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Musik

Johnny Hallyday: Der Rocker der Grande Nation ist tot

In Frankreich war er schon zu Lebzeiten eine Legende. Selbst Präsidenten der Grande Nation gehörten zu seinen Fans. Jenseits der Grenzen war Johnny Hallyday allerdings nicht allzu bekannt. Jetzt starb er mit 74 Jahren.

Die USA hatten Elvis Presley, Frankreich Johnny Hallyday. Kein Rockmusiker war dort je so erfolgreich wie der Allround-Künstler, der nicht nur als Sänger, sondern auch als Komponist und Schauspieler für Furore sorgte. Er galt als Schwerarbeiter unter den Popmusikern, absolvierte in seiner fast sechs Jahrzehnte langen Karriere rund 180 Tourneen. "In Frankreich ist Hallyday unerreichbar", sagte Mick Jagger einst über den Musiker, als dieser 1998 im Pariser Stade de France, dem größten Stadion des Landes, fünf Konzerte hintereinander gab. Alle waren sie ausverkauft, insgesamt 450.000 Besucher jubelten ihrem Idol zu. Zwei Jahre später trat Hallyday auf dem Champs de Mars unter dem Eiffelturm auf – vor 600.000 Zuschauern. 

Abschied von Johnny Hallyday

Jetzt ist der Rocker der Nation tot, er starb am 6. Dezember. "Johnny Hallyday ist gegangen. Ich schreibe diese Worte ohne sie zu glauben", heißt es in einer Mitteilung seiner Frau Laeticia, aus der die Nachrichtenagentur AFP zitiert. Hallyday war an Lungenkrebs erkrankt. "Er hat uns diese Nacht verlassen, wie er sein ganzes Leben lang gelebt hat: mit Mut und Würde", so seine Ehefrau.

Die Nachricht sorgte weltweit für Betroffenheit: Die kanadische Sängerin Céline Dion twitterte: " Ich bin sehr traurig, vom Tod Johnny Hallydays zu erfahren. Er war ein wahrer Gigant des Showbusiness, eine echte Legende! Ich bin in Gedanken bei seiner Familie und Freunden und den Millionen Fans, die ihn verehren. Er wird uns sehr fehlen, wir werden ihn nie vergessen. Küsse, Céline."

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Der französische Schauspieler Omar Sy (bekannt unter anderem aus dem Film "Ziemlich besten Freunde") erinnerte mit einem gemeinsamen Foto an den französischen Rockstar: "Welch unermessliche Ehre, dich kennengelernt zu haben. Ein unvergesslicher Mensch, außergewöhnlich, mit großartigen Werten und wertvollen Ratschlägen. Ein großes DANKESCHÖN. Du wirst uns sehr fehlen, Johnny."

Auch US-Rocker Lenny Kravitz würdigte den französischen Alt- Rocker auf Twitter: "Mach´s gut, Johnny! Deine Freundschaft, Großherzigkeit und Unterstützung haben tiefe Spuren hinterlassen. Es war eine Ehre, dich zu kennen und Zeit mit dir und deiner wundervollen Familie zu verbringen. Deine Seele ist purer Rock'n'Roll. Ruhe in Frieden!"

Erster Auftritt mit 13 

Jean-Philippe Smet, so sein bürgerlicher Name, kommt am 15. Juni 1943 als Sohn einer Französin und eines Belgiers zur Welt. Seine Eltern trennen sich einen Monat nach seiner Geburt und seine Mutter, ein Mannequin und ständig auf Achse, gibt ihn in die Obhut ihrer Schwester. Hélène Mar zieht den kleinen Jean-Philippe wie einen eigenen Sohn auf, tatkräftig unterstützt von ihren Töchtern Menen und Desta. Desta ist Tänzerin und steht gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem US-Amerikaner und Akrobaten Lee Lemoine Ketcham, den alle nur "Lee Hallyday" nennen, regelmäßig auf der Bühne. Als Jean-Philippe 13 ist, steht er erstmals selbst dort oben. Er singt, damals von seinem Adoptivvater schon "Johnny" getauft, um das Publikum bei Laune zu halten – der Anfang einer großen Karriere.

Rock à la française statt Klassik 

Als Jugendlicher nimmt Johnny klassischen Gitarrenunterricht an einem Konservatorium, aber sein Musikgeschmack geht in eine ganz andere Richtung. Als er im Kino zum ersten Mal Elvis Presley auf der Leinwand sieht, steht sein Entschluss fest: Er will Rocksänger werden, aber eben ein französischer. Und als Künstlernamen wählt er den Nachnamen seines Vaters.

Doch zunächst ist Klinkenputzen in diversen Nachtclubs angesagt. Meist schlägt man ihm die Tür vor der Nase zu, nur die GIs aus den US-amerikanischen Kasernen scheinen seine Musik zu schätzen und spielen sie auch schon mal im Radio. Jil und Jan, zwei Komponisten und Textdichter, werden auf den Sound des jungen Mannes aufmerksam und schreiben für ihn drei Lieder, die alle zum Erfolg werden: "Ma guitare", "Toi qui regrettes"  und "Je cherche une fille".

