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Musik

Joachim Kühn: "Ich bin ein Fachidiot"

Vom Jazzrock der 70er Jahre hat sich der Pianist längst abgewandt. Heute experimentiert er gerne mit Rhythmen und arabischen Skalen. Nun wurde der weltweit bedeutendste deutsche Jazzpianist 70 Jahre alt.

"Diese Klänge, Mensch Meier, dieses Piepsige, dieser Plastikanschlag, da ist überhaupt kein Gefühl drin." Joachim Kühn denkt zurück an seine Zeit als Keyboarder: die späten 1970er, Atlantic Records, der kommerzielle Durchbruch. "Ich war in den Billboard Charts, lebte in Hollywood, und machte diesen amerikanischen Trip mal für fünf Jahre mit. Aber so wollte ich mein Leben nicht verbringen. Dieser Jazzrock, da hatte ich überhaupt keinen Bock drauf. Ich habe genaue Vorstellungen, wie mein Leben auszusehen hat."

Zuhause auf Ibiza

Musiker Joachim Kühn (Foto: ACT / Christoph Hübner)

Üben und entspannen - am liebesten im Süden

Seit 20 Jahren verbringt er dieses Leben auf der Ferieninsel Ibiza. Von seiner Terrasse aus kann er auf das Meer blicken. Es ist Frühling und er könnte jetzt einfach zum Strand spazieren, vielleicht eine Runde schwimmen, wenn er Lust dazu hätte. Er hat keine Lust, von Sport hält er nichts, außerdem muss er ja arbeiten. "Je älter ich werde, desto mehr weiß ich, was man alles noch nicht weiß.

Ich studiere afrikanische Rhythmen, arabische Scales, es gibt laufend etwas Neues zu tun." Außerdem muss er üben: "Jeden Tag, nach wie vor. Jetzt im Alter noch mehr, damit du nicht einrostest."

Saxofon als Hobby

Gestern Abend hat er noch gespielt, nichts Großes. Es gibt einen Club in der Nachbarschaft, da tritt er einmal in der Woche auf. Nur so zum Spaß, am Saxofon mit seiner Ibiza Band. "Das ist mein Hobby: ich bin ein Pianist, der auch ein bisschen Saxofon spielt." Ansonsten verbringt er seine Zeit am Steinway Flügel in seinem Musikzimmer, oder manchmal an der Staffelei: In letzter Zeit hat er die Malerei für sich entdeckt. Joachim Kühn ist Individualist aus Leidenschaft. Natürlich lebt er alleine, eine Ehe, auf die er sich vor 30 Jahren einließ bezeichnet er als größten Fehler seines Lebens: "Ich bin ja gegen alles: ich bin gegen jede Partei, ich habe keinen Glauben, ich hab keine Katzen, ich hab keine Köter, ich hab keine Kinder, keine Weiber die mich nerven. Ich hab mich von allem total befreit, meine Gedanken sind frei."

Die DDR war zu eng

Musiker Joachim Kühn (Foto: ACT / Christoph Hübner)

Er liebt die Weite des Raumes

Kühn hat sich sein Leben lang konsequent von allen Fesseln befreit, und es damit sich selbst und auch seinem Publikum nicht immer leicht gemacht. Kein Wunder dass er dem sozialistischen Einheitsstaat bei erster Gelegenheit den Rücken kehrte. 1966 war der gebürtige Leipziger in der DDR schon ein etablierter Musiker mit mehreren Veröffentlichungen auf dem Amiga - Label. Als Staatsmusiker - neben dem Jazz - zum Aufführen von Tanzmusik verurteilt zu sein, war ihm aber eine unerträgliche Bürde.

Die Einladung zu einem Jazzwettbewerb in Wien nutzte er zur unverzüglichen Flucht. Bruder Rolf, als Klarinettist damals längst ein international bekannter Musiker, leistete Schützenhilfe. "Ich musste da raus. Jazz ist eine internationale Musik, das war einfach zu eng."

