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Fokus Osteuropa

Juden in Rumänien: Integration statt Auswanderung

Die Zahl jüdischer Gemeinden in Rumänien schrumpft weiter. In Bukarest will eine jüdische Schule Jugendlichen bei der Suche nach Identität helfen. Das Ziel: sich nicht abgrenzen und dennoch den Glauben bewahren.

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Neben Mathematik und Biologie lernt er auch Jiddisch und Hebräisch

In Rumänien lebten vor dem zweiten Weltkrieg über 850.000 Juden. Die Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs und die anschließende massive Auswanderung nach Israel ließ die jüdischen Gemeinden auf 12.000 Angehörige zusammenschrumpfen - die Hälfte davon lebt in Bukarest. Hier ist im ehemaligen jüdischen Viertel eine jüdische Schule entstanden, die die rumänisch-jüdische Identität der Kinder stärken will. Die israelische Lehrerin Tova Ben Nun unterrichtet immer mehr rumänische Kinder jüdischen Glaubens.

Jugendliche zum Bleiben bewegen

Tova Ben Nun kam zum ersten Mal nach Rumänien - dem Land ihrer Eltern - nach der politischen Wende 1989; nicht als Touristin, sondern als offizielle Delegierte der Jüdischen Agentur für Israel. In wenigen Monaten organisierte sie in den jüdischen Gemeinden Jugendgruppen, die sich auf die Auswanderung nach Israel vorbereiten sollten. Doch nach einer Begegnung mit dem amerikanischen Mäzen Ronald S. Lauder (Sohn der Kosmetik-Magnatin Estée Lauder) hat Tova Ben Nun beschlossen, die jüdische Jugend zum Verbleiben in Rumänien zu überzeugen. Denn die Lauder-Stiftung versucht, Juden aus Ost-Europa von der Emigration nach Israel abzuhalten und so das Bestehen der alten jüdischen Gemeinden zu bewahren. Ben Nun erinnert sich: " Als ich noch am Auswanderungsprojekt arbeitete, habe ich zufällig Herrn Lauder in Brüssel getroffen. Ich habe ihm erzählt, wie ich mich um die junge jüdische Generation in Rumänien kümmere, worauf er mir vorgeschlagen hat, in Bukarest einen Kindergarten zu eröffnen. Ich war überrascht, habe mich auch irgendwie gefreut und war dann einverstanden."

Kontinuierlicher Ausbau

Drei Jahre nach der Gründung des Kindergartens eröffnete Tova Ben Nun mit der Unterstützung Lauders eine Schule. Diese befindet sich im Bukarester jüdischen Viertel, genau im Hof des Jüdischen Theaters. Hier sollen die Kinder neben den herkömmlichen Schulfächern auch Hebräisch-, Jiddisch- und Religions-Unterricht bekommen. Die Lehrer versuchen ihnen eine jüdisch-rumänische Identität zu vermitteln: Die Kinder sollen sich nicht von ihren Landsleuten ausgrenzen und sich dennoch ihren Glauben bewahren.

Die ersten Schüler, die Tova Ben Nun empfing, waren genau die Kinder, mit denen der Kindergarten gegründet wurde. Die neue Schule wächst gemeinsam mit ihren ältesten Schülern: Jedes Jahr wird eine neue Klasse hinzugefügt: "Es sind nun acht Jahre, seitdem wir diesen Schulkomplex eröffnet haben. Die Kinder, die 1997 mit der Vorbereitungsgruppe angefangen haben, gehen jetzt in die siebente Klasse. Wenn sie dann mit dem Gymnasium fertig sind, wird die Schule Bar Mitzva feiern - also 13 Jahre Bestehen. Bar Mitzva feiern jüdische Jungen, wenn sie 13 werden. Aber unsere Schule wird auch feiern."

Erfolgsmodell Schule

Die jüdische Schule, die zur Zeit von 140 Kindern besucht wird, ist eine Ganztagsschule. Frühstück, Mittagessen und Freizeitaktivitäten gehören selbstverständlich dazu. Alin Rotaru kann mittlerweile kaum noch zwischen Schul- und Freizeit unterscheiden: "Ich bin nun 13 Jahre alt und kann sagen, dass ich diese Schule mag. Denn hier haben die Lehrer eine besondere Beziehung zu den Schülern. Sie sind sehr verständnisvoll. Wir duzen sie natürlich, ist ja auch eine Schule! Im allgemeinen haben wir schöne Beschäftigungen wie Computerunterricht, Geschichte, Erdkunde, Klassenstunde."

Die Biologielehrerin Cristina Paunescu unterrichtet in der jüdischen Schule seit drei Jahren. Zuvor war sie an einer staatlichen Schule. So kann sie gut einen Vergleich ziehen: "Ein Teil der Kinder hier ist ziemlich verspielt. Aber im allgemeinen mag ich die Schule, da die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern ungezwungener sind. Wir sind wie in einer Familie, und die Kinder sind in ihrem Element."

Auch Christen sind willkommen

Die Schule ist mit den neuesten Computern ausgestattet. Auch wirbt sie mit guter Bezahlung die besten Lehrer der Stadt an. Die Studiengebühr liegt bei 250 Dollar im Monat. Dabei beträgt das Durchschnittseinkommen in Rumänien monatlich nur knapp über 200 Dollar. Die jüdische Schule wird so zu einer Institution für Kinder aus wohlhabenden Familien. Mittlerweile ist der jüdische Glaube nicht mehr ein Kriterium für die Aufnahme geworden: Hier studieren nun auch christliche Kinder, was wiederum das tolerante Zusammenleben fördert.

Zukunftspläne

Die Schulleiterin Tova Ben Nun hat nun vor, die Schule zu erweitern und die Studiengebühren zu senken. Von den Behörden kann sie nur Positives berichten: "Ich hatte nur angenehme Überraschungen. Ich war immer willkommen im Bürgermeisteramt, im Ministerium und bei allen Behörden. Doch die angenehmste Überraschung ist die große Nachfrage. Wir haben auch außergewöhnliche Schüler - die Gespräche mit den Siebtklässlern sind ein wahres Vergnügen. Diese Kinder sind praktisch bei uns aufgewachsen."

Dana Grigorcea, DW-RADIO/Rumänisch, 21.2.2005, Fokus Ost-Südost