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Keine Angst vor Terror bei der Ruhrtriennale

Gaby Reucher15. August 2016

Seit 2015 leitet Johan Simons die Ruhrtriennale. Schon in seinem ersten Festivaljahr wurde klar: Dieser Mann beschäftigt sich mit den brennenden Fragen unserer Zeit. Im DW-Interview hinterfragt er Glauben und Werte.

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Ruhrtriennale Intendant Johan Simons Foto: Caroline Seidel/dpa
Bild: picture-alliance/dpa/Seidel

Der holländische Theatermacher Johan Simons war Intendant der Münchener Kammerspiele, bevor er 2015 die Leitung der Ruhrtriennale übernahm. Sechs Wochen lang finden im Ruhrgebiet an verschiedenen Industrieorten Schauspiel, Tanz, Rauminstallationen, Musiktheater und Konzerte statt. In der Metropole der Schwerindustrie leben viele Arbeitslose, und auch viele Bürger mit ausländischen Wurzeln. Mit dem Projekt "Urban Prayers Ruhr" will Johan Simons auf diese Menschen zugehen und über Glaubensfragen und Werte sprechen. Der Holländer ist überzeugt, dass nur der Dialog die Menschen einander näher bringt. Gerade in Zeiten des Terrorismus.

DW: Sie haben die Ruhrtriennale unter das Motto "Seid umschlungen" aus Schillers "Ode an die Freude" gestellt und wollen in diesem Jahr die zentralen Werte der französischen Revolution, nämlich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hinterfragen. Was bedeuten diese Werte für Sie?

Johan Simons: Die Begriffe sind alle mit einem Fragezeichen versehen. Also was bedeuten diese Werte heutzutage noch für uns alle. Wir haben die Begriffe genommen, weil die Welt in diesem Moment auf der Suche nach einer neuen Identität ist. Etwa wie es funktionieren kann, mit so vielen unterschiedlichen Kulturen zusammen zu leben. Hier im Ruhrgebiet gibt es 171 Nationalitäten mit unterschiedlichem Glauben und wir haben unsere europäischen Werte aus dem Humanismus. Was ist heutzutage zum Beispiel Freiheit? Muss man vielleicht überlegen, ob es zu viel Freiheit gibt? Ich weiß es nicht.

Meinen Sie damit, dass man etwa Sicherheit über Freiheit setzt?

Wenn man sieht, wie die ganze Gesellschaft überwacht wird, etwa in Brüssel, wo ich oft bin, da gibt es viel Armee- und Polizeipräsenz auf der Straße. Man könnte denken, dieses Land wird besetzt. Ich finde, wenn man mit Kunst arbeitet und so ein Festival leitet, dann sollte man zeigen, dass man nach Wörtern greifen kann. Worte sind natürlich auch Waffen, aber in diesem Fall friedliche Waffen.

Duisburg Moschee DITIB Imago/Reichwein
In Duisburg-Marxloh gibt es eine aktive DITIB-Gemeinde, die offen ist für Gespräche.Bild: Imago/Reichwein

Um das Projekt "Urban Prayers Ruhr" von Björn Bicker zu verwirklichen, haben Sie mit Leuten aus vielen Kulturen, vielen Religionsgemeinschaften gesprochen und diskutiert. Ging es da auch um humanistische Werte?

Ich bin ständig unterwegs und rede mit vielen Leuten. Man muss immer den Dialog führen, egal, welchen Standpunkt jemand einnimmt. Man sollte auf den jeweiligen Standpunkt eingehen und dann auch seine eigenen Werte darstellen.

Was heißt das in Ihrem Fall?

Ich bin zum Beispiel sehr christlich erzogen worden. Ich musste einmal pro Woche in die Kirche und zu jeder Mahlzeit beten und dann noch abends eine Stunde auf Knien vor meinem Bett. Mit 14 habe ich gedacht, Gott existiert nicht. Dass er existiert, wird von Menschen gesagt und nicht von Gott selbst. Aber so eine Erziehung verfolgt einen ja sein Leben lang und ich sage immer, die große Strafe Gottes ist, dass er für mich nicht existiert.

