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Sport

Jugendwinterspiele als Bildungs-Workshop?

Vom 13. bis 22. Januar 2012 finden die ersten Olympischen Jugendwinterspiele statt. Mehr als 1000 Jugendliche kämpfen um die Medaillen. Doch laut IOC soll Innsbruck keine Mini-Ausgabe der "großen Spiele" erleben.

Österreichische Sportler mit dem Olympia-Maskottchen Yogl. (FOTO: dapd)

Heiß begehrt: Olympia-Maskottchen "Yogl"

Für 14- bis 18-jährige Wintersportler beginnt das Jahr 2012 mit einem absoluten Highlight - den "Youth Olympic Games". Kim Meylemans, ein Ass auf dem flachen Skeleton-Schlitten, freut sich auf den Innsbrucker Eiskanal: "Die ersten Olympischen Jugendspiele sind dafür da, dass wir junge Athleten mal das große Geschäft zu sehen kriegen." Die 15 Jahre alte Bayerin ist eine von 56 Wintersportlern, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) zur Premiere der Olympischen Jugendwinterspiele schickt. Anders als bei den "großen Spielen" heißt die Devise: Bitte keine Medaillen zählen – weder offiziell noch inoffiziell! So will der DOSB als Dachverband den leistungssportlichen Ernst der Veranstaltung in Grenzen halten. Gleichzeitig hebt er jedoch stolz hervor, dass er in den meisten Disziplinen seine Besten nominiert hat.

Weniger Teilnehmer, kein Medaillenspiegel

Feierliche Übergabe des Olympischen Feuers im Panathinaikos-Stadion von Athen an die Organsatoren von Innsbruck am 17. November 2011 (Foto: dapd)

Feierliche Übergabe des Olympischen Feuers in Athen

Pro Disziplin darf jede Nation in der Regel nur einen Kandidaten nominieren. Die Athleten wurden dazu in mehreren internationalen Qualifikationen ausgesiebt. Es gibt zwangsläufig kleine Starterfelder mit oft nicht mehr als 20 bis 30 Sportler pro Wettbewerb. Einerseits mindern überschaubare Spiele das finanzielle Risiko für den Veranstalter. Andererseits schmälert das auch den sportlichen Wert der Jugendspiele-Medaillen. Die Siegchancen steigen für Außenseiter. Auch Athleten, die nicht aus Wintersport-Hochburgen kommen, rechnen sich etwas aus: "Das wird die einfachste olympische Medaille, die es jemals zu gewinnen gibt. Leichter wird es nie mehr sein", frohlockt Skisprungtrainer Bastian Tielmann aus den Niederlanden. Die Besonderheit im Skisprung: Während Frauen erst 2014 in Sotschi zum ersten Mal um Edelmetall kämpfen werden, dürfen jugendliche Springerinnen schon zwei Jahre früher Olympia-Luft schnuppern.

Das geringe Alter birgt Risiken

Eine Premiere gibt es auch im Bobfahren, da schon 16-Jährige im Eiskanal um Hundertstelsekunden kämpfen werden. Das sorgt bei Trainern auch für Sorgenfalten. Andre Lange coacht inzwischen den deutschen Nachwuchs und weiß als vierfacher Goldmedaillengewinner, welche Kräfte auf die Bobfahrer wirken: "Gerade beim Schlittengewicht sehen wir die größten Probleme. Wenn es möglich gewesen wäre, leichtere Geräte an den Start zu bringen, wäre es für die Jugendlichen einfacher gewesen."

Ein Zweier-Bob wiegt alleine schon 170 Kilogramm, das macht mit Besatzung bis zu 360 Kilogramm, die mit 130 Kilometern pro Stunde ins Tal donnern. Daraus resultieren erhebliche Risiken. Insofern gibt es kaum einen Unterschied zu den "großen" Olympischen Spielen.

Olympische Erziehung mehr als nur ein Pausenfüller?

