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Europa

"Jugendliche brauchen mehr Zeit"

35 Jahre alt und noch zu Hause bei den Eltern, oder 15 und berufstätig. Jugend ist ein dehnbarer Begriff in Europa. Warum das so ist und wieso die Jugend unzufrieden ist, erklärt Soziologe Andreas Walther im DW-Gespräch.

DW: Was heißt Jugend für Sie?

Andreas Walther: Aus wissenschaftlicher Perspektive ist Jugend eigentlich eine Erfindung der Moderne. Dadurch, dass sich Arbeit und Familie getrennt haben, mussten junge Menschen quasi, um Erwerbsrollen übernehmen zu können, andere Sozialisationserfahrungen machen als in der Familie.

Aus soziologischer Sicht hat sich daraus auch eine neue Lebenslage oder eine neue Lebensaltersphase “Jugend” entwickelt. Wenn man heute von der Veränderung der Jugendphase redet, könnte man eigentlich sagen, es ist gar nicht die Jugend, die sich verändert, sondern der Erwachsenenstatus.

Wann ist man denn erwachsen?

Ein Lastkraftwagen fährt auf einer Bundesstraße bei Dietzenbach (Foto: picture-alliance/dpa)

Früh reif: Führerschein mit 17

Da gibt es rechtliche Definitionen, die oft genutzt werden, weil es die einzig sichere Definition ist. Aber wenn man sich unterschiedliche Bereiche anschaut, stellt man fest: Strafmündig ist man ab einem bestimmten Alter, Auto fahren, wählen darf man ab einem anderen. Man darf aber auch noch bis 27 aus der Kinder- und Jugendhilfe unterstützt werden. Von daher könnte man sagen, ist man rechtlich schon zwischen 14 und 27 in Deutschland erwachsen. In anderen Ländern ist das noch einmal anders. Die Soziologen würden natürlich sagen: Erwachsen ist man, wenn man volle Teilhabe an der Gesellschaft hat.

Heutzutage bedeutet das, dass die Hälfte der Gesellschaft vielleicht gar nicht mehr erwachsen werden kann, weil sie teilweise von Teilhabe ausgeschlossen ist oder sich von Teilhabe ausgeschlossen fühlt.

Welche unterschiedlichen Bedeutungen hat das Wort Jugend in Europa?

Wir haben so eine Art Typologie entwickelt. Da haben wir bislang grob vier Typen unterschieden. Erstens: Gesellschaften, in denen es relativ wenige Vorgaben und Definitionen der Institutionen gibt, aber auch wenige Angebote für Jugendliche - zum Beispiel in Südeuropa. Das äußert sich dann darin, dass junge Frauen und Männer relativ lange abhängig von der Herkunftsfamilie sind, weil sie zum einen keinen Anspruch auf Sozialhilfe haben und zum anderen das Berufsbildungssystem, also die Arbeitsmarktpolitik, sie als Zielgruppe relativ wenig auf dem Schirm hat - wo Jugend eigentlich keinen offiziellen Status hat, und wo sich dieser Begriff mühelos bis Ende 30 dehnen lässt.

Schulbesuch im Roland-Romain-Gymnasium in Berlin: ein Arbeiterkind informiert Schüler über die Möglichkeiten eines Studiums nach Schulabschluss (Foto: DW/Nadine Wojcik)

Mehr Stress in der Schule als früher?

In angelsächsischen Ländern gibt es eher den Gegenpart: Also eine traditionell sehr frühe Selbständigkeit. Mit 16 ist man aus der Schule raus, hat vielleicht nicht einmal einen Abschluss, ist aber in den Arbeitsmarkt integriert und hat dann nach mehreren Arbeitsverhältnissen den Betrieb gefunden, der einen quasi ausbildet. Bis in die 1980er Jahre hinein waren 16-Jährige dort beispielsweise noch sozialleistungsberechtigt. Das hat Margaret Thatcher dann auf 18 angehoben. Inzwischen hat sich das in Großbritannien auch etwas geändert. Jugendliche bleiben viel länger zu Hause oder viel stärker abhängig von der Familie. Es ist aber immer noch normal, schnell erwachsen zu werden.

Ein dritter Kontext wäre dann Nordeuropa, wo Jugendliche und junge Erwachsene sehr früh als gleichberechtigte Bürger und Bürgerinnen wahrgenommen werden, die das Recht auf persönliche Entwicklung haben. Zum Beispiel erhalten junge Erwachsene in Dänemark für die Zeit einer ersten Ausbildung oder eines ersten Studiums 700 Euro im Monat - egal, wie viel Geld die Eltern haben. Das Geld müssen sie auch nicht zurückzahlen.

Wo ordnen Sie Deutschland ein?

Berufseinsteiger informieren sich auf der Aus- und Weiterbildungsmesse Chance 2010 in Halle/Saale an einer Job- und Lehrstellenbörse (Archivfoto: picture-alliance/dpa)

Hauptsache Arbeit: Jugendliche auf einer Ausbildungsbörse

Zum vierten Typ, zu den kontinentaleuropäischen Ländern. Da gehört die Vorbereitung für den Beruf zur Jugend dazu – das ist sehr wichtig. Auch in Frankreich oder in den Niederlanden. Das Erwachsenwerden ist eng verknüpft mit der Wahl eines Berufs und bestimmt damit gleichzeitig die spätere gesellschaftliche Position der Jugendlichen.