Und dann komme ich hier in dieser Moschee ins Gespräch mit einem Mann und ich erzähle meine Geschichte über meine Zweifel und dann frage ich ihn: 'Haben Sie nie gezweifelt?' Und dann sagt er: 'Nein, ich bin geboren und aufgewachsen mit dem Islam und das bleibt bis ans Ende meines Lebens, dass ich immer an den Islam glaube.' Das bedeutet, er hat keine Zweifel. Ich selbst komme aus einer europäischen Kultur, wo der Zweifel ein großes Gut ist. In diesen Zeiten muss ich meine Zweifel zeigen und auch über meine Zweifel sprechen und das tue ich. Ich möchte zuhören und möchte, dass sie verstehen, warum ich zweifle.

"Urban Prayers" ist ein Musik-Theaterstück bei dem es um Glaubensfragen geht. Sie haben das früher schon in München inszeniert. Wie war das?

Die Premiere in München war in einer Synagoge, da waren Muslime, Orthodoxe und andere Glaubensgemeinschaften und saßen friedlich nebeneinander. Genau die Situation, von der man sich wünscht, dass eine Zeitung mit so einer Nachricht einmal aufmachen würde.

Duisburg Ruhrtriennale 2016 "Urban Prayers" Merkez Moschee
In der Duisburger Merkez-Moschee saßen die Zuschauer bei "Urban Prayers" friedlich zusammenBild: DW/G. Reucher

Bei der Ruhrtriennale 2016 haben wir gedacht, wir sollten auf die Religionsgemeinschaften im Ruhrgebiet eingehen und versuchen, durch unterschiedliche Gemeinden zu touren. Der erste Ort, den wir uns ausgesucht haben, war diese Moschee in Duisburg-Marxloh. Wir mussten erst einmal die Leute überzeugen, auch wenn sie sehr offen waren. Wir sollten das Projekt in einem Nebenraum aufführen, sagten sie anfangs, nicht in der Moschee. Aber je mehr wir mit den Leuten gesprochen haben, desto offener wurden sie. Und am Ende haben sie gesagt: ' Ach, macht es einfach in der Moschee.'

Während der Vorbereitungen zu "Urban Prayers Ruhr" ist viel in der Welt passiert, von den Anschlägen in Paris und Brüssel, bis hin zum Putschversuch gegen Erdogan und dem wachsenden Rechtspopulismus in Deutschland. Hat das ihre Arbeit mit beeinflusst?

Wir hatten ja das Thema "Seid umschlungen" und haben dann wegen der Anschläge in Paris gedacht, wir müssen auch unsere Grundwerte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit befragen, weil unsere Demokratie auf diesen Grundwerten aufbaut. Hier in dieser Moschee sind viele für Erdogan. Alles nette Menschen. Ich will das nicht gleich verurteilen. Auch wenn ich es mir nicht vorstellen könnte, dass man Religion und Staat gleichstellt. Da wollte ich nicht leben, wo die Religion wichtiger ist als alles andere.

Bühnenszene von "Das Rheingold". Foto: JU/Ruhrtriennale 2015
Bei Regisseur Johan Simons geht es immer zur Sache. Hier seine Inszenierung von "Das Rheingold" (2015)Bild: JU/Ruhrtrienale

Man muss auch Dinge sagen können, die den Menschen nicht so gut gefallen, auch über den Glauben. Angst vor Terrorismus habe ich nicht. Ich bin da ganz positiv eingestellt. Wir hatten bei einer Vorstellung 4300 Leute auf dem Gelände, und da ist nichts passiert.

Sie selbst sind nicht gläubig im religiösen Sinne. Woran glauben Sie?

Man kann an Liebe und Freude glauben. Liebe existiert. Außerdem versuche ich ein humanistischer Mensch zu sein. Ich versuche ein Europäer zu sein, also bin ich auch Teil dieser drei Grundwerte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Bei der Ruhrtriennale wollten wir, wie gesagt, gerne weiter über genau diese Grundwerte diskutieren. Und fragen, ob sie funktionieren. Funktioniert Freiheit, funktionieren Gleichheit oder Brüderlichkeit heute noch?

Das Gespräch führte Gaby Reucher