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Amerika

Jugendbewegung und Subkultur in Chile

Die chilenische Jugend hat das Internet für sich entdeckt. Ein Teil ihres Lebens spielt sich im Web 2.0 ab. Und im realen Alltag haben die jungen Chilenen auch damit begonnen, mit den alten Tabus zu brechen.

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Pokemonas - die chilenische Jugend rebelliert

„In Chile passiert etwas, was es noch nie gegeben hat“, meldete vor kurzem die New York Times: „eine Sex Rebellion“. Auf Parties wird rumgefummelt, was das Zeug hält, und zwar mit möglichst vielen. In den Diskos ziehen sich 14 bis 18- Jährige am Nachmittag ihre T-Shirts aus und vergleichen, welche Brüste am heftigsten gepierct sind. „Bar Urbano“ ist Treffpunkt der „Pokemones“ in Santiago. „Hier hören wir Reggea. Wir verbringen den ganzen Nachmittag hier“, erzählt Nicole.

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Auch die Sozialistin Michelle Bachelet hat Chile nicht so schnell modernisieren könne, wie sie wollte

Auf die Frage, warum sie sich „Pokemones“ nennen, erwidert sie: „Es gab mal eine Zeichentrickserie im Fernsehen, die hieß so. Der Name ist hängengeblieben - auch wegen unseren Klamotten“. Die Mädchen tragen Miniröcke und Stiefeletten. Doch über die Kleidung wird noch mehr als die reine Zugehörigkeit zu einer Gruppe kommuniziert. “Auf unseren T-Shirts steht der Fotolog, in dem wir aktiv sind, und wie wir im Netz heißen. Wir kommunizieren mit Messenger, übers Internet. Alles am Bildschirm.“

Nicole ist 15. Sie hört am liebsten Reggae – die Musik der Pokemones. „Rock ist was für die Alten“, so Nicole, die weitere Erkennungsmerkmale der Pokemones aufzählt: “Pokemones sind gepierct, haben strähniges, ungewaschenes Haar, die Männer Koteletten, die Mädchen kurze Röcke.“

Fast grenzenlose Freiheit

Freitag Nachmittag ist Disko, ein DJ sorgt für Stimmung. „Die Pokemones und andere Gruppen sind bisexuell. Es gibt auch welche, die sind homosexuell. Das ist modern. Für mich ist das nichts, aber es gibt Diskos nur für Lesben.“ Für Chiles Jugend gibt es scheinbar keine Tabus mehr. Unbekümmert bestätigt Nicole diesen Eindruck: “Sex? Klar! Das fängt früh an. Die Erwachsenen stören sich da nicht groß dran. Sie haben sich fast schon dran gewöhnt, wenn sie Pokemones auf der Straße sehen. Manche stören sich natürlich schon.“ Doch ganz grenzenlos ist die sexuelle Befreiung der Jugendliche nicht. Sie selbst sei noch Jungfrau, sagt Nicole, sie haben sich eben diese Grenze gesetzt. „Im Moment“, fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu, „aber ansonsten hab ich viel Spaß.“

„Auf der Tanzfläche reiben sich die Körper aneinander. Die Partner wechseln. Geknutscht wird reihum, danach Petting, Oralsex, Sex und manchmal sogar vor den Augen aller“, schrieb der Korrespondent der New York Times, offensichtlich beeindruckt. Und vieles kann man am nächsten Tag im Fotolog bewundern.

Die Kinder des digitalen Zeitalters

Santiago de Chile - Panorama

Die chilenische Hauptstadt Santiago ist der Schauplatz der neuen Jungendbewegungen

„Generation 2.0“ hat sie der Psychologe Miguel Arias getauft. Ihre Heimat ist das Web 2.0. Chile steht, was die Verbreitung digitaler Technologie angeht, an erster Stelle in Lateinamerika. Und die Nutzer werden immer jünger. Ihre Plattform heißt fotolog.com. Es stammt aus den USA. Inzwischen haben dort schon fast sechs Millionen Chilenen einen Account, so Arias: „Die Generation 2.0 hat neue Formen entwickelt, wie sie soziale Beziehungen herstellt. Sie bewegen sich auf anderen Plattformen, um Informationen zu empfangen und zu verbreiten, vor allem über sich selbst.“

