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Bücher

Julie Otsuka: Wovon wir träumten

Julie Otsuka erzählt davon, wie ganze Volksgruppen plötzlich ins Visier der Politik geraten. Der Roman "Wovon wir träumten" wirft einen erschütternden Blick auf das Schicksal der Japaner in den USA während des Krieges.

Plötzlich stehen alle unter Verdacht. Jeder Japaner, sogar die vielen US-Bürger japanischer Abstammung werden nicht verschont. In den USA fallen nach dem Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 alle Schranken. Rund 120.000 Menschen geraten ins Visier der amerikanischen Sicherheitsbehörden. Nur ein kleiner Teil der Japaner und US-Bürger, deren Vorfahren irgendwann einmal in die Vereinigten Staaten eingewandert sind, kann sich in andere Länder absetzen. Der große Rest wird interniert, in sogenannte War Relocation Center.

Vor diesem Hintergrund hat die in Kalifornien geborene und aufgewachsene Julie Otsuka ihren Roman geschrieben. Otsukas Eltern waren damals auch interniert worden. Sie weiß also, wovon sie schreibt. "Wovon wir träumten" ist nun aber keine weitausholende Familiensaga über mehrere hundert Seiten. Im Gegenteil. Der Roman verdichtet in unnachahmlicher Manier seine Erzählungen von vielen Betroffenen in einer Art literarischem Konzentrat. Damit erreicht die Autorin auf verblüffende Weise eine enorme erzählerische Kraft. In immer neuen kurzen Passagen und Sequenzen werden die verschiedenen Etappen des Misstrauens und der Verfolgung beschrieben.

"Einige von uns ...", immer wieder beginnt Otsuka ihre Erzählungen der Protagonisten mit solchen Einleitungen. Sie fährt dann fort mit Szenen vom Leben der japanischstämmigen Menschen in Nordamerika. Kurz und prägnant wird geschildert, wie sie behandelt werden in einem geistigen und gesellschaftlichen Klima, das all diejenigen unter Generalverdacht stellt, die aus Japan kommen oder auch nur japanische Eltern haben. Verblüffend ist der Effekt. Nicht der ausholende melodramatische Erzählstrang, sondern knappes Anreißen und nur die Andeutung einer langen Geschichte sorgen hier für Effekt und Ergriffenheit beim Leser.

Es sind immer wieder solch kurze Abschnitte, die einnehmen: "Mit jedem Tag werden die Mitteilungen an den Telefonmasten blasser. Und dann, eines Morgens, ist keine einzige Mitteilung mehr zu sehen, und einen Augenblick fühlt sich die Stadt seltsam nackt an, und es ist beinahe, als seien die Japaner überhaupt nie hier gewesen." Manchmal genügen Julie Otsuka zwei Sätze, die den Leser erschüttern: "Im Cleraview-Sanatorium am Südrand der Stadt liegt ein zwölfjähriger Junge in einem Bett am Fenster und stirbt langsam an Wirbelsäulentuberkolose. Seine Eltern haben ihn, einen Tag bevor sie die Stadt verließen, ein letztes Mal besucht, und jetzt ist er ganz allein."

Was passiert mit Menschen, die plötzlich im Fokus der Öffentlichkeit stehen? Wie entstehen Gerüchte? Wie die Hatz auf ein ganzes Volk? Und warum überhaupt suchen sich Menschen immer wieder ganze Gruppen aus, die dann verdächtigt, abgeurteilt oder gar verfolgt werden? Das Thema ließe sich übertragen. Gerade auch in Deutschland und in heutigen Zeiten sollte der Roman von Interesse sein. Die Botschaft wird von Julie Otsuka aber keinesfalls mit moralischem Zeigefinger präsentiert. Ihre stilistisch elegante und rhythmische Prosa verhindert das. Und doch versteht es der schmale Roman den Leser zu erschüttern.