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Politik & Gesellschaft

Jugendliche gegen Rechtsextremismus impfen

Sie marschieren, werden angeschrien und gegeneinander ausgespielt. Schüler lernen beim Präventionstag gegen Rechts, wie schnell Zwangsherrschaft in Diktaturen wirkt. Abschalten kann dabei keiner.

"Vortreten, vorstellen!", wieder und wieder ruft Museumspädagoge Olaf Fabian-Knöpges in seiner Rolle als autoritärer Uniformträger einzelne Schülerinnen und Schüler aus den Reihen ihrer Klassenkameraden. Er lässt sie strammstehen und fordert, ihn als "Herr Hauptsturmführer" zu grüßen. Die Meldung geht den meisten schwer über die Lippen. Beim kleinsten Fehler heißt es: "Zurücktreten. Vortreten, vorstellen!" Anfänglich kichern viele, doch die Jugendlichen wirken immer angespannter, kneten die Hände, bekommen hektische Flecken im Gesicht.

Der Uniformierte kommt den Einzelnen unangenehm nah, fragt nach Schulnoten und "deutschen Tugenden". Er verspottet sie, tut freundlich, schreit dann unvermittelt und bringt sie dazu, sich gegenseitig herabzusetzen. Nina muss das Kinderlied "Alle meine Entchen singen". Weil es dem "Herrn Hauptsturmführer" nicht gefällt, lässt er die anderen aus ihrer Gruppe Kniebeugen machen. "Wie hat sie gesungen?", fragt er Ninas Mitschüler. Fabian-Knöpges gibt erst Ruhe, wenn alle sein vernichtendes Urteil wiederholen: "Das war total scheiße". Schnell wagt keiner mehr, etwas anderes zu sagen. "Ich habe nur gehofft, dass ich nicht drankomme", erzählen einzelne Mitschüler später bei der Nachbesprechung.

Angelehnt an NS-Zeit, aber weltweit übertragbar

Der Historiker und Museumspädagoge Olaf Fabian Knöpges erklärt Schülern das Historische Spiel (Foto: DW)

Eine Art Selbsterfahrung kündigt der Historiker den Schülern am Präventionstag an

Keine Stunde ist es her, da hat Historiker Fabian-Knöpges in Zivil der Klasse 10d an der Gesamtschule Schwerte freundlich erklärt, wie er mit ihnen am Präventionstag gegen Rechts eine Zwangssituation simulieren will. Das historische Spiel, das er zusammen mit Thomas Schwengers vom Jugendamt Schwerte entwickelt hat, heißt "Gefrierfleischorden 1942". Das ist der zynische Spitzname für eine Medaille, die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg für die "Winterschlacht im Osten" verliehen wurde. Die Schüler und Schülerinnen gießen den Orden beim historischen Spiel als Zwangsarbeiter aus Zinn. Der Uniformträger wird sie als unbrauchbar auf den Boden werfen.

Damit ist das Präventions-Projekt um Zwang und Macht historisch angelehnt an die nationalsozialistische Herrschaft, die die Klasse auch gerade im Unterricht behandelt. "Man kann die Zeit 1933 bis 1945 nicht nachspielen oder nachstellen", stellt Schwengers klar, man könne aber versuchen, einen emotionalen Bezug herzustellen. Schüler von heute sagten, das sei alles so schrecklich gewesen mit über sechs Millionen Toten und gar nicht nachvollziehbar: "Ich würde keinen Juden umbringen". Bei der Simulation "Gefrierfleischorden" lernten sie in kurzer Zeit zumindest die typischen Muster kennen, wie man sich in einem Zwangssystem anpasse und fühle: "Hauptsache, die Person rechts oder links von mir ist getroffen, Hauptsache ich nicht".

Olaf Fabian-Knöpges erklärt den Schülerinnen und Schülern, auch wenn es beispielhaft um die NS-Zeit gehe, sei das Prinzip "denkbar in der Gegenwart überall auf der Welt, wo Menschen der Willkür anderer Menschen unterworfen sind". Für die 10d soll es eine "Art Selbsterfahrung" sein. Während übliche Unterrichtsmethoden den Verstand ansprechen, sollen die Jugendlichen heute im Klassenraum "näher an das Gefühl herankommen", was Zwangsherrschaft mit Menschen macht. Wer es nicht mehr aushält, kann jederzeit aussteigen.