Über Fotolog werden Kontakte geknüpft und die neuen sexuellen Freiheiten gefeiert. Öffentlich. Dies passiert in einer Gesellschaft, in der die Ehescheidung erst seit 2004 möglich ist und in der für Präservative zum Schutz gegen Aids nicht geworben wird. In diese Gesellschaft platzten letztes Jahr die Photos von einem 14-jährigen Mädchen, das in Schuluniform in einem Park in Santiago mit Hingabe Oralsex bei ihrem Freund praktizierte. Ein dritter Junge nahm die Szene mit seinem Handy auf und stellte die Fotos ins Internet – eine Provokation, gerichtet an das andere Chile, vermutet der Psychologe. Und die bürgerliche Gesellschaft reagierte wie erwartet: Die Presse sprach von einem „nationalen Skandal“. Die Schule des Mädchens und der Internet-Provider wurden beschimpft.

Die "Mich-Generation"

„Das eigene Bild, das eigene Denken, die eigenen Gefühle und Handlungen – das ist für die heutige Jugend wichtig. Sie stellt es öffentlich zur Schau.“ Der Psychologe und Jugendforscher Miguel Arias klickt sich aus beruflichem Interesse regelmäßig durch die einschlägigen Internetportale. „Drei Viertel aller Fotos bei Fotolog zeigen die Jugendlichen selbst, die Hälfte sind Porträtaufnahmen, häufig sogar Selbstporträts, mit der ausgestreckten Hand geschossen. Die Generation 2.0 sehr Ich-bezogen. Ich nenne sie daher die „Mich-Generation“. Ich habe mich fotografiert, ich stelle mich zur Schau, ich stelle mich ins Netz, ich bringe mich ein.“

Was nicht in Bilder zu vermitteln ist, erzählen die Jugendlichen über sich selbst in kurzen Texten, zum Beispiel auf Twitter. Dort kann jeder Textnachrichten veröffentlichen, die nicht länger als 140 Zeichen sein dürften, gesendet wird per Handy. Fotos werden überwiegend auf das Portal Flickr hochgeladen.

Wo bleibt die Wahrhheit?

Bei Facebook unterhalten über eine Million Chilenen einen Account – das ist Rekord in Südamerika. Von den Gerüchten, dass angeblich die CIA hinter Facebook stehen soll, hat Miguel Arias gehört. Aber das scheint die Internet-begeisterten Jugendlichen nicht abzuschrecken. Sie verteilen Informationen über sich selbst großzügig im Netz.

Insgesamt sei die Generation 2.0 weniger kritikfähig. Sie verbringe viele Stunden vor dem Computer und werde mit Informationen aus aller Welt überschüttet, so die Beobachtungen von Miguel Arias. Aber sie kann ihre Wichtigkeit nicht einordnen, sofern sie keine direkte Beziehung zu ihren persönlichen Erfahrungen haben, sagt der Psychologe: „Das Hauptproblem heißt: wie erkennt ich die Wahrheit? Wie soll man unterscheiden, was von den Informationen im Internet stimmt und was nicht. Die Jugendlichen lesen wenig Zeitung, aber sie hören Radio. Sie tauschen über Twitter mit Freunden Informationen aus.“ Aber irgendwann prallt die digitale Welt des Web 2.0 mit der akademischen Welt zusammen, so die Beobachtungen von Miguel Arias. „Wenn die Jugendlichen in der Schule oder später in der Universität nach ihrer Quelle befragt werden, antworten sie: Google. Und den Lehrern stehen die Haare zu Berge.“ Das Problem sei heutzutage längst nicht mehr, dass Informationen verschwiegen oder vorenthalten werden. Im Gegenteil, angesichts der Informationsflut werde es immer schwieriger zu unterscheiden, welche Informationen stimmen, was teilweise stimmt und was eine Lüge ist.