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Kultur

Juden und Muslime befürworten Beschneidung

Beim Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung sind sich Vertreter von Muslimen und Juden einig. Sie wollen auf dieses Ritual nicht verzichten. Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky im Gespräch.

Deutsche Welle: Welche Bedeutung hat das Ritual der Beschneidung für das Judentum?

Aharon Ran Vernikovsky: Die Beschneidung zählen wir zu den ältesten Geboten der jüdischen Religion. In der Thora, also der heiligen Schrift des Judentums, wird die Beschneidung als ein Gebot dargestellt, das das Bündnis des jüdischen Menschen mit Gott symbolisiert. Es ist sogar so sehr von Bedeutung, dass es in der Thora schon bei Abraham, dem Geburtsvater des jüdischen Glaubens erwähnt wird. Also, in einer Zeit, wo das jüdische Volk noch nicht existiert hat und es auch noch keine Thora und keine Gebote gegeben hat, da gab es das Ritual schon. Es ist ein Fundamentalgebot der jüdischen Religion, etwas worauf sie einfach nicht verzichten kann.

Welche Folgen hätte ein Bestand des jüngsten Urteils für deutsche Juden?

Es hätte katastrophale Folgen: Denn wir Rabbiner in Deutschland versuchen ja, die Mitglieder der jüdischen Gemeinden geradezu zu überreden, die Beschneidung bei ihren neugeborenen Söhnen zu machen. Und es ist oft sehr viel Überzeugungsarbeit dabei. Wenn wir es in Deutschland auf Grund der Rechtslage nicht tun dürften, müssten wir es im Ausland machen. Das würde unsere Überzeugungsarbeit erschweren. Ein gesetzliches Verbot wäre ein irreparabler Schaden für die jüdischen Gemeinden hier in Deutschland.

Gibt es im Judentum bestimmte Regeln des Beschneidungsrituals?

Die Beschneidung wird immer am achten Tag nach der Geburt durchgeführt, so schreibt es das Thora-Gesetz vor. Sie wird durchgeführt durch einen so genannten Mohel, das ist ein religiöser Jude, der ausgebildet ist in dieser Sache, der auch medizinische Kenntnisse hat. Das Ganze wird immer sehr hygienisch durchgeführt. Und wir machen es im Sinne eines religiösen Rituals. Also oft in Synagogen und es geht einher mit bestimmten Segen und Gebeten, die gesprochen werden. Es ist ein religiöser Akt, verbunden mit einer großen Feier der Familie des Kindes.

Wird der Eingriff unter Betäubung vorgenommen?

Normalerweise nicht. Es ist auch einfach medizinisch nicht notwendig und rituell eigentlich auch nicht gewollt. Aber es gibt auch Beschneider, die betäuben. Aber aus der Praxis weiß ich, dass die Babys oft vielmehr wegen der Betäubungsspritze weinen, als bei dem eigentlichen Eingriff.

Welche Emotionen hat der Richterspruch bei der jüdischen Gemeinde, etwa in Düsseldorf ausgelöst?

Ich denke schon, dass wir ein  bisschen enttäuscht sind, um es diplomatisch auszudrücken, vielleicht sogar empört sind. Gerade weil es ein Gebot im Judentum angreift, das immer auch absolut selbstverständlich gewesen ist. Weil es ein Ritual angeift, das seit über 3 000 Jahren praktiziert wird, das absolute Normalität in den jüdischen Gemeinden und auch im Verlauf eines jüdischen Lebens ist. Also wir sind sehr, sehr negativ überrascht. Wir hätten mit so etwas in Deutschland nie gerechnet.

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