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Afrika

Jugend ohne Perspektive

Nach Tunesien haben Jugendproteste auch in Algerien zu Todesopfern geführt. Nicht nur gestiegene Preise sind Ursache dafür, meint Rainer Sollich: Beide Länder bieten ihren Bürgern keine glaubwürdige Lebensperspektive.

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Noch immer verbinden viele Europäer Algerien mit Gewalt und Instabilität - und Tunesien mit preiswertem Sommerurlaub unter Palmen. Doch dieser Unterschied trügt gewaltig und verdeckt eine entscheidende Gemeinsamkeit: In beiden nordafrikanischen Ländern wird die Stabilität der Regime derzeit in ungeahntem Ausmaß durch wütende gesellschaftliche Proteste herausgefordert.

Fehlende Hoffnung

Rainer Sollich (Foto DW/Per Henriksen)

Rainer Sollich

Die Lage ist im wahrsten Sinne des Wortes explosiv. Denn nicht etwa einzelne verirrte Fundamentalisten zieht es da auf die Straßen - sondern zornige Vertreter der Bevölkerungsmehrheit: junge Menschen im Alter unter 35 Jahren. In beiden Ländern haben die Proteste bereits zu Toten geführt, in beiden Ländern scheinen die Sicherheitskräfte überfordert - weitere Eskalation nicht auszuschließen.

Es geht nicht nur um massiv gestiegene Lebensmittelpreise. Es geht um fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten, selbst für gut ausgebildete Akademiker; es geht um Korruption, um eine verfehlte Wirtschaftspolitik - es geht um die fehlende Hoffnung einer ganzen Generation. Und damit um den Protest gegen zwei Systeme, die ihren Bürgern keine glaubwürdigen Lebensperspektiven mehr vermitteln können. In Algerien existiert eine durchaus nachvollziehbare Wut darüber, dass der Ressourcenreichtum des Landes noch immer nicht der breiten Bevölkerung zugute kommt. Tunesien mutet seinen Bürgern seit Jahrzehnten massive Freiheitsbeschränkungen und eine erdrückende Medienzensur zu.

Ideenlose Regime

Trotzdem bahnen sich die Proteste auch in den sozialen Netzwerken des Internets ihre Bahn. Sie scheinen sich derzeit in beiden Ländern sogar gegenseitig hochzuschaukeln und könnten auch Protestbewegungen in anderen Ländern der Region befeuern. Die Regime der beiden alternden Präsidenten Abdelaziz Bouteflika und Zine el Abidine Ben Ali stehen dieser Entwicklung völlig ideen- und konzeptlos gegenüber. Beide stehen am Ende ihrer Karriere und lassen ihre Bevölkerungen im Unklaren über die Zukunft ihrer Länder. Sie verlassen sich allein auf wohlfeile Appelle und auf ihre Sicherheitsapparate.

Als ungleich reichere Nachbarregion ist Europa von den drängenden sozialen Problemen im Maghreb mehr als indirekt betroffen. Daher wundert es, dass Europa bisher kaum etwas dazu zu sagen hat. Es ist kein Geheimnis, dass viele der unzufriedenen Jugendlichen in Algerien und Tunesien lieber heute als morgen nach Frankreich oder Deutschland auswandern würden. Der Druck nimmt zu - sowohl innerhalb des Maghreb wie auch Richtung Europa. Dagegen wird die EU nicht alleine mit immer höheren Sperrzäunen angehen können.

Autor: Rainer Sollich

Redaktion: Dirk Eckert