Sportler und Sportlerinnen im Olympischen Dorf in Innsbruck. (Foto: dapd)

Olympisches Flair in Innsbruck

Einen großen Unterschied zu den etablierten Olympischen Spielen stellt das IOC aber in den Vordergrund: Es will junge Menschen aus aller Welt für den Sport begeistern und setzt dabei auch auf ein Kultur- und Bildungsprogramm, das die elf Wettkampftage von Innsbruck flankiert. Schon 2010 in Singapur bei der Premiere Olympischer Jugendsommerspiele kreierte der Veranstalter Workshops, die den interkulturellen Austausch der Jugendlichen beflügeln sollten. Teilweise fanden die jungen Athleten das gebotene Kultur- und Erziehungsprogramm inhaltlich ziemlich dünn. Da wird in Innsbruck mehr Substanz erwartet. Geplant ist, dass Jugendliche in Workshops praktische Erfahrungen zur Lawinensicherheit machen oder das Einmaleins des Medienauftritts lernen.

Role Models für den Nachwuchs

Ferner können junge Sportler, wie bereits in Singapur, mit großen Sportstars ins Gespräch kommen – mit so genannten "Role Models". "Man hat bewusst Role-Models gewählt, die nicht nur im Sport ihre Leistungen gebracht haben, sondern auch im außersportlichen Leben eine ganz ansehnliche Erfolgsbilanz vorweisen können," erklärt der Kölner Sporthistoriker Stefan Wassong.

Die Jugendversion der Olympischen Spiele soll Jugendliche motivieren, frühzeitig "dual" zu denken, um Berufsausbildung und Leistungsport unter einen Hut zu bringen. Man darf gespannt sein, wie stark der Veranstalter dabei über Promi-Gespräche hinausgeht und auch heikle Dinge wie etwa Doping diskutiert.

Aus Sicht der Jugendlichen werden die Jugendspiele sicherlich ein unvergessliches Erlebnis werden. Ob jedoch zusätzliche Leistungsanreize für junge Elitesportler nötig sind, da scheiden sich die Geister: "Wenn ein Jugendlicher dann irgendwann sagen kann, ich war bei einer Olympiade, ist das ein erhebendes Gefühl", meint Bernhard Lehmann, Bundestrainer der Junioren im Deutschen Bobverband. Zweifel hegt indes Skisprung-Coach Bastian Tielmann: "Die Gefahr ist, dass sich jemand mit 16 Jahren Olympiasieger nennen darf, was ja eigentlich toll ist. Es fragt sich aber, ob das für eine langfristige Entwicklung des Sportlers so gut ist."

Jugendspiele als Imagefaktor für das IOC

Im Olympischen Dorf: Olympia-Mitrabeiterin sitz auf Kartons mit dem Olympia-Emblem

Vorbereitungen auf die Eröffnungszeremonie

Die Jugendspiele gelten als Vermächtnis von IOC-Präsident Jacques Rogge. 2007 beschloss die IOC-Exekutive, Jugendspiele einzuführen, um der rückläufigen Begeisterung Jugendlicher für Olympische Spiele zu begegnen. Ob die Rechnung aufgeht, wird sich zeigen. Jedenfalls hat das IOC kein finanzielles Risiko, da es in Innsbruck lediglich für Fahrtkosten und Verpflegung von Athleten und Trainern aufkommen muss. Den Löwenanteil der Kosten von rund 23 Millionen Euro trägt der Veranstalter Innsbruck, das Land Tirol und Österreich.

Das IOC fährt die Strategie, die Jugendspiele nach außen als entkommerzialisierte Spiele darzustellen und als Sportevent, bei dem der Leistungsvergleich keine dominante Rolle spielt. Schaue man kritisch auf die Jugendsommerspiele von 2010 zurück, seien Zweifel angebracht, meint der Kölner Sportökonom Christoph Breuer mit Blick auf Singapur 2010: "Wenn man die noch mal kritisch Revue passieren lässt, stellt man fest, dass dort – der Behauptung des IOC zum Trotz – sehr wohl Medaillenspiegel eine Rolle spielten."

Für das IOC erfüllt die Vergabe olympischer Jugendspiele eine wichtige Nebenfunktion: Die Spiele sind das Trostpflaster für Bewerberstädte, die bei den "großen" Spielen leer ausgegangen sind.

Autor: Gerd Michalek
Redaktion: Wolfgang van Kann