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Wirtschaft

Jugend ohne Arbeit und Perspektive

In Europa sind rund 7,5 Millionen junge Menschen ohne Arbeit oder Ausbildung. Das geht aus einer neuen Studie hervor. Auch teure Beschäftigungsprogramme haben daran bislang nichts ändern können.

Die Schweiz hat knapp acht Millionen Einwohner. Fast genauso viele junge Menschen finden in Europa weder eine Beschäftigung, noch befinden sie sich in einer Ausbildung. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt die Studie "Jugendarbeitslosigkeit in Europa", die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung ZEW im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung erstellt hat. Mehr als jeder zweite junge Spanier sei im Jahr 2012 ohne Lehr- oder Arbeitsstelle geblieben. Gleiches gilt für Griechenland.

Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Stiftung, findet die Zahlen alarmierend. "Es wird so etwas wie eine verlorene Generation produziert und die Experten wissen, dass solche Narben in der frühen Berufskarriere lange anhalten und bei den Menschen noch sehr viel später Nachwirkungen zeigen." Viele Menschen, die in ihrer Jugend arbeitslos sind, würden gar nicht mehr richtig Fuß fassen. "Es gibt so etwas wie eine soziale Risikolage, aus der sie nicht mehr herausfinden."

Ursache liegt in der Struktur

Für die hohe Jugendarbeitslosigkeit gibt es viele Gründe, die nicht allein in der konjunkturelle Krise zu finden sind. "Jugendarbeitslosigkeit ist kein neues, sondern ein strukturelles Problem. Das gab es vor zehn Jahren auch schon", betont ZEW-Arbeitsmarktexperte Holger Bonin.

PK Robert-Bosch-Stiftung zur Studie Jugendarbeitslosigkeit in Europa

Übergabe der Studie an Staatssekretär Sontowski (2.v.r.)

Länder wie Italien, Griechenland, Spanien und Portugal seien immer betroffen gewesen. Laut Studie lägen die Ursachen in hohen Schulabbrecher-Quoten, in einem Ausbildungssystem, das sich nicht an den Erfordernissen des Arbeitsmarkts orientiere und in zu vielen Konflikten zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften.

Die Wissenschaftler machen in den Bildungssystemen hohe Defizite aus. So wurden in Italien seit 1995 die Ausgaben für das Schulsystem nicht mehr erhöht, während das in allen anderen europäischen Ländern passiert ist. In Spanien verlässt jeder fünfte Jugendliche die Schule ohne einen Abschluss. Auf der anderen Seite ist die Akademisierungsrate sehr hoch. Jede zweite absolviert das Bildungssystem mit einem akademischen Abschluss.

Akademiker fahren Taxi

Berufseinsteigern fehle es an Qualifikation, wodurch sich das Risiko der Arbeitslosigkeit erhöhe. "Diese Bildungssysteme sind betriebsfern, sie gehen an dem eigentlichen Bedarf der Unternehmen vorbei und das ist eine große Gefahr", so Bonin. "Sie produzieren Akademiker haben aber letztendlich keine Jobs für Akademiker." Im günstigsten Fall führe das zu einer unterwertigen Beschäftigung, aber es habe auch Folgen, "wenn der Akademiker Taxi fahren muss".

Die Wissenschaftler kritisieren zudem Arbeitsmarktregelungen, durch die es in vielen südeuropäischen Ländern zu einer Spaltung des Arbeitsmarktes gekommen sei. Während Festangestellte von starken Kündigungsschutzgesetzen profitieren, seien Berufseinsteiger oft nur befristet beschäftigt. Letztere leiden deshalb am meisten unter wirtschaftlichen Schwankungen. Die Jungen hätten in den letzten Jahren als "Puffer" beim rezessionsbedingten Arbeitsplatzabbau fungiert, schreiben die Autoren der Studie.

Betriebliche Ausbildung nach deutschen Vorbild

In Spanien, Italien und Portugal habe mehr als die Hälfte der erwerbstätigen unter 25-Jährigen 2012 nur einen befristeten Arbeitsvertrag gehabt. Von den über 40-Jährigen war es demnach noch nicht einmal jeder Fünfte. Während in Spanien bereits erste Maßnahmen zur Lockerung des Kündigungsschutzes greifen, seien in Italien und Portugal vergleichbare Schritte bisher nicht geglückt, mahnen die Experten.

