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Kunst

Joachim Ringelnatz als Maler. Ausstellung im Zentrum für verfolgte Künste

Seine Reime bringen die Menschen zum Lachen. Joachim Ringelnatz war aber nicht nur Kabarettist und Schriftsteller. Er war auch Maler. Die Nazis verfolgten ihn. Seine Gemälde sind nun in Solingen zu entdecken.

"Ich bin ein ungezognes Kind, weil meine Eltern Säufer sind. Verzeih mir, daß ich gähne. Beschütze mich in der Not, Mach meine Eltern noch nicht tot. Und schenk der Oma Zähne." Wie komisch ein kindliches Abendgebet klingen kann! Joachim Ringelnatz' Gedichte sprühen vor Humor. Doch auch als Maler hat Ringelnatz (1883-1934) ein beträchtliches Oeuvre vorzuweisen. Es ist ab sofort im Solinger "Zentrum für Verfolgte Künste" zu sehen, als erste große Ausstellung seit der Eröffnung des Hauses im Dezember 2015.

Rund 70 Bilder versammelt die Schau, davon 50 Originale und 20 Faksimilies verschollener Bilder, die anhand von Fotografien reproduziert wurden. Manche stammen von Privatsammlern oder sind Leihgaben aus Museen in Köln, Neuss, München oder Heidelberg. Die meisten Arbeiten jedoch hat der Schauspieler und Rezitator Norbert Gescher beigesteuert, ein Sohn der Ringelnatz-Witwe Leonharda Ringelnatz-Gescher. Er versteht sich als der "Siegelverwahrer" des einstigen Multitalents. Sein Stolz ist berechtigt.

Der Maler und Dichter Joachim Ringelnatz.

Der Maler und Dichter Joachim Ringelnatz.

Keine Schublade für Ringelnatz' Malerei

Ringelnatz' Bildmotive gehen querbeet: Hier der Blick in einen üppig wuchernden Urwald, dort eine Vogelperspektive auf Felder, Wälder und Siedlungen. Ringelnatz lässt einen Elefanten im Sturm unter dahin jagenden Wolken aufmarschieren. Oder er erfasst die Poesie treibender Eisschollen im Meer. "Dachgarten der Irrsinnigen" heißt ein Werk aus dem Jahr 1925, das wie ein Vorläufer des - heute populären - Wimmelbildes wirkt: Bunte Lampions baumeln über einer Szenerie aus lauter Verrücktheiten. Eine Frau hängt am Galgen, eine andere reckt ihr entblößtes Hinterteil in die Luft. Gestalten sitzen zechend am Tisch. Ein Mann übergibt sich, ein anderer stürzt sich über die Ballustrade. Dazu musiziert eine Blaskapelle. War das Ringelnatz' Kommentar zu den Verhältnissen der Weimarer Republik?

Ringelnatz' Bilder lassen sich schwer über einen Kamm scheren. Mal greift der Künstler mutig zur Farbe, malt verschwenderisch bunt, setzt expressive Kontraste. Dann wieder überrascht er mit dezenter Kolorierung, die an japanische Holzschnitte erinnert. Das ist weder Expressionismus noch Surrealismus und auch nicht Neue Sachlichkeit - Ringelnatz' Malerei lässt sich keiner Stilrichtung zuordnen. Er war kein ausgebildeter Künstler. Und doch gehörte er seit 1925 der Preussischen Akademie der Künste an. Seine Werke wurden in Ausstellungen gewürdigt: etwa 1929 in der Kasseler Schau "Neue Kunst in der Orangerie" von Arnold Bode, des Gründers der Weltkunstschau "documenta" von 1955.

Der Maler überstrahlt den Dichter

Außenansicht des Solinger Zentrums für verfolgte Künste. Foto: Stefan Dege, DW

Das Zentrum für verfolgte Künste in Solingen

Augenzwinkernd ließ er sich als "Kunstmaler" im Berliner Telefonbuch eintragen. 1934 war das, da hatten die Nationalsozialisten die Bücher des populären Humoristen verbrannt und ihm Schreibverbot erteilt. Doch damit nicht genug. Auch eine Reihe seiner zumeist kleinformatigen Gemälde entfernten die Nazis als "Entartete Kunst" aus deutschen Museen. Viele seiner Bilder gingen im Krieg verloren, die meisten gehören heute Privatleuten.

Die Solinger Ausstellung mit dem poetischen Titel "War einmal ein Bumerang. Der Maler Joachim Ringelnatz kehrt zurück" versteht sich als Retrospektive. Sie will einen Überblick über Ringelnatz' malerisches Gesamtwerk geben. "Die Schau ist exakt die Blaupause für das Konzept unseres Zentrums für verfolgte Künste", sagt Kurator Jürgen Kaumkötter. Als Ringelnatz 1934 starb, so die These des Museums, da überstrahlte der Maler den Dichter. Kaum einer kennt seine Bilder. Das dürfte sich jetzt ändern.

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