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Musik

Joachim Sartorius: Die Türkei ist heterogener geworden

Partnerschaften und Austauschprogramme sind der Kern der Kulturarbeit, meinte Joachim Sartorius zum Auftakt des Kulturprojektes "Beethoven ile buluşma - Begegnung mit Beethoven".

Der Lyriker, Herausgeber und Übersetzer Joachim Sartorius ist ehemaliger Generalsekretar des Goethe-Instituts und leitete bis 2011 die Berliner Festspiele. Sartorius hielt diese Ansprache zum Auftakt des Projektes "Beethoven ile buluşma - Begegnung mit Beethoven":

Als die Beitrittsgespräche der EU mit der Türkei begannen, riefen meine Istanbuler Freunde halb im Scherz, halb aber auch in freudiger Erregung: 'Wir sind keine Osmanen mehr, wir sind Europäer!'

Diese Euphorie hat sich mehr als abgekühlt. 'Privilegierte Partnerschaft' - das ist Angelika Merkels klangvolle Formel, die von der Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten so übernommen wurde. Sie soll darüber hinwegtäuschen, dass in Europa nicht jeder gleich willkommen ist.

Umgekehrt ist die in Nöten geratene, finanziell schlingernde EU nicht mehr das erste Objekt der türkischen Begierden. Die Türkei ist politisch, vor allem aber wirtschaftlich so erstarkt, dass sie den Beitritt zur EU nicht mehr unter allen Umständen 'braucht'. Da zum einen die Beitrittsgespräche seit Jahren auf der Stelle treten und zum anderen die Wirtschaftsbeziehungen zwar gedeihen, jedoch von knallharten Interessen geleitet werden, sind die Bereiche von Kultur und Bildung für das deutsch-türkische Verhältnis um so wichtiger.

Integration durch Aufklärung und Bildung

Eigentlich ist die Türkei schon lange in Europa angekommen. Migranten mit türkischen Wurzeln sind aus der deutschen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Das Zusammenleben ist zwar nicht immer von Harmonie und Respekt geprägt, aber in den letzten Jahren sind hier erhebliche Fortschritte erzielt worden. Von der Fiktion eines ethnisch (oder auch religiös) homogenen Landes haben sich alle deutschen Politiker längst verabschiedet.

Im Kultur- und Bildungsbereich liegen die Hauptaufgaben für Integration und migrantische Projekte bei den Kommunen und Ländern. Wichtig scheint mir, dass Einrichtungen gefördert werden, die sich offensiv auf Vielfalt und kulturelle Differenzen einlassen und so das gegenseitige Verständnis fördern. Die Bruchlinien, an denen Intoleranz und Unverständnis lauern, verlaufen nicht, wie uns die Chefideologen des "Clash of Civilisations" glauben machen wollen, entlang kultureller Grenzen. Konflikte drohen vielmehr zwischen globalisierten Eliten und dem Heer der Globalisierungsverlierer, und dieser Riss verläuft mitten durch die Kulturen.

Bindungen stärken durch Kulturaustausch

In den letzten Jahren ist eine neue Situation entstanden. Die Türkei legt die kemalistische Zwangsjacke der türkischen Monokultur ab. Das Phantom einer homogenen Nation zerfällt (wie es bei uns, nur einige Jahrzehnte früher, zerfallen ist). Das Land entdeckt seine lange verleugneten Ethnien und Sprachen. Besonders in den Großstädten, allen voran in Istanbul, vergrößern kosmopolitisch eingestellte Künstler, Schriftsteller, Verleger, Architekten und Designer den öffentlichen Raum. Die deutsche auswärtige Kulturpolitik trifft auf eine einmalige Situation, die sich durch Offenheit, viele neue potentielle Partner auf der einen Seite und dem Versuch stärkerer staatlicher Kontrolle auf der anderen Seite auszeichnet.

Auch wenn vieles auf dem Feld des Kulturaustausches nun von selbst geschieht, weil sich Kuratoren beider Länder, Komponisten, Filmschaffende, Autoren und Geisteswissenschaftler persönlich kennen und vernetzen, so bedarf es doch einer beständigen Kulturarbeit, die ein verlässliches Netz spannt. Die deutsche auswärtige Kulturpolitik verfügt über da über ein effektives Instrumentarium. Das wirksamste Instrument sind meines Erachtens Stipendien, die längerfristige Aufenthalte im Gastland ermöglichen. Nur dadurch entstehen emotionale und kognitive Bindungen, die nie mehr zerreißen können.

Zusammenarbeit durch langfristige Partnerschaften

Einfluss auf und Bedeutung für die öffentliche Meinung sind, wie wir alle wissen, enorm. Umso wichtiger erscheinen mir daher langfristige Partnerschaften mit türkischen Medienpartnern - Partnerschaften zum Beispiel wie jetzt bei dem Projekt  'Beethoven ile buluşma - Begegnung mit Beethoven' mit NTV, der Tageszeitung 'Radikal' und Acik Radio. Die zentrale Frage hierbei ist, ob solche Partnerschaften auch jenseits eines konkreten Projekts auf eine permanente Basis gestellt werden können. Ein Fernziel könnte nach dem Vorbild von arte, dem deutsch-französischen Fernsehkanal, der Aufbau eines deutsch-türkischen Fernsehsenders sein.

Neue Kommunikationsformen einbeziehen

Neben den 'traditionellen' Medien gewinnen die sozialen Netzwerke im Internet - also Facebook, Twitter oder YouTube - immer größere Bedeutung. In beiden Ländern wächst eine neue Generation heran, die sich hier trifft und austauscht, mittels einer 'neuen' Sprache und mit ganz anderen Sichtweisen und Erwartungen als die der älteren Generationen. Vielleicht entstehen aus diesem noch wild wachsenden Geist der Vielfalt neue und komplexe Verflechtungen zwischen den Jugendlichen unserer beiden Länder.

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