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Bücher

Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts (1826)

Joseph von Eichendorff (Porträt: picture alliance / akg-images, Montage: Philip Kleine / Peter Steinmetz)

"Ich stand nunmehr, ganz wider meine sonstige Gewohnheit, alle Tage sehr zeitig auf, eh sich noch der Gärtner und die andern Arbeiter rührten. Da war es so wunderschön draußen im Garten. Die Blumen, die Springbrunnen, die Rosenbüsche und der ganze Garten funkelten von der Morgensonne wie lauter Gold und Edelstein. Und in den hohen Buchenalleen, da war es noch so still, kühl und andächtig, wie in einer Kirche, nur die Vögel flatterten und pickten auf dem Sande."

Der Autor

Zeitgenössische Illustration des deutschen Dichters Joseph Freiherr von Eichendorff (Foto: picture alliance / dpa)

Joseph Freiherr von Eichendorff

Geboren: 10. März 1788 auf Schloß Lubowitz/Schlesien
Gestorben: 26. November 1857 in Neisse/Schlesien

Alles was Joseph Freiherr von Eichendorff schrieb oder zur Erledigung in die Hand nahm, trug seine klare Handschrift: sorgsam geschnörkelt und gestochen schön. Auch seinen Gedichten, Romanen und Erzählungen gab er diese kunstvolle Form, wie gedruckt sahen sie aus. 25 Jahre lang hatte er als preußischer Beamter mit dem Verfassen von amtlichen Dokumenten zu tun. Aber sein literarisches Schaffen war mehr vom romantischen Geist seiner Zeit geprägt. Bis heute gilt er als einer der größten deutschen Dichter, von Theodor Fontane genauso hoch verehrt wie von Thomas Mann und dem Satiriker und Lyriker Robert Gernhardt.

Joseph von Eichendorff stammt aus einer katholischen Adelsfamilie, die ihren Stammsitz auf Schloss Lubowitz in Oberschlesien hatte. Dort wird er in bewegte politische Zeiten hinein geboren, die den Adelsstand in ganz Europa erschüttern. Der Staatsbankrott der Monarchie in Frankreich und die nachfolgende französische Revolution haben ihre Auswirkungen auch auf das idyllische Landleben im Schlosspark, in dem Joseph mit seinen Geschwistern aufwächst.

Am Mittagstisch wird viel über Politik diskutiert, der Vater hat Sorge, seine Ländereien zu verlieren. 1801 nimmt der junge Freiherr, ebenso wie sein Bruder, ein standesgemäßes Jurastudium auf. Aber die finanzielle Misere bekommen beide zu spüren: Sie müssen sich als Kostgänger reicher Verwandter durchschlagen. Joseph versucht den Vater bei der Verwaltung der hoch verschuldeten Güter zu unterstützen, aber eine Zwangsversteigerung ist nicht aufzuhalten. Während seiner Studienzeit ist er viel "auf der Walz" als Handwerksbursche in Sachen Poesie. Über Paris und Wien kommt Eichendorff im Winter 1809/10 nach Berlin und mit den Dichterkreisen der deutschen Romantik in Kontakt. Er lernt Achim von Arnim, Clemens Brentano und Heinrich von Kleist kennen, besucht Vorlesungen in Philosophie und Poetik. Und er vertieft sich fasziniert in die Lektüre der Liedersammlung "Des Knaben Wunderhorn".

Monatsbild September (Wanderer und Obsternte) - Holzstich nach Zeichnung von Moritz von Schwind (Foto: picture-alliance / akg-images)

"Wem Gott will rechte Gunst erweisen ..."

1813 überstürzen sich die politischen Ereignisse. Er zieht mit dem Lützowschen Freicorps in die Befreiungskriege gegen Napoleon. 1815 heiratet er eine Jugendfreundin und wird Referendar in Staatsdiensten. Aber als "Quoten-Katholik" hat er im protestantischen Preußen kaum Aufstiegschancen. Oft muss er unbezahlt untergeordnete Dienste tun. Ausflucht bietet ihm nur die Dichtung: Er beginnt Romane und Novellen zu schreiben. 1821 wird er Kirchen- und Schulrat in Danzig, 1824 Oberpräsidialrat in Königsberg, aber die Doppelexistenz als Verwaltungsbeamter und Schriftsteller ist nicht einfach für Eichendorff. 1831 übersiedelt er mit seiner Familie wieder nach Berlin und trifft dort die Literaten seiner Zeit in der berühmten "Mittwochs-Gesellschaft". 1834 erscheint dann sein erster Gedichtband. Aber die Honorare sind nur ein Zubrot, das sieht er ganz unromantisch: "Profession vom Dichten machen, das ist überhaupt lächerlich. Als wenn einer ständig verliebt sein wollte..."

