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Kultur

Jorge Semprún ist tot

Der Autor, der das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hat, war einer der bedeutendsten Literaten Spaniens. Für die Semprún-Biografin Franziska Augstein war er einer der wichtigsten Chronisten des 20. Jahrhunderts.

Jorge Semprún / Spanischer Schriftsteller, verstorben am 07.06.2011 in Paris / Archivbild von 1994

Jorge Semprún

Jorge Semprún ist am 7.6.2011 in Paris gestorben. "Ich bin weder Schriftsteller noch Politiker. Ich bin nur ein Überlebender von Buchenwald", hat er einmal gesagt. Seine Bücher schrieb Semprún überwiegend auf Französisch, weil er während der Franco-Diktatur (1939-1975) seine Werke nicht in Spanien veröffentlichen durfte. Als Kommunist und wichtige Figur des Widerstands wurde er vom damaligen Regime verfolgt. Franziska Augstein, Journalistin und Autorin, hat ihrer Biografie über Jorge Semprún den Titel gegeben: "Von Treue und Verrat".

Deutsche Welle: Frau Augstein, was hat Sie an Jorge Semprún so interessiert, dass Sie eine Biographie über ihn verfasst haben?

Franziska Augstein: Er ist ein Mann, der an den entscheidenden Brennpunkten in der Geschichte des 20. Jahrhunderts anwesend war. Er war im Spanischen Bürgerkrieg als Kind. Er war in Paris, als die Deutschen in Paris einmarschiert sind. Er war im Konzentrationslager Buchenwald. Er war auch in der französischen Resistance. Nachdem er Buchenwald überlebt hatte und nach Frankreich zurück gekehrt war, war sein Bestreben, in Spanien gegen Franco zu kämpfen. Er ist Mitglied der kommunistischen Partei geworden und hat in den fünfziger Jahren monatelange, gefahrvolle Reisen im Untergrund nach Spanien unternommen, um dort eine Gewerkschaftsbewegung aufzubauen jenseits der faschistischen Strukturen des Franco-Regimes. Und all diese Dinge zeichnen ihn aus als Mann, der einfach das Jahrhundert mitbekommen hat. Da, wo sich das abspielte, was wir heute als das 20. Jahrhundert bezeichnen. Und ich wusste, dass es keine Biographie über ihn gab. Ich habe ihn zufällig kennengelernt. Wir haben uns miteinander gut verstanden. Und so ergab sich das dann.

Sie haben während der Arbeit an Ihrem Buch eng mit ihm zusammen gearbeitet. Wie haben Sie seine Persönlichkeit erlebt?

Er hat auf meine Frage, wer er eigentlich sei, einmal gesagt: "Ich bin nicht Franzose. Aber ich bin auch ganz wenig Spanier." Das kann ich so erklären: Er ist nicht Spanier, weil er das spanische Dekorum, das vor drei Jahrzehnten dort noch üblich war, nicht mochte, auch in der Literatur nicht mochte. Und dass er nicht Franzose sei, hat er damit begründet, dass er dafür doch zu sehr Spanier sei. Nämlich einer, der wiederum das französische Dekorum nicht mitmachen will. Er war ein stolzer Mann mit sehr viel Selbstbewusstsein und auch, ich darf das sagen, ein Machist, wie sie halt produziert wurden vor neunzig Jahren und zumal im südmediterranen Raum.

Semprún war ab 1944 im Konzentrationslager Buchenwald. Welche Rolle hat Deutschland später für ihn gespielt?

Eine ganz wichtige Rolle. Er hat Zeit seines Lebens den Antifaschismus hoch gehalten, an den er sich sehr gut erinnern konnte und den er mit der Franco-Diktatur gleich gesetzt hat. Und dagegen hat er zeitlebens gekämpft, für einen pluralistischen Liberalismus. Das hat ihn dann sehr schnell dazu geführt, dass er ein europäischer Mensch wurde, einer, der davon überzeugt war, dass Frieden und Gleichheit und Gerechtigkeit nur in einem großen europäischen Rahmen verwirklicht werden können.

Jorge Sempún wurde 2007 zum Ehrendoktor der Uni Potsdam (AP Photo/Sven Kaestner)

Jorge Semprún (rechts), erhielt 2007 die Ehrendoktorwürde der Uni Potsdam

Er ist 1994 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Was hat ihm dieser Preis bedeutet?

Der Preis war für ihn die Anerkennung seines Werkes. Er sah die Liebe, die er zur deutschen Kultur gehegt hat, nun ein bisschen beantwortet von Seiten der Deutschen. Er ist in Deutschland sehr viel bekannter als in anderen Ländern. Und er ist seither sehr viel in Deutschland gewesen und hat dadurch auch seine Deutschkenntnisse wieder verbessern können.

Semprún hat sich nach der Literatur auch dem Medium Film zugewendet. Wie war der Weg dahin?

Da haben persönliche Bekanntschaften eine Rolle gespielt. Als er noch ein Kommunist war, hat er in Paris, in den kulturellen Kreisen der damaligen Zeit, Florance Marois, die Tochter von Kulturminister Andre Marois, kennen gelernt, die im Filmwesen tätig war und einen Hauptdarsteller für einen Film suchte. Sie sagte: "Jorge du bist der Mann, den wir als Darsteller für unseren Film suchen." Da er damals noch im Untergrund gegen Franco in Spanien für die spanische Kommunistische Partei (KP) arbeitete, konnte er diese Rolle nicht annehmen. Und er hat dann, nachdem die spanische KP ihn raus geschmissen hatte, diese Kontakte vertieft. Auf diese Weise kam es zu den Drehbüchern.

Er pendelte zwischen Spanien, Frankreich und Deutschland. Wie hat sich das auf seine Werke ausgewirkt?

Das hat sich insofern ausgewirkt, als er den Lesern das, was er denkt, in jeder Sprache sagen konnte. Er schreibt so, dass man ihn überall lesen kann. Entscheidend ist natürlich, dass er deutsch verstanden hat. Er hat es im KZ Buchenwald gelernt. Und es rührt deutsche Leser sehr an, wenn er in seinen Büchern, die von Buchenwald handeln, deutsche Floskeln einfügt, die dort damals üblich waren.

Wie werden denn Semprúns Werke vom Publikum angenommen?

In Spanien hatte er Mühe, weil die Spanier große Patrioten sind. Sie haben es ihm übel genommen, dass er seit 1945 in Paris gelebt hat und nicht nach Spanien zurück gekehrt ist. Mittlerweile hat sich das geändert. In Frankreich gehört er zur intellektuellen Elite, und in Deutschland schätzt man ihn vor allem, weil er ausgewogen und politisch denkt. Er stellt nicht nur die Opferperspektive dar, sondern immer auch die politischen Umstände.

Das Gespräch führte Gudrun Stegen

Redaktion: Sabine Oelze

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