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Wirtschaft

Jugendarbeitslosigkeit bleibt globales Problem

UN-Experten prognostizieren eine paradoxe Entwicklung: In den Industrieländern wird die Jugendarbeitslosigkeit leicht zurückgehen, doch infolge der Schuldenkrise in anderen Weltregionen steigen.

Menschen stehen am Dienstag (01.02.2011) Schlange im Integrationscenter für Arbeit Gelsenkirchen - das jobcenter in Gelsenkirchen. Der frostige Winter macht das Arbeiten in vielen Berufen derzeit unmöglich und hat die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland auf 3,347 Millionen steigen lassen. Im Vergleich zum Dezember ist das zwar ein Plus von 331 000, doch vor einem Jahr waren im Januar noch 270 000 mehr Menschen auf Jobsuche, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Dienstag in Nürnberg mitteilte. Foto: Julian Stratenschulte dpa/lnw +++(c) dpa - Bildfunk+++ pixel

Warteschlange Arbeitsamt

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) geht davon aus, dass die Quote der Jugendlichen ohne Arbeit in den Industriestaaten in den nächsten Jahren von derzeit 17,5 Prozent auf 15,6 Prozent im Jahr 2017 sinkt. Allerdings: Das betrifft nur die Industriestaaten. In den Schwellen- und Entwicklungsländern soll die Arbeitslosigkeit bei den 15- bis 24-Jährigen steigen.

Laut ILO, einer Sonderorgansiation der Vereinten Nationen, ist diese Entwicklung eine Folge der Schuldenkrise, die jetzt auch außerhalb Europas durchschlage. Die nachlassende wirtschaftliche Leistung in der Eurozone zieht auch andere Länder in den Krisenstrudel.

In Europa werde die Krise in dem tiefen Graben deutlich, der sich zwischen den prosperierenden Ländern des Nordens und den Schuldenländern im Süden Europas auftue. So werde die Jugendarbeitslosenquote in Deutschland unter zehn Prozent liegen, während in Spanien und Griechenland jeder zweite Jugendliche ohne Arbeit sein wird - so die Prognose der UN-Experten.

Die Zahlen kritisch betrachten

Sollte die Quote in den Industriestaaten in den kommenden Jahren tatsächlich sinken, wäre das aber immer noch kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen, sagt Werner Eichhorst. Der Experte für Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn weist darauf hin, dass die Jugendarbeitslosigkeit vor fünf Jahren, also vor Ausbruch der Finanzkrise, noch niedriger gelegen habe.

Ernst Ekkehard (Arbeitsmarktexperte bei der ILO) Foto:: DW/A. Lichtenberg

Ekkehard Ernst hat den ILO-Bericht geschrieben

Einen anderen Grund, die Zahlen kritisch zu bewerten, nennt Ekkehard Ernst. Er leitet die ILO-Abteilung für Beschäftigungsentwicklung und hat die Jugendarbeitslosenstudie verfasst, die am Dienstag (04.09.2012) in Genf vorgestellt wurde. Der erwartete Rückgang auf 15,6 Prozent im Jahr 2017 in den Industriestaaten bedeute nicht, dass sich die Lage am Arbeitsmarkt entspannt. Viele Jugendliche tauchten nämlich gar nicht mehr in den Statistik auf, weil sie sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser hielten. "Immer mehr junge Menschen ziehen sich aus dem offiziellen Arbeitsmarkt zurück", so Ernst am Dienstag in Genf.

Tragische Entwicklung

Arbeitslosigkeit sei immer problematisch, aber die Erwerbslosigkeit junger Menschen besonders besorgniserregend, sagt Eichhorst im Gespräch mit der DW. Zum einen, "weil die Quote wesentlich höher ist als der Durchschnitt aller Arbeitslosen". Vor allem aber sei gerade für junge Menschen Arbeitslosigkeit eine Katastrophe: "Wenn der Einstieg in den Arbeitsmarkt misslingt, dann hat man auf mittlere Sicht große Probleme, denn man trägt einen Makel mit sich", erklärt Eichhorst.

Junge Arbeitslose gerieten gesellschaftlich schnell ins Abseits. "Das Risiko, mittel- und langfristig von Sozialleistungen abhängig zu sein, ist erhöht", fasst Eichhorst das Dilemma zusammen. Keine Arbeit, das bedeute kein Geld, und das führe zu mangelnder Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Doch gerade die Industriestaaten seien wegen der Überalterung ihrer Gesellschaften darauf angewiesen, junge Leute in die Arbeitswelt zu integrieren - und das gelinge immer weniger. Eichhorst: "Darin liegt eine gewisse Tragik."

Müllsucher auf einer Müllhalde in Tunesien Place and Date: Tunis, Dec 2011 Copyright / Photographer: DW-Korrespondent Taieb Kadri

Wer keine Arbeit findet, muss alles tun. Und sei es Müllsammeln, wie dieser Tunesier

Vorsprung durch Ausbildung

Für die unterschiedlichen Entwicklungen der Jugendarbeitslosigkeit in den Industriestaaten einerseits und den Ländern der Dritten Welt andererseits, gibt es eine einfache Erklärung, sagt Eichhorst: "Länder mit einem hoch entwickelten Ausbildungssystem wie Deutschland, Österreich, Dänemark und die Niederlanden stehen erstmal prinzipiell besser da."

Sein Duales Ausbildungssystem, so Eichhorst, habe Deutschland einen Vorsprung vor den meisten anderen Mitgliedern der EU gebracht. Duales System bedeutet, dass junge Menschen in eine Berufsschule gehen, um das theoretische Rüstzeug ihres angestrebten Berufes zu erlernen, während sie gleichzeitig in einem Betrieb eine Lehre absolvieren. Diese Nähe von Lehre und Beruf sei entscheidend. "Das Duale Ausbildungssystem verschafft den Jugendlichen früh einen Kontakt zur Arbeitswelt und vermittelt gleichzeitig den Arbeitgebern qualifizierten Nachwuchs", so Eichhorst.

Arbeitslose afrikanische Männer sitzen auf einer Mauer, Germa, Libyen

Diese Männer in Libyen würden wahrscheinlich jede Arbeit übernehmen, es stellt sie aber niemand ein.

Auswanderung als Chance

Kurzfristige Maßnahmen, mit denen man die Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen kann, seien nicht sehr erfolgreich, meint Eichhorst. Einzelne Ländern hätten es mit Qualifizierungsmaßnahmen versucht oder aber mit "geförderter Beschäftigung". Dabei übernimmt die öffentliche Hand einen Teil der Lohnkosten für junge Leute, die in privaten Betrieben arbeiten. Das helfe aber nur, wenn auch die äußeren Bedingungen stimmten: Eine wachsende Wirtschaft, eine gesunde Binnennachfrage und Chancen auf dem Exportmarkt.

Der Arbeitsmarktexperte weist auf einen Umstand hin, der dazu beitragen könnte, die Arbeitslosenquoten bei den 15- bis 24-Jährigen in den Entwicklungsländern zu senken. Deren Arbeitsmärkte würden nämlich entlastet, wenn die Jugendlichen gar nicht erst in ihrer Heimat Arbeit suchten. Eichhorst: "Wir sehen, dass junge Leute ihr Schicksal sozusagen selbst in die Hand nehmen und in die Länder auswandern, die wirtschaftlich besser dastehen."

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