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Kultur

Johannistag

Von Pastorin Claudia Aue, Kiel

Claudia Aue, Radiopastorin Kiel

Claudia Aue, Radiopastorin Kiel

Sonst waren die wöchentlichen Spaziergänge der beiden Freundinnen meist lustig und voller Geschichten. Aber einmal im Jahr - genau in dieser Zeit – kam der gefürchtete Satz: von der Älteren „Jetzt werden die Tage wieder kürzer“. Schweigen und unausgesprochene Gedanken. Die Tage werden kürzer, wir gehen heute Abend auf die Johannisnacht zu und ab morgen sind es nur noch sechs Monate bis Weihnachten. Haben wir unseren Zenit schon überschritten – in unserem Sommer – in unserem Leben?

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Zeit in der Mitte des Jahres, einmal anzuhalten, zurückzuschauen - und nach vorn. Morgen können wir aber nicht nur die Tage bis zum Christfest zählen, sondern auch den Johannistag feiern - den Geburtstag Johannes des Täufers. Und während jetzt die Tage immer kürzer werden, geht es bei Johannes darum: dass er sich selbst zurücknimmt, um Christus Raum zu geben. Das Licht, das er durch Christus in die Welt kommen sah, soll immer mehr strahlen. Johannes selber aber weniger glänzen. Er sagt: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.

Steht also einer, der nicht im Mittelpunkt stehen wollte, morgen im Mittelpunkt? Einer, der etwas kauzig daher kam und offensichtlich zugleich faszinierend: Am Ufer des Jordan wirkte der Täufer. Gekleidet in ein Gewand aus Kamelhaaren, ernährte er sich von Heuschrecken und wildem Honig. Diese „Stimme eines Predigers in der Wüste“ lockte die feine Gesellschaft Jerusalems heraus aus den sicheren Mauern der Stadt.

Hier sagt ihnen einer ungeschminkt die Wahrheit, und das kommt offensichtlich an. Trotz harscher Gerichtsworte, etwa diesen: „Ihr Otterngezüchte, wer hat denn euch gewiesen, das ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? … Schon ist die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Mt. 3, 7ff.) Johannes ruft zur Taufe der Buße und Umkehr. Die zornige Bußpredigt des Täufers ist kompromisslos. Deshalb wird er auch kurze Zeit später von den Machthabern gefangen gesetzt und getötet.

Doch zuvor hatte Johannes auch Jesus getauft. Im Johannisevangelium steht im dritten Kapitel die Szene, in der wir den imposanten Bußprediger von einer ganz anderen Seite kennen lernen – gleich, nachdem er Jesus getauft hat, sagt er: „Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm her gesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabei steht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt. Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“

Kein wütender Prediger diesmal, sondern einer, der Freude ankündigt. Genau diese Gegensätze machen Johannes für mich so überzeugend. Da kommt ein eher sperriger, asketischer Wüstenmensch und spricht plötzlich eine ganz andere Sprache. Er, der sonst vom Otterngezücht predigt, malt nun eine Hochzeit aus – er sei Teil eines großartigen Festes - als Freund des Bräutigams sei er Teil des großen Ganzen – er scheint nicht mehr wütend und zornig über das Unrecht, sondern überzeugt, dass etwas Neues angebrochen ist: Er muss wachsen, ich muss abnehmen.

Das ist eine Kunst: Zurück zu schauen und sich zurück nehmen zu können. Den eigenen Abgang vorbereiten zu können. Den Nachfolger, die Nachfolgerin einzuführen, bekannt zu machen. Dann hat man sich nicht zum Spielball gemacht von Veränderungsprozessen, sondern sie mitgestaltet, ihnen ins Auge gesehen. Welche innere Größe kostet es, mich selbst für ersetzlich zu halten. Und zwar nicht mein Leben, meine Persönlichkeit, sondern die Aufgabe, die ich innehabe. Vielleicht kommt ja auch etwas Neues oder es ist endlich einmal wieder Raum für neue Ideen. Der Johannistag ist das Bergfest dieses Jahres und eignet sich besonders gut dazu: zurückzuschauen nachzudenken, was ich vorbereitet habe und wem oder was ich Raum geben will in den kommenden Monaten. Johannes wusste es - und für uns ist der Sommer noch lange nicht vorbei!

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