Am 18. April 1960, er ist gerade mal 17 Jahre alt, darf Johnny Hallyday in der Fernsehsendung "Die Schule der Stars" auftreten. Dort entscheiden die Zuschauer über Erfolg oder Misserfolg des Künstlernachwuchses. Johnny schlägt eine wie eine Bombe – und seine Karriere ist nicht mehr aufzuhalten.

Konzerte und Schlägereien 

Der Musiker versteht es, den angesagten Sound und das Lebensgefühl aus den USA nonchalant ins Französische zu adaptieren, er verschafft dem Rock'n Roll in seiner Heimat den Durchbruch. Er ist der Vorzeigejunge am Strand der Côte d'Azur und der Macho aus der Vorstadt. Die Mädchen liegen ihm hysterisch kreischend zu Füßen, die Jungen sehen in ihm den Rebellen gegen die etablierte Bourgeoisie. 

Viele Fans nutzen seine Konzerte daher für Randale und Schlägereien, um ihren Frust über die als ungerecht empfundene Gesellschaft abzulassen. Im Dezember 1961 wird der Pariser Theatersaal Wagram komplett zertrümmert, zwei Jahre später randalieren auf der Place de la Nation 150.000 junge Franzosen nach Hallydays Open-Air-Konzert. Sie schlagen Scheiben ein, demolieren U-Bahnhöfe und parkende  Autos und liefern sich mit der Polizei Straßenkämpfe. Auch in in der Provinz kommt es zu Ausschreitungen.

Johnny Halliday französischer Sänger (Getty Images/Hulton Archive)

Rockrebell der Grande Nation: Johnny Hallyday

Frauen, Drogen und Musik 

Hallyday selbst allerdings äußert sich immer nur indirekt zur Politik. Stattdessen macht er mit Frauengeschichten Schlagzeilen. 1965 heiratet er Sylvie Vartan, mit der er eine turbulente Ehe führt. Immer wieder landen die beiden auf der Titelseite der Boulevardpresse, bis sie sich 1980 scheiden lassen.  Die nächste Ehe mit Elisabeth Etienne hält gerade mal ein Jahr, mit Frau Nummer 3, der Schauspielerin Nathalie Baye, bleibt er bis 1986 zusammen. 1990 dann tritt er mit der gerade mal 19-jährigen Adeline Blondieau vor den Traualtar, auch diese Beziehung hält nicht lange. Seit 1996 ist er mit Laeticia Boudou verheiratet. 

Sein turbulentes Privatleben stört die Fans nicht. Auch nicht die Alkohol- und Drogenexzesse des Künstlers. Musikalisch ist Johnny Halliday in Frankreich nicht zu toppen. In seiner über 50-jährigen Karriere sahnt er einen Preis nach dem anderen ab. Neun seiner Alben erreichen Diamant-Status, 18 weitere Platin-Status und zehn Tonträger Gold-Status. Seine Songs wie "Marie", "Oh, ma jolie Sarah",  "Je t'aime" oder"Laisse les filles" sind längst Gassenhauer.

 

In Deutschland, wo er im badischen Offenburg seinen Militärdienst ableistet, erreicht er bei weitem nicht die Popularität wie in seiner Heimat. Im Nachbarland steht man eher auf weichgespülte Chansons als auf Rock à la francaise. Auch anderswo wird er nie zum Superstar, aber immerhin: Man kennt ihn in der Welt lange als einzigen französischsprachigen Rocker.

Parallel zu seiner Karriere als Musiker bastelt Hallyday an seiner Schauspielerlaufbahn. Er dreht unter anderem mit Jean-Luc Godard, Costa-Gavras, Patrice Leconte und Claude Lelouch. Im deutschen Fernsehen ist der Franzose auch in dem Krimi "David Lansky" zu sehen. 


"In jedem von uns steckt etwas von Hallyday" 

Im Herzen der Franzosen bleibt Hallyday aber vor allem der Rocker der Nation. Und der feiert 2000 mit 600.000 Zuschauern auf dem Marsfeld sein 40-jähriges Bühnenjubiläum mit einem Gratiskonzert. Es ist das größte Konzert seiner Karriere. Neun Jahre später läutet er dann seine Abschiedstournee ein, die allerdings nach einer Bandscheibenoperation ein jähes Ende findet. Ein Jahr später veröffentlicht er ein neues Album "Jamais Seul" (Nie allein) und geht dann doch noch mal auf Tour. Im Januar 2016 beim Jahresgedächtnis für die Terroranschläge auf die Redaktion der Satirezeitung "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt tritt er mit dem Lied "Un dimanche de janvier" ("Ein Sonntag im Januar") ein letztes Mal ins Rampenlicht. 

Im November 2016 wird bei dem Sänger ein Lungentumor entdeckt. Er stirbt schließlich am 6. Dezember 2017 in seinem Haus in Marnes-la-Coquette, westlich der Hauptstadt Paris. Staatspräsident Emmanuel Macron reagiert noch in der Nacht: "Von Johnny Hallyday werden wir weder den Namen noch die Schnauze oder die Stimme vergessen", schreibt er, und dass "in jedem von uns etwas von Hallyday" stecke.

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