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Nahost

Jobmangel in Ägypten

Als die Ägypter Präsident Mubarak aus dem Amt jagten, hofften sie auf eine große Zukunft. Ökonomisch ist sie nicht eingetreten, im Gegenteil: Die Wirtschaft liegt am Boden. Viele Ägypter suchen händeringend Arbeit.

Wie es weitergehen soll, weiß Huda nicht. Zurzeit, erklärt die junge Archäologin, könne sie sich nur mit mehreren Jobs über Wasser halten. An einer Universität gibt sie Kurse zur ägyptischen Frühgeschichte, für ein Unternehmen übersetzt sie Texte aus dem Englischen, und schließlich führt sie auch noch Besucher durch ihr Land - jedenfalls dann, wenn welche kommen. Oft ist das aber nicht mehr der Fall.

Wie ihr geht es derzeit vielen Ägyptern. Immer mehr springen zwischen verschiedenen Jobs hin und her, nehmen mal diese, mal jene Arbeit an, sind froh, überhaupt noch etwas Geld zu verdienen. Auf 12,5 Prozent ist die Arbeitslosigkeit offiziellen Angaben zufolge gestiegen. Dass sie damit ihren höchsten Stand erreicht hat, ist unwahrscheinlich, fürchtet der Ökonom Ahmed Kamaly von der unabhängigen Amerikanischen Universität Kairo im Gespräch mit der DW. Wahrscheinlicher sei das Gegenteil: "Die politische Lage ist unsicher, und das wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus. Die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen."

Selbst Grundnahrungsmittel kaum noch bezahlbar

Ägypterin an einem Marktstand (Foto: Getty Images)

Grundnahrungsmittel: für viele Ägypter unerschwinglich

Knapp zweieinhalb Jahre nach dem Sturz Mubaraks durchläuft Ägypten eine ökonomische Depression. Die ausländischen Investoren haben das Land verlassen und ihr Geld mitgenommen: Allein für das Jahr 2011 vermeldete die ägyptische Zentralbank einen Rückgang von 418 Millionen US-Dollar an Direktinvestitionen. Außerdem hätten sich die Anleger von Portfolio-Investitionen im Wert von 3,3 Milliarden US-Dollar getrennt. Hinzu kommt ein starker Währungsverfall. Um den aufzuhalten und den Import lebenswichtiger Güter zu gewährleisten, hat die Zentralbank bereits über die Hälfte ihrer Dollarvorräte aufgebraucht. Dennoch können sich viele Ägypter selbst Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Gemüse und Reis kaum noch leisten. Auch Strom und Benzin sind für viele Menschen unbezahlbar geworden. Die Folge: Ein gutes Viertel des ägyptischen Staatshaushaltes wird für Sozialleistungen verwendet.

In dieser Situation müssen nun immer mehr Ägypter um ihre Arbeit fürchten. Er habe viele Mitarbeiter entlassen müssen, erklärt der Unternehmer Alaa Badawi im Gespräch mit der DW. Der Ingenieur ist in einer Branche tätig, die vor allem im heißen ägyptischen Sommer gute Dienste leistet: der Kühl- und Lüftungstechnik. Die Geschäfte liefen gut, jedenfalls bis zur Revolution im Jahr 2011. "Bis dahin hatte mein Unternehmen gut 70 Angestellte, jetzt sind es noch 30. Mehr kann ich mir nicht mehr leisten", klagt Badawi.

Mangelhaftes Ausbildungssystem

Mann transportiert Klimaanlage mit einem Fahrrad (Foto: picture alliance/ap photo)

Mit Klimaanlagen konnte man früher in Ägypten gute Geschäfte machen

Zu schaffen macht dem Firmeninhaber vor allem der Wertverfall des ägyptischen Pfundes. "Das macht alles teuer für mich. Darum muss ich die Löhne kürzen und Angestellte entlassen", erzählt er. Von den verbliebenen Mitarbeitern hätten nur zehn einen festen Vertrag. Der Rest arbeite auf Monatsbasis. Glücklich ist Badawi nicht darüber, sieht derzeit aber keine andere Möglichkeit: "Investitionen sind derzeit sehr riskant. Darum ist es für Unternehmer momentan sehr schwierig, feste Mitarbeiter einzustellen."

Die Gründe für die Misere reichen weit zurück. Über Jahrzehnte, erklärt Ahmed Kamaly, habe man es versäumt, das ägyptische Ausbildungssystem zu modernisieren. Zwar habe die Wirtschaft unter Mubarak lange Zeit geboomt und Wachstumsraten verzeichnet. Doch einen nennenswerten Schub am Arbeitsmarkt habe das schon damals nicht ausgelöst", erinnert sich der Ökonom. "Das lag vor allem daran, dass das Ausbildungssystem die Erfordernisse des Arbeitsmarktes nicht erfüllte. Und dieses Missverhältnis zwischen Qualifikationsanforderungen und tatsächlichem Ausbildungsstand besteht nach wie vor." Das habe dazu geführt, dass viele qualifizierte Arbeitsplätze gar nicht hätten besetzt werden können - zumindest nicht mit heimischen Kräften. Der Bankensektor etwa suche dringend nach gut ausgebildeten Mitarbeitern, finde sie aber nicht. "Das führt dann dazu, dass ein erheblicher Teil der Belegschaft aus dem Ausland kommt."

Stadtansicht Kairo (Foto: Timurk/Fotolia)

Viele Menschen, wenig Arbeit: Ansicht von Kairo

Wenig ermutigende Signale

Doch nicht nur mit den Versäumnissen der Vergangenheit haben die ägyptischen Unternehmer zu kämpfen. Zu schaffen machen ihnen auch die Herausforderungen der Gegenwart. Die derzeitige Regierung sende keine sonderlich ermutigenden Signale aus, erklärt Kamaly. Während das vorherige Regime vor allem auf Privatisierung gesetzt habe, schlage das derzeitige den entgegengesetzten Kurs ein und hole Firmen in den öffentlichen Sektor zurück. "Das signalisiert Investoren, dass Ägypten zurück in Richtung Verstaatlichung geht. Das ist ein sehr schlechtes Zeichen."

Für Kamaly liegen die wesentlichen Herausforderungen darum nicht im ökonomischen Bereich: "Die Wirtschaft ist nur ein Symptom." Die eigentlichen Probleme seien anderer Natur. "Die politische Zukunft ist ungewiss. Hinzu kommt, dass Schlüsselpositionen mit Personen besetzt sind, die kaum Erfahrung auf diesen Gebieten haben. Das alles wirkt sich auch auf die Wirtschaft aus."

Auszug aus Ägypten

Wie soll es weitergehen mit Ägypten und den Ägyptern? Auf keinen Fall könne das Land den bisherigen Kurs fortsetzen, sagt Alaa Badawi. Ägypten habe in den letzten Jahren sehr viele Schulden aufgenommen. Durch sie werde das Land seine Probleme aber nicht lösen. "Darum sollte sich Ägypten in den kommenden Jahren den eigentlichen Herausforderungen widmen. Es sollte die Infrastruktur ausbauen und das Ausbildungs- und Gesundheitssystem verbessern." Das allerdings brauche Zeit. Man müsse in Fristen von zehn oder zwanzig Jahren denken.

So lange will Huda, die junge Archäologin, aber nicht warten. Sie denkt über Alternativen nach. Etwa Ägypten zu verlassen und ihr Glück anderswo zu versuchen.

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