Nach seiner Pensionierung aus den Staatsdiensten macht er im Jahre 1846 in Wien die Bekanntschaft mit Robert und Clara Schumann. Eine folgenreiche Begegnung: Schumann, der Star am Himmel der Lieder-Komponisten, vertont erstmals Gedichte von ihm und legt damit den Grundstein für Eichendorffs späteren Erfolg. "Seine Gedichte atmen Musik; sie sehnen sich danach, und die Tonsetzer können kaum glücklichere Texte finden," schreibt damals ein Musikkritiker. Als Joseph Freiherr von Eichendorff im November 1857 im Alter von 69 Jahren im schlesischen Neisse (seinem letzten Wohnort) stirbt, endet ein wohlgeordnetes Leben. Er hinterließ der Nachwelt nur ein schmales dichterisches Werk, aber die wohl schönsten poetischen Naturbetrachtungen.

Monatsbild Juli (Heuernte) - Holzstich nach Zeichnung von Moritz von Schwind (Foto: picture-alliance / akg-images)

" ... den schickt er in die weite Welt"

Der Text

Ein junger Müllersohn wird in die Welt hinausgeschickt, weil er dem Vater den ganzen Tag auf der Tasche liegt und keine Hilfe ist. Jetzt soll er lernen für seinen eigenen Broterwerb zu sorgen. Dem jungen "Taugenichts" ist das nur recht. Fröhlich und voller Zuversicht wandert er los, im Gepäck seine Geige und stets ein Lied auf den Lippen: "Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt ..." Er genießt die Freiheit des Unterwegsseins und die Freuden der Natur und findet dabei sogar ein neues Zuhause – ganz märchenhaft auf einem Schloss bei Wien. Dort verliebt er sich in eine schöne junge Frau, die er für die Tochter der Gräfin hält und die deshalb für ihn unerreichbar scheint. Der Liebeskummer treibt ihn wieder fort, es zieht ihn nun nach Italien. Dem Glück kann er aber nicht entkommen ...

"Aus dem Leben eines Taugenichts" ist die berühmteste Erzählung Joseph von Eichendorffs. Geschrieben hat er sie in den Jahren 1822/23, veröffentlicht wurde sie aber erst 1826. Sie gilt als Höhepunkt "lyrisch-musikalischer Stimmungskunst" seiner Zeit. Die Sehnsucht nach Freiheit und gleichzeitige Heimatverbundenheit bildet dabei sein Leitmotiv. Eichendorff verwendete bei dieser Novelle eine offene Form und streute zahlreiche Gedichte in den Text ein. Später werden diese Wanderlieder als spätromantische Kompositionen weltberühmt. Mehr als 5000 Vertonungen seiner Gedichte sind im Laufe der Zeit entstanden.

Der Sprecher

Der Schauspieler Matthias Haase

Matthias Haase

Wenn er im Studio seine Stimme warm spricht, ist er umwerfend komisch. Bevor die eigentliche Aufnahme startet, lässt er kurz mal ein Kaleidoskop an Tonlagen durchrollen: vom coolen Humphrey Bogart bis zum super-sanften Serien-Helden Dr. Sommerauge - Lockerungsübungen für die Stimmbänder und das ganze Team. Eichendorffs weltberühmter Geschichte vom "Taugenichts" gibt er kurz danach auf Anhieb die nötige Heiterkeit als Grundierung mit, wenn er "frohgemut" durch die Welt spaziert.

Matthias Haase, geboren am 16. August 1957 in München, hat eine klassische Schauspielausbildung durchlaufen. An der Hochschule für Musik und Theater in Hannover erwarb er die handwerklichen Grundlagen für sein komödiantisches Talent. Trotzdem spielte er erst einmal Klassiker: ab 1984 im festen Ensemble am Schauspiel Köln. Nach dem Wechsel ins freiberufliche Rollenfach stand er viel in bekannten Fernsehproduktionen vor der Kamera und gibt als Off-Sprecher Fernseh-Sendungen ein akustisches Profil. Im Theater sucht er andere Herausforderungen - in experimentellen Stücken wie der Bühnenfassung von Michel Houellebecqs Skandalroman "Elementarteilchen".

Seine ihm liebste und erfolgreichste "Bühne" aber ist der Hörfunk. In über 200 Hörspielen und Radiokrimis hat er Rollen mit differenzierter Persönlichkeit aufgeladen. Am bekanntesten: die des Frodo in Tolkiens "Der Herr der Ringe".


Die Klassiker - Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts
Sprecher: Matthias Haase
Produktion: interface studios, Köln
Regie: Heike Mund
Online-Realisation: Claudia Unseld
Redaktion: Gabriela Schaaf

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