherheit für die Flüchtlinge verbunden ist, wird von Flüchtlingsorganisationen schon seit langer Zeit kritisiert.

Viermal so viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wie im Vorjahr

Doch die Flüchtlingszahlen steigen und die Stadt München ist sichtlich überfordert: "Dieses Jahr betreuen wird bereits viermal so viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wie 2013. Das ist ein Allzeithoch", sagt die Münchener Jugendamtsleiterin Maria Kurz-Adam im DW-Gespräch. Jeden Tag kommen bis zu 140 neue junge Menschen in die Stadt: "Wir müssten theoretisch sechs bis sieben neue Heime pro Woche eröffnen." Bis zum Oktober 2014 hat die Stadt bereits 1900 jugendliche Flüchtlinge in Obhut genommen.

"Wir haben keine Schulplätze mehr, wir haben keine Vormünder mehr, Jugendheimplätze fehlen. Manche Jugendliche sind seit zwei Monaten hier und können noch kein Wort Deutsch sprechen, weil keine Plätze in den Deutschkursen frei sind." Auch die Leiterin des "Präventionsprojekts Junge Flüchtlinge", Assia Grassl, sieht besonderen Handlungsbedarf. Sie ist für die Arbeiterwohlfahrt in München tätig, die sich um die Unterbringung und Betreuung unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge im Auftrag des Jugendamtes München kümmert.

Zimmer in einem Asylbewerberheim in München (Foto: Peter Kneffel dpa/lby)

In vielen deutschen Flüchtlingsunterkünften müssen die Bewohner auf engem Raum leben: Davor sollen Minderjährige geschützt werden

Hotels,

Gaststätten

und andere große leer stehende Häuser hat das Jugendamt bereits angemietet. Doch mittlerweile fehlt auch ausgebildetes Personal. "Wir sind auch an die Grenzen der Personalgewinnung gelangt. Wenn der Flüchtlingsstrom so anhält, dann können wir das nicht weiter stemmen", so Jugendamtsleiterin Kreuz-Adam.

"Gesetzesänderung könnte funktionierende Strukturen zerstören"

Doch die Problematik konzentriert sich vor allem auf einzelne grenznahe Großstädte wie München, betont Thomas Berthold vom B-UMF: "Wenn die Gesetzesänderung, so wie sie derzeit diskutiert wird, durchgesetzt wird, würde das ein absolutes Chaos produzieren und die funktionierenden Strukturen zerstören." Man müsse mit dem Blick auf das Kindeswohl in Ruhe diskutierten und nicht mit Blick auf Zahlen und Kosten, so Berthold weiter.

Jugendamtsleiterin Kurz-Adam ist in ihrer Meinung gespalten: "Einerseits bin ich eine große Verfechterin des Kinder- und Jugendhilfegesetzes. Man sollte die jungen Menschen dort unterstützen, wo sie ankommen. Doch auf der anderen Seite haben wir so eine neue Situation, dass wir uns Gedanken machen müssen, wie wir unsere Jugendhilfe insgesamt gestalten."

Noch wird das Gesetz diskutiert. Bis zum 11. Dezember 2014 soll eine Entscheidung fallen. Dann treffen sich die Ministerpräsidenten der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel

zu einem bundesweiten Flüchtlingsgipfel.

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