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Kultur

Jugoslawien-Kriege im Museum: 1000 Tücher gegen das Vergessen

Ein Vierteljahrhundert ist seit den Jugoslawien-Kriegen vergangen. Nun erinnert ein textiles Mahnmal an die Opfer: Das Berliner Museum Europäischer Kulturen zeigt "1000 Tücher gegen das Vergessen".

"Wer die Kriegsgräuel erlebt hat", sagt Basiljka Schedlich, "vergisst sie nie!" Bis vor zwei Jahren hat die Mittsechzigerin den Verein "Südost Europa Kultur e.V." geführt. Sie hat ihn 1992 sogar gegründet, und zwar als Anlaufstelle für Menschen, die aus den Kriegsgebieten in Bosnien, Kroatien und Serbien nach Berlin flohen. Im auseinanderbrechenden Jugoslawien standen sich ganze Volksgruppen gegenüber. Tausende starben. Andere überlebten traumatisiert. Erst der Friedensvertrag von Dayton zog 1995 einen vorläufigen Schlussstrich. "Unsere Aktion", so Schedlich, "soll an die Schrecken des Krieges erinnern."

Bosiljka Schedlich Suedost Europa Kultur Ev in Berlin 8.1.2014 (Naomi Conrad)

Bosiljka Schedlich

Die Aktion, das sind einfache, häufig gefärbte Taschentücher, zusammengenäht zu wandfüllenden Stoffbahnen. An den Wänden des Museums Europäischer Kulturen hängen sie ab sofort und leuchten: Flüchtlingsfrauen vom Balkan haben sie in bunten Farben bestickt. Mit Nadel und Faden verewigten sie die Lebensdaten ihrer verschleppten oder ermordeten Männer und Kinder: Ekrem Zildzic etwa, der am 4.1.1962 geboren wurde und dessen Name eine kunstvoll gestickte rote Rose schmückt. Oder Halilovic Esed, der 1995 beim Massaker von Srebrenica umkam.

Sticken als Therapie

Gestickt wurde immer freitags, wenn geflohene Frauen zu Therapiesitzungen in die Vereinsräume von "Südost" in Kreuzberg kamen. Mit dabei die aus Nordbosnien stammende Begsada Alatovic, die ihren Mann, einen Polizisten, verloren hatte und 1994 nach Berlin floh. Jahre später entdeckte sie die sterblichen Überreste ihres Mannes, als ein Massengrab geöffnet wurde. Alatovic engagierte sich seither als Beraterin bei "Südost e.V.". Oder Renzija Sulic aus Srebrenica, die sich während des Krieges um elternlose Kinder kümmerte und nach dem Massaker von Srebrenica völlig traumatisiert in Berlin ankam: "Renzija konnte zwei Jahre lang nicht sticken", erinnert sich Initiatorin Schedlich, "so sehr zitterten ihre Hände."

Frauen und Helfer hängen die Rolle des Gedenkens auf. Foto: Anna S. Brägger

Die "Rolle des Gedenkens" wird aufgehängt

"1000 Tücher gegen das Vergessen" heißt die Ausstellung im Museum Europäischer Kulturen. Kuratorin Beate Wild liegt daran zu betonen, dass die Schau nicht nur um bosnische Opfer kreise. "Opfer und Täter gab es auf allen Seiten", so Wild. Gezeigt würden, wie sie sagt, die Stickereien von bosnischen ebenso wie von serbischen Frauen. Jedoch wolle das Museum die Toten der postjugoslawischen Kriege nicht im Nachhinein ethnisch markieren. Sie werde nicht Partei ergreifen und sich auch nicht in erneut schwelende Konflikte hineinziehen lassen, etwa um die bosnisch-serbische Republik Srpska, betont die gelernte Völkerkundlerin Wild.

Fotos "unheiler" Landschaften

An die Museumswände hat die Kuratorin die Stoffbahnen aus zusammengenähten Taschentücher hängen lassen: als "Rolle des Gedenkens". Das Entré der Schau jedoch bilden großformatige Aufnahmen des - aus Bosnien stammenden - Berliner Fotografen Nihad Nino Pušija. Wie harmlose Urlaubsfotos wirken seine Bilder. Sie zeigen "unheile Landschaften", hinter deren schöner Fassade sich blutige Kriegsgeschichte verbirgt - ein Arbeitslager hier, zerbombte Häuser dort. Erst die Bildbeschriftungen erlauben das Verstehen. "Natürlich sind die Kriegsverbrechen nicht vergessen", sagt Pušija, "aber ohne einander zu vergeben, kann man nach so etwas nicht zusammenleben."

 

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