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Politik

Journalisten im Irak zwischen Hotel und Hölle

Im Irak sind schon jetzt mehr Journalisten gestorben als im gesamten Vietnamkrieg. Eine umfassende und saubere Berichterstattung ist kaum noch möglich.

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Mehr als 60 Journalisten sind im Irak-Krieg getötet worden

Journalisten im Irak ermordet

Ein Polizist vor dem Wagen, in dem im Mai 2004 ein polnischer und ein algerischer Journalist erschossen wurden

Als im August eine Bombe an einer Bagdader Bushaltestelle 43 Menschen tötete, tat Robert Fisk, was Reporter eben tun: Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr zum Schauplatz. "Innerhalb einer Minute war ich von einer wütenden Menge umringt", erzählt Fisk, dessen Büro sich in Beirut befindet, am Telefon. Ihm sei nichts anderes übrig geblieben, als sofort zu verschwinden. Mit gefährlichen Situationen kennt sich der Korrespondent der britischen Zeitung Independent aus: Seit drei Jahrzehnten ist er als Journalist in den Krisengebieten des nahen Ostens zuhause; für seine Arbeit wurde er in Großbritannien unter anderem sieben Mal zum "Auslandsjournalisten des Jahres" gekürt. "Bei Geschichten wie dem Bombenanschlag ist es eigentlich vernünftig, nicht herauszugehen", sagt Fisk. "Nur: Wie können wir im Irak dann überhaupt berichten?"

Embedded Journalist

Die US-Armee beschäftigt ihre eigenen Reporter. Hier filmt ein Soldat 2003 brennende Ölfelder.

Viele mussten für ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen. Schon jetzt sind im Irak nach konservativen Zählungen 66 Journalisten gestorben, drei mehr als in zwanzig Kriegsjahren in Vietnam. Für mindestens 18 dieser Toten sind US-Truppen verantwortlich. Das Komitee für den Schutz von Journalisten in New York warf der US-Regierung jetzt vor, die meisten dieser Fälle nicht untersucht zu haben. Ein Pentagon-Sprecher antwortete am Donnerstag (15.8.2005) gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, das US-Militär untersuche jeden glaubwürdigen Bericht: "Wer etwas anderes behauptet, hält sich nicht an die Fakten."

"Persilschein-Ermittlungen"

Glaubt man dem Pentagon, dann verdrehen sehr viele Leute die Fakten. Es habe allenfalls "Persilschein-Ermittlungen" gegeben, die das Militär selbst durchgeführt habe, sagt beispielsweise Robert Shaw, Sprecher der Internationalen Journalisten-Föderation (IFJ). "Ausgerechnet die Kräfte, die für die Tode verantwortlich sind, übernehmen die Untersuchung - und schließen die die Akten."

Journalisten in Irak Baghdad

Journalisten im Gespräch mit Soldaten (2004)

Die Erfahrung musste auch die Agentur Reuters machen, die seit Kriegsbeginn vier Mitarbeiter verloren hat. Der Kameramann Taras Protsiuk starb 2003, als ein US-Panzer das Bagdader Hotel Palestine beschoss, in dem damals die westliche Presse untergebracht war. Mazen Dana wurde im gleichen Jahr von einem amerikanischen Soldaten erschossen, während er in Bagdad filmte. Dhia Najim wurde 2004 in Ramadi ebenfalls beim Filmen von US-Truppen erschossen. Im August starb der Tonassistent Waleed Khaled westlich von Bagdad. Die fünf Schüsse die ihn trafen, hatten nach Angaben irakischer Polizisten amerikanische Soldaten abgefeuert. Den verletzten Kameramann, den Khaled begleitet hatte, nahm die US-Armee drei Tage lang in Haft. "Zwar gibt es keine Hinweise, dass Absicht im Spiel war, aber wir wollen den Grund wissen, warum es so viele Tode gab", sagt die Reuters-Sprecherin Susan Allsopp. "Wir machen deshalb auf allen Ebenen Druck, damit es Untersuchungen gibt." Bislang ohne Erfolg.