In Spanien werden inzwischen auch Zentren für eine duale Ausbildung in Berufsschulen und Betrieben aufgebaut. Vorbild ist das deutsche System. Rainer Sontowski, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium sieht Deutschland in der Pflicht, den europäischen Nachbarn bei der Umsetzung ihrer Arbeitsmarktreformen "beratend" zur Seite zu stehen. "Auch wenn es uns vergleichsweise gut geht, dürfen uns die Probleme in anderen europäischen Staaten nicht kalt lassen."

Sontowski warnt allerdings davor, die politischen Handlungsmöglichkeiten zu überschätzen. "Politik darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen, aber soziale Marktwirtschaft bedeutet auch, dass Politik und Sozialpartner alle Anstrengungen unternehmen, um zum Abbau von Jugendarbeitslosigkeit zu kommen." Auch deutsche Unternehmen müssten mehr für die Qualifizierung junger Menschen in Südeuropa tun. Der Autozulieferer Bosch will in diesem Jahr 100 zusätzliche Lehrstellen für Jugendliche aus Südeuropa anbieten, davon 50 für Bewerber aus Spanien.

EU-Jugendgarantie greift nicht

Die Wissenschaftler fordern aber auch mehr Bewegung bei den Gewerkschaften. Eine gute betriebliche Ausbildung seit teuer, betont ZEW-Arbeitsmarktexperte Bonin. In Deutschland würden jugendliche Auszubildende einen Teil der Kosten übernehmen, indem sie während ihrer Lehrjahre niedrige Gehälter in Kauf nähmen. Von den deutschen Gewerkschaften werde dieses System mitgetragen. In südeuropäischen Ländern gebe es großen Widerstand, niedrige Einstiegsgehälter zu akzeptieren.

Weniger Erfolg versprechen sich die Wissenschaftler von den Versuchen der EU-Kommission, die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa mit der sogenannten Jugendgarantie zu bekämpfen. Das Konzept sieht vor, dass jeder Jugendliche unter 25 Jahren nach vier Monaten erfolgloser Suche einen Job, Ausbildungs- oder Praktikumsplatz erhalten soll. Dafür sind 21 Milliarden Euro eingeplant.

Die Garantie sei ein sehr anspruchsvolles Instrument, erklärt ZEW-Arbeitsmarktexperte Bonin. "Damit das wirkt, muss man sehr zielgenau auf die einzelnen Jugendlichen zugehen, man braucht Strukturen auch in der Administration, die das zielgenau steuern können. Genau daran aber hapert es in den südeuropäischen Ländern."

Europäische Jobbörse gefordert

Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und staatliche Ausbildungsplätze seien zudem erfahrungsgemäß keine starke Brücke in den Arbeitsmarkt, warnt ZEW-Präsident Clemens Fuest. "Die Länder sollten sich auf zielgerichtete Instrumente wie die Nachqualifizierung von Jugendlichen ohne Ausbildungsabschluss konzentrieren." Darüber hinaus müsse auch die Qualität der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung verbessert werden.

Kurzfristig komme es jetzt darauf an, junge Menschen besser über Beschäftigungschancen im Ausland aufzuklären, sie zu motivieren und bei den ersten Schritten zu unterstützen. Die rechtlichen Voraussetzungen für die berufliche Mobilität innerhalb der EU seien geschaffen. Nach wie vor gebe es aber viele praktische Hürden wie fehlende Sprachkenntnisse, die Jugendliche daran hindern, eine Arbeitsstelle im Ausland anzutreten, so die Experten des ZEW. Holger Bonin fordert zudem bessere Informationsmöglichkeiten innerhalb der EU. "Wir haben nach wie vor keinen transparenten europäischen Job-Markt, keine Stellenvermittlung, auch wenn wir da große Anstrengungen unternehmen und im Zeitalter des Internets leben. Das funktioniert noch nicht."

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