Aufbruch in Paris

Joachim und Rolf Kühn stehen auf einer Bühne(Foto: Stephanie Pilick/dpa)

Die Brüder bei der Verleihung eines Kulturpreises

Bis zur Maueröffnung 1989 setzte er keinen Fuß mehr in die alte Heimat. Im Westen öffnete sich für den Musiker eine neue Welt: Sessions mit den Saxofonisten Archie Shepp und Ornette Coleman, Plattenproduktion in New York, mit seinem Bruder Rolf Kühn als erste deutsche Künstler auf dem legendären Label "impulse!". Dann die Zeit in Paris, bis heute seine Lieblingsstadt und damals das Zentrum des europäischen Jazz.

"1968, da war der Teufel los: Freejazz, es war Aufbruch, die Jugend, alle Konventionen weg und freie Liebe, freie Musik, freies Leben. Das war eine Wahnsinnszeit."

"Formen habe ich abgeschafft"

Kompromisslose Freiheit, Fesseln sprengen, darum ging es Kühn auch stets in der Musik. Während die meisten Jazzer sich noch heute an den Songs des "Great American Songbook" erfreuen, war das Improvisieren über "Jazz Standards" nie sein Ding. "Formen habe ich ja in den sechziger Jahren schon abgeschafft. Das ist auch dass was mir am Jazz am wenigsten gefällt. Diese so genannten Standards, auf diesen 32 Takten ewig rumzunudeln, das war für mich nicht der Sinn des Lebens." Aber das konzeptlose Spiel im Freejazz erwies sich schon bald als ästhetische Sackgasse.

Das Joachim-Kühn-System

Ornette Coleman spielt Saxophon vor einem Mikrofon bei einem Autritt (Foto: picture-alliance/dpa)

Ornette Coleman - der Vater des Freejazz

Nach einem kommerziell erfolgreichen aber künstlerisch unmotivierten Ausflug ins Rockjazz-Genre, entdeckte Kühn während einer Probe mit Ornette Coleman zufällig eine neue Methode des Ausdrucks. Sein "Diminished-Augmented-System" bietet eine gewisse Struktur ohne dem kreativen Prozess die Flügel zu stutzen. " Als ich 1999 mit ihm in New York probte, da kam er mit seinen Melodien und ich sollte ja seine Melodien harmonisieren. Und da war ein Stück, da passte dieses Dur-Moll-Ding nicht mehr.

Und da sagte ich zu ihm, vielleicht sollte ich es mal mit vermindert und übermäßig probieren. Und da sagte er: 'Try it!'. Das war der Moment." Den übermäßigen Vierklang ("augmented") mit zwei großen Terzen und der großen Septime begreift er dabei als "mehr Dur als Dur" und den verminderten ("diminished") mit den geschichteten kleinen Terzen als absolutes Moll. Auf diese Akkorde beschränkt er sich seitdem und versteht sie als Klänge über die er mit seinen Begleitmusikern improvisiert. Selbst hartgesottene Jazzfreunde dürfte er mit dieser Wende sehr überrascht haben, die er bis heute unerbittlich verfolgt. "Ich bin halt ein Fachidiot, mich interessieren nur meine Ideen."

Musikalischer Entfesselungskünstler

Joachim Kühn trägt einen blauen Turban und lächelt in die Kamera (Foto: ACT / Christoph Hübner)

Joachim Kühn - der Afrika Fan

In der Hinsicht ist er sich jedenfalls ein Leben lang treu geblieben, ein kettensprengender Houdini des Jazz - bis heute. Jetzt hat er die afrikanische Musik für sich entdeckt und überwindet einmal mehr Grenzen, diesmal kulturelle. Sein aktuelles Trio hat er neben Schlagzeug mit "Gimbri", der afrikanischen Basslaute besetzt. "Es interessiert mich noch mehr, in die Welt zu gehen und Kulturen zu verbinden." erzählt er im Gespräch mit der DW.

"Wenn Musiker zusammenkommen, das ist wunderbar. Man kann vielleicht nicht miteinander reden, weil man nicht die gleiche Sprache spricht, aber zusammen spielen kann man immer."