Ohne Anklage in Haft

Journalisten an der syrisch-irakischen Grenze

Journalisten beim Filmen des syrisch-irakischen Grenzzauns

Auch im Fall eines irakischen Mitarbeiters, der seit Anfang August im berüchtigten Militärgefängnis Abu Ghoreib inhaftiert ist, erwiesen sich mehrfache Besuche von Reuters-Vertretern im Pentagon als nutzlos. Die Agentur habe keinen Zugang zu dem Kameramann, wisse nicht was ihm vorgeworfen werde und habe daher keine Möglichkeit, ihn rechtlich zu vertreten, sagt die Sprecherin Allsopp. Das Militär teilte nur mit, dass er nach einer Prüfung innerhalb der nächsten sechs Monate entlassen werden könne. Immerhin erfuhr die Agentur bei Gesprächen mit Verantwortlichen, dass derzeit noch weitere fünf Journalisten in Haft sitzen.

Die Situation im Irak werde für die rund 150 ausländischen und 3000 einheimischen Journalisten immer gefährlicher, sagt Robert Shaw von der IFJ. Viele Medienunternehmen hätten inzwischen ihre Korrespondenten abgezogen und durch irakische Mitarbeiter ersetzt. Die könnten sich zwar unauffälliger bewegen und gerieten nicht so leicht ins Visier der Aufständischen, doch sicher sei es auch für sie keineswegs. "In den vergangenen anderthalb Jahren waren etwa drei Viertel der getöteten Journalisten Iraker", erklärt Shaw. Auch große Medienunternehmen behandelten sie zum Teil wie Journalisten zweiter Klasse; es werde an Versicherungsschutz und Sicherheitstrainings gespart.

Gefangen in Hotels

Mazen Dana

Mazen Dana wurde von US-Truppen erschossen, während er Aufnahmen für Reuters machte

"Die westlichen Journalisten, die noch da sind, sind oft in Hotels eingemauert", sagt Shaw. Das werfe ernste Fragen zur Qualität der so produzierten Berichte auf: "Oft wird nur übernommen, was aus der Grünen Zone kommt." Anstatt selbst zu recherchieren, verlassen sich die "Hotel-Journalisten" darauf, was ihnen Regierung und US-Armee am Telefon erzählen.

"Da redet dann ein Haufen Gefangener mit einem anderen Haufen Gefangener", sagt Robert Fisk, der selbst zu den wenigen westlichen Reportern gehört, die sich noch im Land bewegen. Als er kürzlich das Büro einer großen Nachrichtenagentur in einem Bagdader Hotel besuchte, musste er durch eine bewachte Schleuse aus massiven Stahltüren. Einer der amerikanischen Mitarbeiter erzählte, er sei "seit Monaten" nicht draußen gewesen, ein anderer bewegt sich nur gemeinsam mit US-Truppen. Das sei kein Hotel-Journalismus mehr, sondern Gefängnis-Journalismus, meint Fisk.

So tun, als ob

Waleed Khaled

Der Kameramann Waleed Khaled wurde im August von US-Soldaten erschossen

"Ich werfe ihnen nicht vor, dass sie Angst haben und im Hotel bleiben", sagt Fisk. "Was ich ihnen aber vorwerfe, ist, dass sie den Leuten das nicht mitteilen." Aus den Berichten sei kaum je ersichtlich, wie beschränkt der Blick der Journalisten tatsächlich sei. Große Teile des Irak seien nicht mehr zu betreten; alle wichtigen Straßen südlich von Bagdad etwa befänden sich in der Hand von Aufständischen. Als die Armee Anfang der Woche mitteilte, sie habe bei der Offensive gegen die Rebellen-Hochburg Tal Afar 156 Aufständische getötet, gaben die Agenturen dies unkommentiert wieder. "Es gab keine Möglichkeit, zu prüfen, wie viele von den 'Aufständischen' Zivilisten waren", sagt Fisk. "Der Punkt ist: Wir wissen gar nicht wirklich, was im Irak passiert. Wahrscheinlich ist es noch viel schlimmer, als wir denken."

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