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Welt

"Journalisten müssen sich schützen lernen"

Rodney Pinder ist ein Veteran der Nachrichtenagentur Reuters. Heute kämpft er für die Sicherheit von Journalisten. DW-WORLD.DE sprach mit ihm darüber, warum Journalisten heute stärker als früher im Fadenkreuz stehen.

Rodney Pinder, Direktor des Internationalen Institus für Nachrichtensicherheit (Foto: Rodney Pinder)

Rodney Pinder

DW-WORLD.DE: Rodney, Sie haben viele Jahre in allen Erdteilen über Kriege, Krisen und Konflikte berichtet. Sie haben es überlebt. Warum leben Journalisten heute so viel gefährlicher?

Rodney Pinder: Journalisten sind heute ganz klar Zielscheiben. Zu meiner aktiven Zeit waren wir Journalisten in vielen Konfliktsituationen noch sehr willkommen. Die Protagonisten brauchten uns, um ihre Version der Geschichte zu verbreiten. Heute brauchen sie uns dafür nicht mehr. Fast jeder hat Zugang zum Internet. Jeder kann seine Version online stellen, jeder kann im Netz mit Videos und Interviews Propaganda machen. Wir Journalisten stören den Prozess, weil wir Beweise und Argumente liefern, genau das ist ja unsere Rolle. Die Protagonisten der Konflikte von heute wollen nicht, dass wir sie bloßstellen und ihnen widersprechen.

Ein zweiter wichtiger Faktor ist, dass es heute keine klaren Fronten mehr gibt. Journalisten werden von allen Seiten angegriffen. Attacken geschehen aus heiterem Himmel.

Der Schatten einer Hand ist auf einem Fotografier-Verbotsschild zu sehen (Foto: dpa)

Feindbild Journalist

Es kommt außerdem erschwerend hinzu, dass die Ermordung von Journalisten fast immer straffrei bleibt. In neun von zehn Fällen kommen die Täter ungeschoren davon. Die Straffreiheit ermutigt andere. Das macht die Ermordung eines Journalisten zu einer leichten, billigen und risikofreien Form der Zensur.

Seit dem 23. Dezember 2006 gibt es eine Resolution des Weltsicherheitsrats, die alle Konfliktparteien dazu aufruft, Journalisten zu schützen und sie wie Zivilisten zu behandeln. Hat sich dadurch gar nichts verändert?

Wir von INSI waren maßgeblich an dieser Resolution beteiligt. Sie war damals sicher hilfreich, weil das höchste internationale Gremium zum ersten Mal unsere Bedrohung und unsere Lebensgefahr öffentlich angesprochen hat. Der Sicherheitsrat hat an alle Parteien appelliert, uns zu schützen und unsere Rolle zu respektieren. Aber Tatsache ist, dass seit der Verabschiedung der Resolution hunderte Kollegen ums Leben gekommen sind. Wir haben die Vereinten Nationen aufgefordert, die Resolution auch konsequent umzusetzen. Doch im Endeffekt ist eine Resolution nur eine Absichtserklärung. Und solange es keine Sanktionen gegen Länder gibt, in denen Journalistenmorde straffrei bleiben, wird die Resolution keinen fundamentalen Unterschied machen.

Wir appellieren deshalb an alle Geberländer, vor allem an die Demokratien, allen Staaten Hilfe zu verweigern, in denen Journalistenmorde nicht untersucht werden. Fragen wir uns doch mal, warum Journalisten ermordet werden. Die meisten sterben in ihren Heimatländern, weil sie Korruption und Kriminalität aufdecken wollen. Es gibt keine gute Regierungsführung, wenn Korruption und Kriminalität florieren. Unter solchen Umständen kann es keine Armutsbekämpfung und keine nachhaltige Entwicklung geben.

Wenn UN-Resolution 1738 zahnloses Papier ist, wenn sich Länder weigern, Journalisten zu schützen und zu respektieren, wenn Mord straflos bleibt, wer muss dann die Verantwortung für die Sicherheit von Journalisten schultern?

Ein Mann legt an einem großen Porträtfoto von Anna Politkowskaja in Moskau eine Nelke nieder (Foto: dpa)

Straflos ermordet: die russische Journalistin Anna Politkowskaja

Das ist ein Teufelskreis. Wenn die internationale Gemeinschaft ihre Absichtserklärung nicht scharf verfolgt und wenn Regierungen sich weigern, Verantwortung für ihre Bürger zu übernehmen, dann können wir nur sehr wenig tun - bis auf eine Sache: Wir können und müssen dafür sorgen, dass Journalisten sehr gut ausgebildet werden.

Sie müssen Sicherheitstrainings erhalten, damit sie eine professionelle Risikoanalyse machen können. Sie müssen lernen, wie sie sich mit der richtigen Technik und durch ethisch richtiges Verhalten schützen können. Journalisten werden niemals ohne Risiko in einen gefährlichen Einsatz gehen können. Aber sie können sich besser schützen. Journalisten können niemandem ihr Leben anvertrauen. Sie sind am Ende selber für sich verantwortlich.

Also geht es am Ende nur darum, die richtige Balance zu finden zwischen der Geschichte, die ich erzählen will, und dem Risiko, das ich dafür eingehen muss?

Ganz genau. Ohne eine professionelle Risikoanalyse geht es einfach nicht. Keine Geschichte ist es wert, sie mir dem Leben zu bezahlen. Aber es gibt viele Geschichten, die wir erzählen müssen, obwohl wir uns dabei in Gefahr begeben. Die meisten Journalisten werden von professionellen Killern ermordet. Wir müssen in unserer Sicherheitsanalyse und unseren Vorsichtsmaßnahmen genauso professionell sein wie sie.

Rodney Pinder ist Direktor des Internationalen Instituts für Nachrichtensicherheit (INSI) mit Sitz in London. Die Organisation von Journalisten für Journalisten setzt sich seit 2003 für die Sicherheit von Journalisten und anderen Medienmitarbeitern ein. Rodney Pinder war zuvor drei Jahrzehnte lang als Krisenreporter, Auslandskorrespondent und verantwortlicher Redakteur für die Nachrichenagentur Reuters im Einsatz. Seit 2002 ist er im Ruhestand und widmet sich seinen Aufgaben bei INSI.

Das Interview führte Sandra Petersmann.
Redaktion: Thomas Grimmer

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