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Nahost

Journalisten und der IS - Die Angst reist mit

Selbst außerhalb Syriens sind Kritiker der Terrormiliz IS nicht mehr sicher. In der Türkei wurde der IS-kritische Journalist al-Dscherf auf offener Straße erschossen. Der Fall steht im Zusammenhang mit weiteren Morden.

Frauen halten Fotos von Nadschi al-Dscherf hoch (Foto: Getty Images/AFP/Str)

Trauernde halten Bilder Nadschi al-Dscherfs in die Höhe

Nur 37 Jahre wurde er alt. Nun ist Nadschi al-Dscherf tot. Der syrische Journalist und Filmemacher wurde in Gaziantep im Südosten der Türkei auf offener Straße mit zwei Kopfschüssen regelrecht hingerichtet. Er hinterlässt zwei Töchter.

Nadschi al-Dscherf war bekannt für seine kritischen Berichte über den "Islamischen Staat" (IS). In seinen Reportagen wurden dessen Gräueltaten immer wieder dargestellt. Zuletzt tat er dies in einer Dokumentation über die ehemalige Handelsstadt Aleppo.

Der syrische Theaterregisseur Nawar Bulbul reagierte bestürzt auf den Tod seines Freundes: "Mit Nadschis Tod geht einer der ganz großen syrischen Cineasten", so Bulbul im Interview mit der Deutschen Welle.

Nawar Bulbul im Porträt (Foto: Nawar Bulbul)

Nawar Bulbul: Der Regimekritiker aus Syrien trauert um seinen Freund

"Er ist ein Held der syrischen Filmlandschaft." Für Nawar Bulbul ist klar, wer für seinen Tod verantwortlich ist: "Natürlich waren das die Schergen des IS." Allerdings, so der Regisseur weiter, habe auch das Assad-Regime Schuld am Tod des Freundes: "Ohne die Gräueltaten dieses verrückten Regimes gäbe es den IS doch überhaupt nicht."

AKP gegen offene Berichterstattung

Der Tod Nadschi al-Dscherfs kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Situation für Journalisten in der Türkei immer schwieriger wird. Auf der Rangliste der Pressefreiheit der Nichtsregierungsorganisation "Reporter ohne Grenzen" liegt das Land auf Platz 149 von 180 Staaten.

Gemessen an seiner Tragweite wird in der Türkei selbst nur wenig über den Fall berichtet. Hintergrundartikel zur Tat? Fehlanzeige. Der Türkeiexperte Gareth Jenkins sieht die türkische Regierungspartei in der Verantwortung: "Die AKP versucht jegliche Berichterstattung zu unterdrücken, die sie in negativem Licht erscheinen lassen könnte", so der Experte vom "Institute for Security and Development Policy" in Istanbul: "Dazu gehört auch, dass es für Sympathisanten des IS möglich ist, in der Türkei Menschen zu ermorden."

Klima der Angst für kritische Journalisten

In der Tat: Die Ermordung al-Dscherfs steht in einer Reihe tödlicher Anschläge gegen IS-Gegner innerhalb der Türkei. Neben Selbstmordattentaten an Kurden oder linken Polit-Aktivisten, geraten auch immer wieder syrische Journalisten ins Fadenkreuz der Terroristen.

Männer tragen Sarg (Foto: Getty Images/AFP/Str)

Trauer bei der Beerdigung Nadschi al-Dscherfs

Erst im Oktober wurden in Urfa, nur 140 Kilometer östlich vom jetzigen Tatort Gaziantep, Ibrahim Abd al-Qader und Fares Hamadi kaltblütig ermordet. Genau wie al-Dscherf arbeiteten sie für die Plattform "Raqqa is Being Slaughtered Silently". Die syrische Organisation, die aus dem Untergrund die Gräueltaten des "Islamischen Staates" aufdeckt, war erst im Herbst mit dem "International Press Freedom Award" ausgezeichnet worden. Der Sprecher und Mitbegründer der Gruppe äußert sich gegenüber der DW entschlossen: "Wir trauern um den Tod eines engen Freundes", so Abdalaziz Alhamza: "Wir dachten, dass wir in der Türkei in einem sicheren Land wären. Wir sind enttäuscht worden, aber dennoch werden wir unsere Arbeit nicht aufgeben."

Türkeiexperte Gareth Jenkins kann die Folgen für kritischen Journalismus in der Türkei noch nicht absehen: "Das größte Problem ist die Angst, die jetzt um sich greift. Viele Journalisten vermeiden absichtlich kritische Berichterstattung über die Politik in Syrien. Und gerade die Haltung der AKP, ob beabsichtigt oder nicht, hat dazu geführt, dass sich IS-Sympathisanten so stark fühlen, dass sie Leute einfach ermorden können."

Für seine Freunde ein Idol

Gerade weil er sich in einer solch feindseligen Umgebung den Mund nicht verbieten ließ, war Nadschi al-Dscherf für Nawar Bulbul ein Held. Der Regimekritiker weiß wie es sich anfühlt, dem Terror zu entfliehen. Er selbst ist aus Furcht vor dem Bürgerkrieg aus seiner Heimat in das benachbarte Jordanien gegangen. Einfach sei die Lage für ihn auch hier nicht. Dennoch will er sich nicht von seiner Arbeit abhalten lassen: "Ich habe sowohl vor dem IS wie dem Assad-Regime Angst, aber wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren", so der 42-Jährige. "Gerade als Journalisten, Regisseure und Künstler sind wir verpflichtet, der Welt zu zeigen, was in Syrien passiert."

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