1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Welt

Julian Assange - ein Mann, eine Botschaft

Ein Zimmer, Dusche, Internet - so sieht der Lebensraum von Julian Assange seit zwei Jahren aus. Aus dem einst so schillernden Whistleblower ist ein Dauergast der ecuadorianischen Botschaft in London geworden.

Das Leben findet in Wellen statt. Auf wenige Personen der jüngeren und jüngsten Zeitgeschichte trifft dieser Satz besser zu als auf Julian Assange. 2010, auf dem Höhepunkt der Enthüllungen durch die von ihm mitgegründete Internetplattform WikiLeaks, war der Australier auf einer gigantischen Medienwoge ins Licht der Öffentlichkeit gespült worden, wurde gepriesen und beschimpft, bewundert und bedroht.

Momentan dagegen, nur vier Jahre später, befindet sich der Polit-Aktivist gewissermaßen in einem Wellental, nahezu unbeachtet von der breiten Öffentlichkeit: Seit dem 19. Juni 2012 lebt Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London. Dorthin hatte er sich geflüchtet, um nicht an Schweden ausgeliefert zu werden. Ein Luxusleben ist das nicht, sagt Kathrin Nord, Co-Autorin eines Buches über Assange: "Er hat ein Zimmer mit Dusche und einen Internetanschluss. Das ist vermutlich der Unterschied zu einem Gefängnis. Aber so richtig Sonne sieht er nicht, weil er nicht raus kann."

Völkerrechtliche Patt-Situation

Die schwedischen Behörden ermitteln gegen den charismatischen Mann mit den markanten silberweißen Haaren und dem sanften Gesicht wegen sexueller Nötigung und sexueller Belästigung zweier Frauen. Dieser immer noch bestehende Vorwurf führte dazu, dass der von Assange gestellte Antrag auf eine dauerhafte Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung in Schweden abgelehnt wurde.

Von Ecuador hat Assange ein sogenanntes "diplomatisches Asyl" erhalten und hält sich als Gast des Landes in dessen Botschaft in Großbritannien auf.

Björn Schiffbauer

Schiffbauer: Völkerrechtliches Patt kann nur diplomatisch gelöst werden

Das völkerrechtliche Problem dabei: International erkennen außer Ecuador und einigen anderen lateinamerikanischen Staaten keine weiteren Länder das diplomatische Asyl als "regionales Gewohnheitsrecht" an.

Dadurch entstehe ein "völkerrechtliches Patt", erklärt Völkerrechtler Björn Schiffbauer von der Universität Köln: "Das diplomatische Asyl als solches ist in Großbritannien völkerrechtswidrig, das heißt, Ecuador dürfte es gar nicht gewähren. Andererseits profitiert das Botschaftsgelände vom völkerrechtlichen Prinzip der 'Unverletzlichkeit der Mission' und ist daher geschützt vor dem Zugriff durch den Aufenthaltsstaat." Eine Lösung sei letztlich nur auf diplomatischem Wege zwischen Großbritannien und Ecuador zu erreichen.

Held oder Verräter?

Über die Person Julian Assange wurde nach den Enthüllungen auf WikiLeaks schnell geurteilt: Für die einen war der damals knapp 40-Jährige ein Held, für die anderen ein Verräter. Kathrin Nord findet, dass alle diese plakativen Kategorien zu kurz greifen: "Es wäre vermessen, ihn auf positiv oder negativ zu reduzieren. Er ist eine Person, die sich was getraut hat und die sehr facettenreich ist. Aber er hat Radikales gemacht und er ist eine radikale Person. Das wird immer an ihm haften."

Kathrin Nord, Autorin Julian Assange: Der Mann, der die Welt veränder

Nord: Assange ist eine radikale Person

Das Buch, das die Diplom-Politologin zusammen mit dem Journalisten Carsten Görig geschrieben hat, trägt den Titel "Julian Assange: Der Mann, der die Welt verändert" und ist 2011 erschienen. Bei der Frage, ob der Titel noch stimmt, muss die Autorin nicht lange überlegen: "Die Welt hat er sicher nicht verändert. Er hat viele Geheimnisse offengelegt und er hat Leute wie Edward Snowden inspiriert, der sich ausdrücklich auf die mutmaßliche WikiLeaks-Quelle Manning beruft. Ich denke auch, dass die kurzzeitigen Erfolge der Piratenpartei darauf zurückzuführen sind, dass Assange damals mit hoher Schlagkraft Themen wie Transparenz und Ausspähung der Bevölkerung ans Tageslicht gebracht hat."

Was bleibt?

Es ist still geworden um Julian Assange. Es dringt kaum etwas nach außen darüber, wie es dem Whistleblower geht. Veröffentlichungen gibt es schon länger nicht mehr, beim russischen Fernsehsender Russia Today läuft seine wöchentliche Talkshow mit dem Titel "The World Tomorrow" und gelegentlich lässt Assange sich per Internet zu Konferenzen wie dem ConventionCamp in Hannover (2012) oder dem Jahrestreffen des ChaosComputerClubs (2013) zuschalten.

30. Chaos Communication Congress Sarah Harrison Wikileaks

Sarah Harrison bei einem Video-Vortrag von Julian Assange auf der Jahrestagung des Chaos Computer Clubs 2013

Auch von WikiLeaks ist nur noch selten etwas zu hören. Eine der führenden WikiLeaks-Mitarbeiterinnen, Sarah Harrison, gilt als engste Beraterin von Edward Snowden. Dadurch steht auch die Enthüllungsplattform wieder etwas mehr im öffentlichen Interesse. Aber längst nicht so spektakulär wie zu Assange-Zeiten. Hat Julian Assange durch seine Eskapaden der von ihm gestarteten Bewegung geschadet? Nein, sagt Kathrin Nord: "Die Forderungen nach mehr Transparenz und der Wahrung der Bürgerrechte im Netz bleiben ja und werden von anderen übernommen. WikiLeaks hat Vieles angestoßen, aber die Idee dahinter ist zu groß, als dass man sie auf eine Person reduzieren kann."

Und wie geht es mit Julian Assange weiter? Vielleicht wartet schon eine neue Woge des Zeitgeschehens darauf, ihn wieder ins Rampenlicht zu tragen. Auf der Facebook-Seite von WikiLeaks heißt es jedenfalls, es werde am kommenden Dienstag (24.6.2014) einen Antrag von Assanges Anwälten vor einem Gericht in der schwedischen Hauptstadt Stockholm geben, den Haftbefehl gegen ihn aufgrund neuer Informationen aufzuheben.

Aber letztlich kann nicht einmal eine ausgewiesene Assange-Kennerin wie Kathrin Nord diese Frage beantworten. Man wisse, dass er auch in der Vergangenheit monatelang in einem Zimmer gehockt und Sachen ausgeheckt habe, sagt die Autorin. Doch ob Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London ausharren oder in ein einem anderen Land Asyl beantragen wolle, bleibe reine Spekulation, meint Kathrin Nord: "Assange ist nicht der Mensch, den man vorhersehen kann."

Die Redaktion empfiehlt