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Wirtschaft

Jobwunder auf dem Prüfstand

Krisenstimmung in ganz Europa: Nur der deutsche Arbeitsmarkt zeigt sich äußerst robust. Doch markieren Massenentlassungen bei Unternehmen wie Schlecker oder Deutsche Bank nicht bereits eine Trendwende?

Mitarbeiter von Karstadt demonstrieren (Foto: dpa)

Entlassungen bei Konzernen kein genereller trend

In der Rangliste der Arbeitsplatzvernichter steht der Handel derzeit an erster Stelle. Durch die Pleite der Drogeriemarktkette Schlecker gehen 25.000 Jobs verloren. Beim Warenhauskonzern Karstadt sollen 2000 Stellen abgebaut werden, rund 1400 beim Online-Versandhändler Neckermann.de und 900 beim Handelskonzern Metro.

Bei den Energieversorgern RWE und Eon stehen 16.000 Jobs auf der Kippe - die von der Regierung beschlossene Energiewende samt Atomausstieg hinterlässt ihre Spuren. Und nun kündigt auch noch die Deutsche Bank die Streichung von 1900 Stellen an, allerdings vorrangig im Ausland.

Herausforderungen für den Arbeitsmarkt

Ist das der Anfang von Ende des deutschen Jobwunders? Arbeitsmarkt-Experten wie Hans-Peter Klös vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln geben Entwarnung:

"Wir glauben, dass der deutsche Arbeitsmarkt – wie auch in der Vergangenheit – eigentlich in einer guten strukturellen Konstitution ist, um gegen diese Herausforderungen zu bestehen", so Klös zur DW.

Denn man dürfe nicht vergessen, dass die demografische Entwicklung in Deutschland eher auf eine Absenkung des Arbeitsangebots hinaus laufe. Gleichzeitig gebe es jetzt schon in einigen Branchen durchaus spürbare und zum Teil ausgeprägte Engpässe an Arbeitskräften.

Nachlaufender Indikator

Der Arbeitsmarkt reagiere als klassischer "nachlaufender Indikator" zeitversetzt auf konjunkturelle Abschwächungen. Insofern müssten die aktuellen Monatswerte genau im Auge behalten werden. Dort fänden sich zwar bereits Indizien für einen gemäßigten Rückgang des Wachstums. Dass der Arbeitsmarkt in absehbarer Zeit aber kippen würde – davon könne nicht die Rede sein.

"Wir haben in der öffentlichen Wahrnehmung eine gewisse Asymmetrie", betont Klös ausdrücklich. "Wir hören sehr aufmerksam hin, wenn große Unternehmen Pläne zum Stellenabbau vorlegen. Aber wir nehmen nicht zur Kenntnis, wenn wir viele kleine Meldungen über den Aufbau von Beschäftigung in der gesamten bunten deutschen Volkswirtschaft haben."

Hohe Dynamik

Dieser Ansicht ist auch Alexander Herzog-Stein, Arbeitsmarktexperte bei der gewerkschaftsnahen Hans Böckler-Stiftung. Massenentlassungen wie im Falle Schlecker wirkten im Einzelfall aufgrund der breiten Berichterstattung in den Medien sehr dramatisch.

Sie spiegelten aber nicht die Gesamtentwicklung am Arbeitsmarkt wider, "weil der Arbeitsmarkt im Laufe eines Jahres sehr dynamisch verläuft", so Herzog-Stein gegenüber der DW.

Im Laufe eines Jahres wechselten Millionen von Menschen ihren Arbeitsplatz oder verlören ihren Arbeitsplatz. Und fast genauso viele fänden auch wieder Arbeit. "Wir müssen uns vorstellen: Arbeitsplätze so in der Größenordnung von sieben Millionen gehen pro Jahr verloren. Und ungefähr sieben Millionen entstehen auch wieder", sagt Herzog-Stein.

Folgen der Schuldenkrise

In Deutschland gibt es insgesamt rund 29 Millionen sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse. Knapp ein Viertel davon wird also in jedem Jahr beendet, etwa genau so viele werden im gleichen Zeitraum neu geschaffen. Der Verlust von einigen zehntausend Stellen fällt dabei – so tragisch er im Einzelfall auch sein mag – rein statistisch gesehen kaum ins Gewicht. Spezifische Verwerfungen etwa im Handel oder bei den Energieversorgern treiben also keine Sorgenfalten auf die Stirn der Arbeitsmarktexperten.

Die Folgen der Schuldenkrise und die Sorge vor dem Auseinanderbrechen der Eurozone wiegen da schon schwerer. "Wir sehen ja schon - was den meisten bei der Berichterstattung auch wieder nicht auffällt - dass die registrierte Arbeitslosigkeit der Bundesagentur für Arbeit in den letzten Monaten saisonbereinigt schon leicht angestiegen ist", sagt der gewerkschaftsnahe Experte.

Trendwende nicht ausgeschlossen

Herzog-Stein sieht innerhalb der nächsten zwei Jahre eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine Trendwende auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Wegen der krisenbedingten Sparmaßnahmen seien zumindest europaweit rückläufige Entwicklungen zu erwarten, von denen sich Deutschland nicht abkoppeln könne.

Hans-Peter Klös vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft teilt diese Bedenken nicht. Er glaubt zwar auch, dass eine weltwirtschaftliche Eintrübung nicht von der Hand zu weisen sei. Sie werde sich sicherlich auch auf den deutschen Arbeitsmarkt in absehbarer Zeit auswirken. "Aber es wird nicht die grundlegende Trendwende am Arbeitsmarkt zu beobachten sein", ist sich Klös sicher.

Die Arbeitslosenquoten in Deutschland seien in weiten Teilen immer noch abwärts gerichtet. Bei den europäischen Partnern gehe der Trend allerdings eher in die entgegen gesetzte Richtung.

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