Wie zufrieden ist denn die Jugend in Europa?

Da gibt es große Befragungen - die Shell-Studie für Deutschland oder das Eurobarometer beispielsweise. Da sieht man immer, dass zwischen 40 und 60 Prozent der befragten Jugendlichen pessimistisch sind, was Zukunft der Welt oder der Gesellschaft angeht. Aber nur noch 20 Prozent sind pessimistisch, was ihre eigene Zukunft angeht.

Natürlich kann man sagen, dass man so etwas sowieso nicht messen kann. Aber es ist natürlich ein Indikator dafür, dass Jugendliche versuchen, sich aus dieser allgemeinen schlechten Entwicklung herauszudefinieren. Und ob das dann Zweckoptimismus ist, kann man meiner Meinung nach nicht einfach so entscheiden.

Welche Folgen hat das?

Hier an der Hochschule als Hochschullehrer merke ich beispielsweise, dass die neuen modularisierten Studiengänge, Bachelor und Master, eine ganz neue Form oder sogar eine neue Kultur des Studierens beinhalten. Es ist eine Art Getriebensein. Die Studierenden haben ab dem ersten Studientag Angst zu versagen, weil alles, was sie machen, zur Endnote zählt. Dieses Getriebensein, diese Angst, bestimmt sowohl das Interesse an einem Fach, an einer Materie, verhindert aber auch eine kollektive Mobilisierung, das Hinterfragen, was passiert hier eigentlich mit uns.

Ein Hörsaal mit Studierenden im Hauptgebäude der RWTH Aachen (Foto: Peter Winandy)

Nicht gammeln! Verschulte Universitäten

Wir sind hier in einer Beschleunigungsmaschine, die eigentlich versucht, von der frühen Kindheit an, so viel wie möglich aus den Leuten herauszuholen. Natürlich gibt es Unterstützungsangebote, gibt es Möglichkeiten der Hilfe. Aber dadurch ist es eben relativ schwer für Jugendliche, das auch als Unzufriedenheit zu empfinden.

Die Generation der 68er wusste auch nicht, wie ihre Zukunft aussehen würde, aber die waren sich ganz sicher, dass sie eine haben. Das lag auch am Wirtschaftswunder – vor allem in Deutschland. Aber die 68er hatten vor allem Vorstellungen, wie die Welt in 20 Jahren sein wird oder sein könnte. Und das ist heutzutage schwer vorstellbar.

Welche Ziele und Hoffnungen haben denn die Jugendlichen dann?

Die wollen ein ganz normales Leben. Die Vorstellungen von “gutem” Leben sind extrem normal-biografisch, würde ich sagen. Das bedeutet: Sie wollen einen qualifizierten Job, wo es ein gutes soziales Klima gibt. Natürlich ist die Möglichkeit einer Weiterentwicklung für die meisten wichtig. Sicherheit ist ein Aspekt.

Stärker als früher?

Danach hätte man früher gar nicht gefragt. Früher gab es die Idee des Normalarbeitsverhältnisses. Man macht seine Ausbildung und macht dann im selben Betrieb lebenslang weiter. Die Frage nach Sicherheit gibt es erst seit den 1980er Jahren als Jugend- und Massenarbeitslosigkeit zum ersten Mal Thema wurde.

Was müsste sich in der Jugendpolitik ändern?

Ich glaube, Jugendliche brauchen mehr Zeit. Sowohl Hauptschüler, die sich mit 14, 15, 16 überlegen müssen, was sie machen wollen, als auch Studierende. Und ich denke, sie brauchen mehr Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Bereits unter dem Deckmäntelchen eines ganzheitlicheren Bildungsbegriffs, wie er ja in Deutschland zum Beispiel immer wieder im Zusammenhang mit der Ganztagsschule diskutiert wird, wird eigentlich schon eine stärkere Vernutzung von Jugend diskutiert.

Jugend ist heute Humankapital – Experten überlegen, wie man auch noch das informelle Lernen irgendwie nutzen kann. Kann man das irgendwie anerkennen, anrechnen im Lebenslauf? Anstatt zu sagen: Schön dass die Jugendlichen informell lernen und gut!

Überall werden gleichzeitig Jugendhäuser geschlossen und Schulsozialarbeit aufgebaut. Es ist überhaupt nicht schlecht, Schulsozialarbeit aufzubauen. Aber es ist schlecht, Jugendhäuser dicht zu machen. Und zwar Jugendhäuser, in denen die jungen Leute einfach rumhängen. Sinnfrei sagt da die Politik! Das ist aber gar nicht sinnfrei, sondern da passiert immens viel, aber man kann es eben nicht wirklich messen und verrechnen in Statistiken.

Andreas Walther ist Professor für Erziehungswissenschaft, Sozialpädagogik und Jugendhilfe an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Dort leitet er auch die sozialpädagogische Forschungsstelle “Bildung und Bewältigung im Lebenslauf”. Eines der aktuellen Projekte hat die EU in Auftrag gegeben. Walther und seine Kollegen untersuchen dabei in acht unterschiedlichen europäischen Ländern, wer eigentlich wie Entscheidungen trifft im Bildungsverlauf von Jugendlichen. Seit den 1990er Jahren setzt sich Andreas Walther mit dem Thema "Jugend in Europa" auseinander . Er war beispielsweise auch für den Europarat tätig bei der Evaluierung der nationalen Jugendpolitik in Ungarn und der Slowakei.