Aus Schülern werden Nummern, aus "Kapos" Mittäter

Der Fabian Knöpges übergibt beim Historischen Spiel einem Schüler ein Seil (Foto: DW)

Mit Kappe und Seil wird der 'Zwangsarbeiter' zum 'Kapo' und damit zum potentiellen Mittäter

Vor der Klasse legt Fabian-Knöpges eine Uniform an und seine freundliche Haltung ab. Im langen Mantel mit Waffengürtel, hohen Stiefeln und Schirmmütze, in der Hand einen langen Stock, schreitet er die Reihen der Schülerinnen und Schüler in grünen und grauen T-Shirts ab. Schon seine ersten Fragen diffamieren Einzelne und spalten die Gruppe: "Wer in deiner Reihe ist der oder die Gemeinste, Brutalste, Hinterhältigste, Gewalttätigste?" Den vier Genannten gibt er Mütze und Stöckchen, als "Kapos" sollen sie seine Gehilfen sein - wie es damals in den  Konzentrationslagern der Nazis bittere Realität war. 

Sie müssen auf die Unterarme ihrer Gruppenmitglieder ein Kürzel aus Namen und  Geburtsdaten schreiben: "AB19051996" oder "ST22071996". Nach gut zwei Stunden zum Ende des historischen Spiels wird der Uniformierte den "Kapos" befehlen, jeweils einen aus ihrer Gruppe auf dem Flur für die schwache Ordensproduktion zu bestrafen. Zwei der "Kapos" verabreichen tatsächlich leichte Stockschläge, obwohl ihr Unterdrücker auf dem Flur gar nicht dabei ist. Wie erschreckend gut also das Spiel um Zwang und Herrschaft funktioniert, das erlebt Fabian-Knöpges an Präventionstagen immer wieder.

Die "Kapos" wirken besonders eifrig, aber auch die anderen unterwerfen sich schnell dem Regiment des Uniformierten. Der lässt ihnen keine Minute Ruhe, keiner darf sich setzen, keiner sprechen, wenn er nicht gefragt wird. Unter dem Kommando "links, zwo, drei, vier" marschieren alle auf den verschneiten Schulhof, wo die anderen Klassen Pause machen. Die 10d hat keine Pause. Ihr vorauseilender Gehorsam ist so groß, dass alle im Schnee Liegestütze machen, obwohl der Uniformierte nur einen Schüler dazu aufgefordert hatte, dem kalt war.

Auf dem verschneiten Schulhof machen die Schüler vor dem Uniformträger im historischen Spiel Liegestütze (Foto: DW)

Vorauseilender Gehorsam: Unaufgefordert machen alle Schüler Liegestütze im Schnee

"Ich bin von mir enttäuscht"

Zurück im Klassenraum liest der "Hauptsturmführer" einen Auszug aus dem menschenverachtenden Text "Der Untermensch" aus der NS-Zeit. Er kündigt den "Zwangsarbeitern" an, sie aus dem Stand von "Untermenschen" zum Menschsein zu führen und verlangt dafür Dankbarkeit. "Das fand ich besonders schlimm", sagt ein Schüler später. Zwei Mädchen fangen an zu weinen, als der Uniformierte sie einzeln bedrängt: "Wie möchtest Du Dich bei mir bedanken?" Fabian-Knöpges lässt sie sofort in Ruhe, und die begleitende Klassenlehrerin kommt zum Trösten. Obwohl die Mädchen aus dem Spiel aussteigen könnten, bleiben sie dabei, was sie später selbst nicht mehr verstehen. Alle anderen schweigen.

"Ich bin von mir enttäuscht", sagt Mitschülerin Lynn in der Nachbesprechung, "dass ich nicht meine Meinung dazu gesagt habe". Olaf Fabian-Knöpges erklärt, dass es ja gerade Sinn des Spiels war, sich selbst in so einer Situation kennenzulernen, wo Menschenwürde verletzt wird, um bewusster damit umgehen zu können. Er ergänzt: "Man kann dann vielleicht auch verstehen, warum das mit der Zivilcourage so furchtbar schwierig ist." Wirksam Widerstand leisten könne man, sagt der Museumspädagoge, "wenn ihr euch in so einer Situation solidarisiert und wenn das massenhaft passiert".

Lynn glaubt, dass sie aus dem Präventions-Spiel lernen kann. Konkret nimmt sie sich vor, Verbündete zu suchen, wenn zum Beispiel im Zug ein kleiner Junge angegriffen werde. So hofft sie, "sorgt man dafür, dass man stärker ist als diese Truppe, die einem Angst macht". In Schwerte hat sie mehrfach erlebt, dass Rechtsextreme andere Menschen attackieren. Der zweite Teil des Präventionstages gegen Rechtsextremismus führt in die Gegenwart. Lynn und ihre Klasse lernen den Neonazi-Aussteiger Sascha (Name geändert) kennen. Er berichtet, wie ihn die Menschenverachtung im Neonazi-Milieu dazu trieb, einen Obdachlosen zu töten, und wie schwer es war, aus der rechten Szene wieder auszusteigen.

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