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Bücher

Josef Haslinger: Jáchymov

Häftlinge arbeiten mit bloßen Händen im Uranbergwerk, ein Sportstar erkrankt daran zu Tode, seine Tochter verliert darüber fast den Verstand: Josef Haslingers Roman "Jáchymov" erzählt eine wahre Geschichte aus Europa.

"Am Abend nach seinem Begräbnis sperrte ich mich ins Zimmer ein und schrieb in ein Schulheft: Mein Vater ist emigriert. Und dann legte ich mich ins Bett und hörte nicht mehr auf zu weinen. Emigrieren hieß damals für immer weg sein. Ich wäre nicht in der Lage gewesen, den Satz zu schreiben, mein Vater ist gestorben. Am nächsten Morgen fügte ich eine Zeile hinzu. Die hatte ich in der Nacht geträumt. So fing ich an zu schreiben".

Der tschechoslowakische Eiskhockey-Torwart Bohumil Modrý (Prag, 13. February 1947) (Foto: CTK Photo/ Josef Mucha)

Erst gefeiert, dann gefangen: Eishockey-Star Bohumil Modrý 1947

Diese Worte legt Josef Haslinger in seinem Roman der Tochter des legendären tschechoslowakischen Eishockeyspielers Bohumil Modrý (1916-1963) in den Mund: Blanka Modra, die im Roman zu einer fiktiven literarischen Figur umgestaltet wird, hat ihm die Geschichte ihres Vaters zugänglich gemacht. Als Torwart des LTC Prag war er mehrfach nationaler Meister, gewann mit der tschechischen Nationalmannschaft olympisches Silber und WM-Bronze und wurde 1947 und 49 sogar Eishockey-Weltmeister. Doch kurz darauf, 1950, wurden Modrý und nahezu das gesamte Eishockey-Team wegen angeblichen Hochverrats inhaftiert: Aus Furcht, die Mannschaft könnte sich ins Ausland absetzen, statuierte der tschechische Staat ein Exempel.

Mit bloßen Händen im Uran-Stollen

Modrý erhielt die Höchststrafe: 15 Jahre. Zwar wurde er nach fünf Jahren Kerkerhaft und Zwangsarbeit im Uran-Bergwerk Jáchymov entlassen. Doch zu Tode erkrankt, starb er 1963 infolge der Verstrahlung an Leukämie. So wie er waren damals Zehntausende in Jáchymov interniert. Mit bloßen Händen förderten sie die todbringenden Substanzen zutage: Die sowjetische Atom- und Rüstungsindustrie hatte größtes Interesse an den Uranvorkommen im Bruderstaat CSSR.

s/w-Aufnahme des Radium Hotels Jáchymov 1938 (Foto: picture alliancce/ CTK)

Jachymov: Kurort und Gulag. Das Radium Hotel Jáchymov 1938

Während Jáchymov dort zum Synonym für die brutale Behandlung politisch Andersdenkender wurde, ist dieser Teil der europäischen Geschichte im Westen kaum jemandem bekannt. Es ist das Verdienst des österreichischen Schriftstellers Josef Haslinger, sie nun in Romanform ans Tageslicht gebracht zu haben. Mit Hilfe von Prozessakten und Briefen, die ihm Blanka Modra zugänglich gemacht hat, rekonstruiert er Modrýs Biographie, die sich nicht zuletzt als Geschichte der verpassten Chancen entpuppt: Mehrfach hätte er die Möglichkeit gehabt, sich als Eishockey-Profi nach Kanada abzusetzen oder dort in seinem gelernten Beruf als Bauingenieur zu arbeiten. Doch er blieb: eine fatale Entscheidung. Haslinger erzählt diese Geschichte in nüchtern-dokumentarischem Ton.

Rauschhafte Vater-Beziehung

Doch er bettet die authentische Geschichte in eine emotional aufgeladene Romanhandlung ein: Der Wiener Verleger Anselm Findeisen, der an Morbus Bechterew leidet, will eine Kur in Jáchymov machen, hat der Ort doch neben seiner finsteren Vergangenheit auch eine leuchtende Geschichte als Kurort. Im traditionsreichen Grandhotel trifft er auf eine Tänzerin aus Prag, die sich auf der Suche nach der Geschichte ihres Vaters die Uran-Stollen sehen will, in denen er sich zu Tode gearbeitet hat. Sie wird zum literarischen Dreh- und Angelpunkt des Romans. Indem sie auf Bitten des Verlegers die Geschichte ihres Vaters aufschreibt, erzählt sie nicht nur dessen Biographie, sondern ihre eigene Leidensgeschichte. "Ich hatte eine rauschhafte Verbindung mit meinem Vater, und ich war stolz darauf. Manchmal war es, als würde ich direkt zu ihm sprechen", heißt es da. Tatsächlich zählen die Phantasien, Obsessionen, Albträume, die sie im Schreiben entwickelt, um ihrem Vater nahe zu sein, zu den stärksten Szenen des Romans.

Josef Haslinger , aufgenommen am 13.10.2011 auf der 63. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Foto: picture alliancce/ CTK)

Josef Haslinger

So ist eine Art literarischer Zwitter entstanden, in dem die imaginierte Geschichte der Tochter beinahe stärker in Erinnerung bleibt als die authentische des Vaters. Was wirklich im Lager geschah, welche Spuren das Erlebte in ihm hinterließ, bleibt oft im Dunkeln. "Vater sprach nicht darüber. Einmal, als ich beim Essen irgendwelche Mätzchen machte, sagte er: Wir haben mit den Fingern Brösel vom Boden aufgehoben. Das war das Einzige, was er uns Kindern je über das Gefängnis erzählte".

Es mag mit Respekt gegenüber Modrý und anderen Jachymov-Opfern zu tun haben, dass Haslinger nichts hinzudichtet, nichts auswalzt oder emotionalisiert. Wie auch ließe sich angemessen vom Lager erzählen? Herta Müller hat das Überleben ihres Freundes Oskar Pastior im sowjetischen Arbeitslager zu einem atemberaubenden Roman verarbeitet. So etwas lässt sich nicht wiederholen. Trotz des seltsamen Ungleichgewichts zwischen Fiktion und Dokument lohnt es sich allemal, Haslingers Roman zu lesen: ein wichtiges Buch, das ein erschreckendes Stück fast vergessener europäischer Geschichte in den Blick rückt.

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