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Deutschland

Joschka Fischer wird 60

Einer der politischen Großmeister der Gegenwart sieht dem Spiel nur noch aus der Ferne zu. Ohne viel Rummel feiert Joschka Fischer nun seinen 60. Geburtstag. Langweilig wurde es mit dem wortgewaltigen Vertreter nie.

Rot-Grünes Geburtstagskind - 1999 wurde Fischer auf einem Sonderparteitag mit einem Farbbeutel beworfen. (13.5.1999, Quelle: dpa)

Legendär: 1999 wurde Fischer auf einem Sonderparteitag mit einem Farbbeutel beworfen

Bei der Osterdemonstration 1968 beziehen Joschka Fischer und seine Frau Prügel. (15.4.1968, Quelle: dpa)

"Wir wurden verdroschen, aber wir haben auch kräftig ausgeteilt." Fischer und seine Frau bei der Osterdemonstration 1968.

Geboren am 12. April 1948 als drittes Kind eines ungarn-deutschen Metzgers in Gerabronn im beschaulichen Baden-Württemberg sah sein Leben zu Beginn nicht nach großer politischer Karriere aus. Nach seinem Schul- und Ausbildungsabbruch jobbte er als Buchhändler in Frankfurt am Main. Dort hörte er auch linke Vordenker wie Adorno und Habermas und war mit der militanten Gruppe "Revolutionärer Kampf" bei Straßenkämpfen aktiv. Ab 1967 engagierte Fischer sich in der Studentenbewegung und in der Außerparlamentarischen Opposition (APO).

Neun Jahre später bestand Fischer seine erste große Prüfung – die Prüfung für den Personenbeförderungsschein. Ein weiterer Prüfstein auf dem Weg vom Taxifahrer zum Staatsmann war der "Arbeitskreis Realpolitik", den er zusammen mit dem deutsch-französischen Studentenführer Daniel Cohn-Bendit 1981 gründete.

Als Realo in den Landtag

Joschka Fischer in weißen Turnschuhen, die er bei seiner Vereidigung als Umweltminister 1985 im Wiesbadener Landtag trug. Sie symbolisieren den Werdegang der alternativen Bewegung und der Grünen in der Bundesrepublik. (12.12.85, Quelle: dpa)

Legendäre Turnschuhe - Fischer bei seiner Vereidigung 1985

Nachdem er jahrelang bekennender Nichtwähler war, trat Fischer 1982 in die Partei "Die Grünen" ein. Bereits ein Jahr später wurde er in den Bundestag gewählt. 1985 wechselte er in die hessische Landespolitik. Als erster grüner Umweltminister wurde er am 12. Dezember 1985 in Wiesbaden vereidigt.

Fischer war wandlungsfähig und machte sich instinktsicher neue Meinungen und Entwicklungen früh und vehement zu eigen. Bis heute ist er ein Meister der Selbstinszenierung. Unvergessen bleibt sein Zwischenruf 1984 an Bundestagspräsident Richard Stücklen - "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch". Sein langer Marsch durch die Institutionen führte ihn 1998 als Vizekanzler und Außenminister nach ganz oben. Als Außenminister wurde Fischer von der internationalen Öffentlichkeit mehr anerkannt als von der Grünen-Basis.

Ein Politiker mit Visionen

Für seine Europapolitik und sein Nahost-Engagement hatte sich der ehemalige Straßenkämpfer einen respektablen Ruf erworben. Mit der Humboldt-Rede über die "Finalität Europas" im Jahre 2000 erwies er sich auch als Politiker mit Visionen. Doch auch die Vergangenheit holte ihn ein: Nach der Veröffentlichung von Fotos, die ihn als Aktivisten der gewaltbereiten Frankfurter Hausbesetzerszene im Jahre 1973 zeigten, distanzierte sich Fischer von seiner Vergangenheit.

Der Marathonmann in Nadelstreifen und mit zerfurcht-sorgenvollen Zügen erwarb sich eine Aura moralischer Besonderheit - auch wenn viele seiner engagiert bearbeiteten Bereiche wie Nahost oder Kosovo noch heute voller Probleme sind.

Außenminister Joschka Fischer und Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2005 auf dem Weg nach Luxemburg. (10.6.2005, Quelle: AP)

Gewandelt - unter Gerhard Schröder (rechts) war Joschka Fischer Außenminister

2002 war er das "Kampfschwein", wie sich Fischer selber bezeichnete. Mit einer Deutschlandtour führte er seine Partei fast wie ein Popstar zum Wahlerfolg und einer Neuauflage von Rot-Grün.

Rot-Grün wurde Fischers Lebensthema. "Deutschland ist in dieser Zeit ein anderes Land geworden", sagte er hinterher. Zum Beispiel durch Ökosteuer, Atomausstieg und Homoehe. Über Jahre blieb der "heimliche Vorsitzende" der Grünen beliebtester Politiker. Erst in der Affäre um Visa-Missbrauch zeigte Fischer zweieinhalb Jahre später Formschwäche - bis er vor TV-Kameras im Visa-Untersuchungsausschuss die Unions-Vorwürfe mit Herablassung parierte.

"Die Freiheit will ich zurückhaben"

Nach dem Ende der Regierung Schröder entsagte er der aktiven Politik. "Vor 20 Jahren habe ich meine persönliche Freiheit gegen die Macht eingetauscht, die Freiheit will ich jetzt zurückhaben", kündigte er im September 2005 seiner Fraktion an. Und später: "Ich war einer der letzten Live-Rock'n'Roller der deutschen Politik. Jetzt kommt in allen Parteien die Playback-Generation."

Mit dem Doktorhut auf dem Kopf lächelt Bundesaußenminister Joschka Fischer in Haifa, wo ihm die Ehrendoktorwürde der Universität von Haifa verliehen wurde. (29.5.2002, Quelle: dpa)

Schwarz statt grün - Fischer mit dem Doktorhut in Israel, wo ihm die Ehrendoktorwürde der Universität von Haifa verliehen wurde

Nach einer US-Gastprofessur folgten Kolumnen und Vorträge zu internationalen Themen. 2007 hat er eine Beraterfirma mit dem Namen "Joschka Fischer Consulting" gegründet. Er ist Gründungsmitglied und Vorstand des "European Councils on Foreign Relations", die von dem Milliardär und Mäzen George Soros finanziert wird. Sein Traum von einem führenden EU-Posten oder gar ein Job bei den Vereinten Nationen erfüllte sich indes nie. Stattdessen spricht der öffentlich-rechtliche Fernsehsender ZDF mit dem Politrentner angeblich über eine Moderatorenrolle in einer außenpolitischen Talk-Runde.

Fischer und seine knapp 30 Jahre jüngere Ehefrau Minu Barati verlassen ein Berliner Wahllokal. (18.9.2005, Quelle: AP)

Die fünfte - Fischer mit seiner knapp 30 Jahre jüngeren Ehefrau Minu Barati

Nicht nur politische Posten hatte er viele inne. Auch die Anzahl seiner Ehefrauen füllt eine ganze Liste. Mit Edeltraud Fischer war er von 1967 bis 1984, mit Inge Vogel von 1984 bis 1987, mit Claudia Bohm von 1987 bis 1999 und Nicola Leske von 1999 bis 2003 verheiratet. 2005 hat er Minu Barati, die Tochter eines iranischen Oppositionellen, geheiratet. (vg)