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Deutschland

Joschka Fischer - Politstar der Extreme

Der ehemalige Turnschuh-Grüne und amtierende Außenminister Joschka Fischer ist heute - trotz Visa-Affäre - ein angesehener Staatsmann im Maßanzug - und wieder Spitzenkandidat der Grünen. Ein Porträt.

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Hinterließ guten Eindruck auf dem internationalen Parkett

Bildergalerie Joschka Fischer Bild 1: Einzug der Grünen in den Bundestag Fischer

Einzug der Grünen in den Bundestag 1983. Der junge Joschka Fischer im Hintergrund

Joschka Fischer, Jahrgang 1948, kann in seiner politischen Biographie einige Premieren für sich beanspruchen: 1985 war er in Hessen der erste grüne Minister in der ersten rot-grünen Landesregierung. Bei seiner Vereidigung in weißen Tunschuhen, Jeans und Schlabber-Sakko demonstrierte Fischer den für ihn typischen Hang zur Selbstinszenierung, zu mutigen Auftritten, aber auch zur Provokation. Dass er einmal der erste grüne Bundesaußenminister werden würde, daran dachte zu diesem Zeitpunkt niemand. Zwar hatte Fischer von 1983 bis 1985 im Bundestag gesessen, dann aber ackerte der ehrgeizige "Realo" jahrelang auf Landesebene - teils in der Opposition, teils in der Regierung.

Bildergalerie Joschka Fischer Bild 2: Joschka Fischer wird 50

Joschka Fischer 1997. Auf dem Bonner Parket gilt der Polit-Profi in dieser Zeit als die mit Abstand schillernste Persönlichkeit: witzig, schlagfertig und respektlos.

Sein Machtinstinkt war schon damals unverkennbar, und nicht selten schlug sein Selbstbewusstsein in autoritäres Gehabe um. Das Fachgebiet des früheren Taxifahrers, der nach der zehnten Klasse die Schule verlassen hatte, war die Umweltpolitik, sein bevorzugtes Schlachtfeld der Ausstieg aus der Atomenergie. Als Fischer 1994 nach Bonn in den Bundestag wechselte, wurden seine außenpolitischen Ambitionen erstmals sichtbar. Bis zur Bundestagswahl 1998 war er einer der beiden Fraktionsvorsitzenden der Grünen - und bekannt für seine scharfzüngigen Reden. Unvergessen ist zum Beispiel sein verbaler Angriff auf den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl: "Sie sitzen auf Ihrem Stuhl, breit und selbstzufrieden wie ein Buddha, und nehmen gar nicht mehr wahr, was in diesem Land wirklich vor sich geht", sagte er einmal in einer Bundestagssitzung.

Zerreißprobe Kosovo

Als SPD und Grüne 1998 die Bundestagswahl gewannen, wurde Fischer Vize-Kanzler im Kabinett von Gerhard Schröder und erster grüner Außenminister der Bundesrepublik. Die Regierungszeit begann wegen des Kosovo-Kriegs turbulent. Schröder und Fischer entschieden sich für eine deutsche Beteiligung an den Luftangriffen der Nato gegen Jugoslawien. "Diese Koalition war noch nicht gewählt, da hatte sie zum ersten Mal seit Bildung der Bundesrepublik Deutschland über Krieg und Frieden zu entscheiden. Das waren Entscheidungen, die sind uns alles andere als einfach gefallen", erinnert sich Fischer.

Bildergalerie Joschka Fischer Bild 5: Farbbeutel trifft Fischer

Joschka Fischer von Farbbeutel getroffen

Diese Entscheidung stellte die pazifistisch geprägten Grünen vor eine Zerreißprobe. Der Außenminister, der auf dem Sonderparteitag im Mai 1999 vom Farbbeutel eines Demonstranten getroffen wurde, konnte die Delegierten nur mit Mühe zur Unterstützung seiner Kosovo-Politik bewegen. Militärisches Eingreifen sei als letztes Mittel gerechtfertigt, um Schlimmeres zu verhindern, so Fischers feste Überzeugung. In einer engagierten Rede sagte er damals, dass er "eine unbefristete Einstellung der Bombenangriffe für das grundfalsche Signal" halte. "Milosevic würde dadurch gestärkt und nicht geschwächt. Ich werde das nicht umsetzen, wenn Ihr das beschließt, damit das klar ist!"

Der lange Lauf zum Lieblingsminister


Marathon-Greenhorn Joschka Fischer: Aufrecht angekommen

Fischer beim Hamburg Marathon 1998. Nach 3:41:36 Stunden blieb für Fischer als 4179. unter den rund 11.000 Teilnehmer des Hamburger Laufspektakels die Uhr stehen - eine für einen Debütanten beeindruckende Leistung.


In der Bevölkerung stand der Marathonläufer Fischer unangefochten auf Platz eins der Popularitätsliste - und das blieb auch so, als der zu Extremen neigende Lieblingspolitiker der Deutschen seinen eigenen Ansprüchen an Sportlichkeit und guter Figur nicht mehr gerecht wurde. Großes Geschick bewies er aber darin, im Ausland eine gute Figur zu machen und verschaffte der Bundesregierung damit viel Respekt und Anerkennung. Vergessen waren Jeans und Turnschuhe - dem Fischer im perfekten Anzug war kein diplomatisches Parkett zu glatt.

Lesen Sie im zweiten Teil, über das Erfolgsrezept von Joschka Fischer und worunter sein Image in letzter Zeit gelitten hat.